Brief an einen Schizophrenen

15. Juni 2009, 17:11
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Ironisch nachgefragt: Waren wir gut genug für das Schauspielprogramm der Wiener Festwochen?

Wien - Manchmal denkt man, Schauspielprogramme wie dasjenige der Wiener Festwochen wären Persönlichkeiten: sprachbegabte Wesen mit Kopf und Rumpf; Androiden mit wucherndem Leib, doch vielfach gebrochener Seele.

Man tritt Schauspielchefin Stefanie Carp vielleicht nicht zu nahe, wenn man feststellt: Es ist sinnlos geworden, mit den Schauspielprogrammen der Wiener Festwochen Zwiesprache zu halten wie mit einer allenfalls leicht schizophrenen Persönlichkeit. Was unter dem Titel Es reicht noch lange nicht in sechs Wochen hineingepackt wurde, überstieg vielfach die Aufnahmekapazitäten auch hartgesottener Dabeigebliebener.

Nach außen überwiegt (noch vor Bekanntgabe der natürlich immer "steigenden" Auslastungszahlen) der tadellose Leumund. Wäre das Schauspiel eine Persönlichkeit, dann würde man ihm Gutes nachsagen. Theater ist nach wie vor eine Leitwährung, wenn es gilt, das diffuse Selbstverständnis der Donaumetropole zu bestimmen. Wien versteht sich multikulturell. Die "Benutzer" dieser wunderbaren Stadt müssen aber offenbar immer noch mit der Nase auf Ästhetiken und Bühnenpraktiken gestoßen werden, die sich - mit Blick auf kulturelle Brückenfunktionen - keineswegs von selbst verstehen.

Es ist eben nichts mehr so, wie es früher einmal war: Rührige Brauchtumsveranstaltungen wie Peter Steins Kleist-Inszenierung von Der zerbrochne Krug zeigen vor allem den Beharrungstrotz sich gemächlich überlebender Spielformen an.

Christoph Marthalers Eröffnungspaukenschlag mit Riesenbutzbach hatte da längst den Punkt einer ultimativen Verweigerung markiert. Das Theater thematisiert die Stillstandsängste, die in einer krisengeschüttelten Gesellschaft reihum gehen, und hebt sie Zunge zeigend auf die Bühne. Man konnte gut gegen Marthaler polemisieren im Jahre 2009; die Lähmungserscheinungen, die Langeweile, der Überdruss sind aber manifeste Stimmungslagen in einem Kulturgetriebe, das sein schlechtes Gewissen zeigt, indem es Vollständigkeitszwänge auslebt.

Wer Stein nicht braucht, bekommt eben seinen Gosch (R. I. P.). Wer polnische Mythenbearbeitungen nicht goutiert, kann sich immer noch an Differenzdiskursen aus der Türkei schadlos halten.

Krise herrscht immer: In Stefanie Carps Reich der theatralischen Weltbearbeitung geht die Sonne nie unter. Sie ist nur immer von Rußpartikeln getrübt. Der ideale Gesprächspartner dieses Theaterprogramms wäre der Weltbürger, den es in diesem Land - nicht nur mit Blick auf die einschlägigen Europa-Wahlergebnisse - gar nicht gibt.

Es wäre ein Citoyen, der nicht nur Kriegenburgs stupende Kafka-Deutung Der Prozess als Artistenstück zu schätzen wüsste, sondern der sich darüber hinaus immerfort Sorgen machte. Der sieht, wie im Schmelztopf der Welteinheitsgesellschaft Minderheiten um Anerkennung kämpfen. Der aber auch glauben soll, dass "ingeniöse" Regiestars um die Erhaltung ihres Marktwerts nach Kräften bemüht sind.

Du hast es uns, liebes Schauspielprogramm 2009, nicht leicht gemacht. Du hast uns als Genießer angesprochen, um uns nebenher "bittere Pillen" zu verabreichen. Du hast uns mit mit Marthaler, Stein, Gosch, Sellars, Warlikowski, Hermanis et aliter überwältigt - und uns kleine Wiener abgeprüft; uns gefragt, ob wir etwa mit der Avantgarde der 1980er-Jahre noch einverstanden sind (man denke an den furchtbaren Winkler-Abend von Antonio Latella).

Waren wir gut genug für dich, liebes Programm? Dürfen wir jetzt friedlich weiterschlafen?

(Ronald Pohl, DER STANDARD/Printausgabe, 16.06.2009)

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