Neue Welt mit schwarzer Mehrheit

15. Juni 2009 17:21
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    Foto: festwochen

    Zwei Hollywood-Schauspieler im Wiener Akzent-Theater: Jago (Philip Seymour Hoffman) erklärt Othello (John Ortiz, li.), wie es um die wahre Sittlichkeit seiner Bettgenossin bestellt ist.

Mit Peter Sellars starbesetztem "Othello" gehen die Wiener Festwochen im Akzent-Theater zu Ende - Barack Obama war dafür maßgebend

Sonst lähmte die deutungslose, angloamerikanisch geprägte Klassikpflege.

***

Wien - Der venezianische Feldherr Othello, bei Shakespeare ein "Mohr" mit ruhmreicher Vergangenheit, hat die allerschönste Frau bekommen. Die kluge und nicht minder begehrte Senatorentochter Desdemona hat sich den dunkelhäutigen Kriegshelden zum Gatten gewählt, der in Shakespeares Tragödie die lebensgefährliche Stelle einer Integrationsfigur innehat: Seine eigene Multikulti-Existenz hilft, das imperiale Gedankengut, sprich die Eroberung Zyperns, zu rechtfertigen.

Für derart blutige Geschäfte kann man einen wie Othello gut brauchen, nur hätte er bloß die Finger von der Aristo-Schönheit lassen sollen.

Im üblen Kerl Jago sieht sich dieser Othello einem der unergründlichsten Widersacher der Theaterliteratur gegenüber. Eine eiskalte Intrige des zum Fähnrich degradierten Mannes bringt die Liebe zwischen Othello und Desdemona (samt politischer Ordnung) zu Fall.

In Peter Sellars bis auf die Besetzungsliste aussageloser Inszenierung ist die Thematik der Rassendiskriminierung scheinbar überwunden bzw. einer Welt gewichen, in der schwarze und weiße Menschen ohne ethnische Stigmata miteinander leben. Eine künstlerische Entscheidung, die sich in der Realität mit der Wahl Barack Obamas zum amerikanischen Präsidenten nachträglich gewissermaßen vollendet hat. Anders als die Crossdressing-Othellos der früheren Jahrzehnte, in denen die Rollen noch aufklärerisch vertauscht wurden, haben sie sich anno 2009 generell verschoben.

Keine Stigmatisierung

Die Mehrheit der Akteure ist schwarz: Der Herzog von Venedig ist ein flotter, punktgenau an Barack Obama Maß nehmender Staatsmann aus dem Medienzeitalter (Gaius Charles), dessen Attribute Mobiltelefon und Mikrofon sind. Cassio (LeRoyMcClain) ist schwarz, auch Jagos Frau Emilia (Liza Colón-Zayas) und der Gouverneur von Zypern, Montano, den Sellars aus nicht nachvollziehbaren Gründen mit der Prostituierten Bianca zu einer Figur verschmolz (Saidah Arrika Ekulona).

Othello selbst ist ein Latino (John Ortiz): Trotz häufiger Bettszenen mit Desdemona (Jessica Chastain) prallt an ihm das durch sämtliche Hollywood-Filme geschleppte Stigma des Latin Lovers aber ab. Sie alle bleiben in Peter Sellars Regie lediglich wohltemperierte Diener eines mit jeder Silbe vergötterten Textes (nichts gestrichen, Dauer: viereinhalb Stunden). Festwochen-Stargast Philip Seymour Hofmann tanzte als Jago erfreulicherweise aus der Reihe.

In seinem Körper haust die allergrößte Unruhe, seine Mörderhände hält er gern in den Hosentaschen versteckt. Er verdeckt eine Wunde, die tiefer gehen muss als die vermutete Untreue der Gattin oder der Karriereknick, der ihm von Othello zufügt wurde.

Dieser Teufel erträgt die Liebe der anderen nicht, weil er sie selbst nicht erfährt. Mit ausdruckslosen Blicken steht dieser Jago immer wieder an der Bettkante der Macht, wo sich Othello, kaum dem Redner-Mikrofon entronnen, schon wieder genussvoll mit seiner Liebsten räkelt.

Er schleudert laute Sätze wie Blitze in die technoide Szenerie, auf der ein aus diffus bespielten Bildschirmflächen gezimmertes Doppelbett dominiert (gebaut von Gregor Holzinger). Der Rest bleibt Klappstühlen vorbehalten.

Im Verlauf der zuweilen arg tempolosen Deklamationen wird bald klar, dass Sellars, der sich früher einmal das Attribut eines Klassik-Schänders gefallen lassen musste, Othello ganz auf ein angloamerikanisches Format zugehauen hat, in dem es vor allem um dreierlei geht: den ganzen Shakespeare, in neuzeitlichen Kostümen und mit einem Hollywood-Star.

Dabei lässt der Regisseur die grobe Diskrepanz, die der Originaltext (mit deutschen Übertiteln nach Frank Günther) zur Szenerie aufweist, einfach im Raum stehen. Die den "Mohren" verunglimpfenden Schimpfwörter fallen in einer von mehrheitlich Schwarzen bevölkerten Bühne kommentarlos zu Boden. Das irritiert immerhin.

Peter Sellars mochte Othello nicht, bis ihn die Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison umstimmte. Die Argumente dafür blieben leider unsichtbar. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD/Printausgabe, 16.06.2009)

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13 Postings
dositej
18.06.2009 09:46
gegenmeinung

ich seh das nicht so. die kritik scheint zu sehr darauf zu beruhen, dass sellars als ami keine schwarz-weiß produktion auf basis der hautfarbe inszeniert hat.

die betonung in dem stück lag meiner ansicht nach eher auf anderen themen, wie den einzelnen identitätsproblemen und der suche nach identität der figuren sowie der fehlenden kommunikation, der unausgesprochenen anliegen als hort für eskalation, krisen und gewalt.

ein stück als deutungslos zu inszenieren, weil über das klischee-thema schwarz-weiß hinaus auf andere inhalte gedeutet wird, deutet auch auf eine deutungsschwäche hin.

ansonsten war das stück tatsächlich äußerst kraftvoll gespielt und psh beweist auch auf der bühne seine eindrucksvollen schauspielerischen fähigkeiten.

Lord Schaumloeffel
17.06.2009 11:06
tut mir leid, aber ...

... zwei stunden gähnende langeweile. dann eine halbe stunde, wo das ungekürzte stück ein wenig fahrt aufnimmt. pause. und dann zwei stunden totales theaterdesaster.

es war interessant, die großen namen mal auf der bühne zu sehen, ihre stärken und schwächen. aber die inszenierung ist leider völlig für die fisch.

Uncle Ethan
17.06.2009 13:48

seh ich ganz genauso

hui buh
17.06.2009 02:10
Othello Kritik....

Wir kamen vor kurzem nach Hause, aufgewühlt und begeistert von der Umsetzung des Stücks. Warum die Kritik im Standard so schlecht ausfiel ist uns allen (wir waren zu acht) vollkommen unverständlich. Es war eine sehr interessante Inszenierung, die Schauspieler waren grandios, man kann nicht mal Philipp Seymour Hoffmann als jenen, die anderen Schauspieler überragenden Darsteller bezeichnen, da alle acht Schauspieler sich völlig auspowern und jeder einzelne grandios ist. Ganz besonders interessant und ungewöhnlich war, daß sich Peter Sellars nach der Aufführung zu einer Publikumsdiskussion auf die Bühne setzte und seine Interpretation und Umsetzung des Shakespeare Stückes erklärte. Es war ein rundherum gelungener Theaterabend.

Dr. Lari and Mr. Fari
 
16.06.2009 11:30
Lähmend deutungslos...

Aha, da outet sich einer als Opfer des Deutschen Regietheaters, das ihm so lange das Denken und Auslegen der Theaterstücke abgenommen hat bis er es selbst verlernt hat...

Olivio Tasso
15.06.2009 23:13
Warum spielen all diese Stars Theater?

Kriegen die keine Hollywood-Angebote mehr?!! Auch eine Karriere, nur halt umgekehrt.

Olivio Tasso
17.06.2009 10:29
Sehr, sehr interessant . . .

wenn ich mir die Postings durchlese. Hat sich von euch keiner mehr denn den Kopf gemacht, Überlegungen anzustellen, warum Schauspieler einen Filmdreh gegen eine Bühne wechseln. Wenn Argumentation war jetzt aus den Posts herauszulesen, dafür wirklich viel von billiger Polemik.

Uncle Ethan
17.06.2009 13:47

dafür erhellen sie uns ja mit brillianter, sachlicher Analyse

hui buh
17.06.2009 01:58
Warum spielen all diese Stars Theater....

Weil es nunmal so ist, das große und von der Berufung her Vollblutschauspieler vorwiegend gerne Theater spielen!!! Warum wohl hat J.C. Belmondo schon seit Jahren ein Theater in Paris, warum hat Romy Schneider mit Alain Delon unter der Regie von Visconti Theater gespielt, warum spielt Al Pacino immer wieder in großen Theatern in den USA, warum war Vittorio Gassman einer der bedeutendsten Shakespeare Darsteller Italiens, warum hat Michel Piccoli anläßlich von Wr. Festwochen in John Gabriel Borkman gespielt, warum hat Belmondo den Cyrano de Bergerac im Ronacher gespielt? Und so könnte ich noch etliche andere aufzählen. Alleine all die "Hollywood" Stars, die im English Theater in Wien auftraten!!! Ihre Frage zeugt wohl von seltener Ignoranz!!

Klaeuschen Kinski
16.06.2009 13:13
zur zeit auch Jude Law als Hamlet

in London, nicht zum ersten mal auf der bühne übrigens.
ethan Hawke und viele viele mehr. kevin spacey spielt , führt regie und leitet(e) das Old Vic Theater in London - es gibt kaum einen vielschichtigen schauspieler ohne theatererfahrung. abgesehen von der schlechteren bezahlung ist es auch die interessantere arbeit. (bei guter regie)

Dr. Lari and Mr. Fari
 
16.06.2009 11:28
Die Äußerung eines Unwissenden oder gar Dummkopfes.

ALLE "handwerklich interessierten" und fähigen Hollywood-Stars haben immer wieder Theater gespielt, von Brando über Heston und Harrison bis Peck, von Hepburn über Kelly bis Goldberg.
Etliche US-Stars spielten in den lt. Jahren gerne in London.

Dazu gibt es eine Reihe von Leuten, die grundsätzlich dem Theater zuzuordnen sind, aber eben auch in Hollywood Film und TV gemacht haben (Gielgud, Olivier, Keel, Brooks, Mostel, Merman... bis hin zu Fred Astaire, der vor seiner eher mühsam begonnenen Filmkariere 10 Jahre lang Broadway-star war!)

usw. usf.

Nicht zuletzt ist in einer Reihe von Filmen, die auf Broadway- Musicals oder -Theaterstücken basieren, die Bühnenbesetzung zum Teil oder zur Gänze übernommen worden bei der Verfilmung.

Che Vere
16.06.2009 09:23

ich glaube für viele ist es ein wichtiger "ausgleich", da beim film doch immer nur szenen gespielt werden und nicht ein ganzes stück.
ich freu mich schon auf morgen!

p-hammer
16.06.2009 09:00
Was interessiert's Dich - Du gehst eh nicht hin.

Trotzdem:
Diese "Stars" sind in erster Linie ausgezeichnete Schauspieler - und die treten immer wieder (auch) auf der Bühne auf, weil die Anforderungen hier ungleich höher sind. Und das betrifft insbesondere die ganz großen DarstellerInnen, von der Streep abwärts sozusagen.

Insbesondere britische Schauspieler haben vor ihrer Hollywood-Karriere x-Jahre Bühnenerfahrung gehabt: K. Branagh, P. Stewart, Ian McKellen und Judie Dench (zusammen in Macbeth prämiert als Best British Actors 1976).

Das mal nur zur Info.

Aber da Du ja offenbar Schwarzenegger für einen Schauspieler hältst - bleib dabei (und überfordere Dich nicht mit Theater).

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