Neue Welt mit schwarzer Mehrheit

15. Juni 2009, 17:21
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Mit Peter Sellars starbesetztem "Othello" gehen die Wiener Festwochen im Akzent-Theater zu Ende - Barack Obama war dafür maßgebend

Sonst lähmte die deutungslose, angloamerikanisch geprägte Klassikpflege.

Wien – Der venezianische Feldherr Othello, bei Shakespeare ein "Mohr" mit ruhmreicher Vergangenheit, hat die allerschönste Frau bekommen. Die kluge und nicht minder begehrte Senatorentochter Desdemona hat sich den dunkelhäutigen Kriegshelden zum Gatten gewählt, der in Shakespeares Tragödie die lebensgefährliche Stelle einer Integrationsfigur innehat: Seine eigene Multikulti-Existenz hilft, das imperiale Gedankengut, sprich die Eroberung Zyperns, zu rechtfertigen.

Für derart blutige Geschäfte kann man einen wie Othello gut brauchen, nur hätte er bloß die Finger von der Aristo-Schönheit lassen sollen.

Im üblen Kerl Jago sieht sich dieser Othello einem der unergründlichsten Widersacher der Theaterliteratur gegenüber. Eine eiskalte Intrige des zum Fähnrich degradierten Mannes bringt die Liebe zwischen Othello und Desdemona (samt politischer Ordnung) zu Fall.

In Peter Sellars bis auf die Besetzungsliste aussageloser Inszenierung ist die Thematik der Rassendiskriminierung scheinbar überwunden bzw. einer Welt gewichen, in der schwarze und weiße Menschen ohne ethnische Stigmata miteinander leben. Eine künstlerische Entscheidung, die sich in der Realität mit der Wahl Barack Obamas zum amerikanischen Präsidenten nachträglich gewissermaßen vollendet hat. Anders als die Crossdressing-Othellos der früheren Jahrzehnte, in denen die Rollen noch aufklärerisch vertauscht wurden, haben sie sich anno 2009 generell verschoben.

Keine Stigmatisierung

Die Mehrheit der Akteure ist schwarz: Der Herzog von Venedig ist ein flotter, punktgenau an Barack Obama Maß nehmender Staatsmann aus dem Medienzeitalter (Gaius Charles), dessen Attribute Mobiltelefon und Mikrofon sind. Cassio (LeRoyMcClain) ist schwarz, auch Jagos Frau Emilia (Liza Colón-Zayas) und der Gouverneur von Zypern, Montano, den Sellars aus nicht nachvollziehbaren Gründen mit der Prostituierten Bianca zu einer Figur verschmolz (Saidah Arrika Ekulona).

Othello selbst ist ein Latino (John Ortiz): Trotz häufiger Bettszenen mit Desdemona (Jessica Chastain) prallt an ihm das durch sämtliche Hollywood-Filme geschleppte Stigma des Latin Lovers aber ab. Sie alle bleiben in Peter Sellars Regie lediglich wohltemperierte Diener eines mit jeder Silbe vergötterten Textes (nichts gestrichen, Dauer: viereinhalb Stunden). Festwochen-Stargast Philip Seymour Hofmann tanzte als Jago erfreulicherweise aus der Reihe.

In seinem Körper haust die allergrößte Unruhe, seine Mörderhände hält er gern in den Hosentaschen versteckt. Er verdeckt eine Wunde, die tiefer gehen muss als die vermutete Untreue der Gattin oder der Karriereknick, der ihm von Othello zufügt wurde.

Dieser Teufel erträgt die Liebe der anderen nicht, weil er sie selbst nicht erfährt. Mit ausdruckslosen Blicken steht dieser Jago immer wieder an der Bettkante der Macht, wo sich Othello, kaum dem Redner-Mikrofon entronnen, schon wieder genussvoll mit seiner Liebsten räkelt.

Er schleudert laute Sätze wie Blitze in die technoide Szenerie, auf der ein aus diffus bespielten Bildschirmflächen gezimmertes Doppelbett dominiert (gebaut von Gregor Holzinger). Der Rest bleibt Klappstühlen vorbehalten.

Im Verlauf der zuweilen arg tempolosen Deklamationen wird bald klar, dass Sellars, der sich früher einmal das Attribut eines Klassik-Schänders gefallen lassen musste, Othello ganz auf ein angloamerikanisches Format zugehauen hat, in dem es vor allem um dreierlei geht: den ganzen Shakespeare, in neuzeitlichen Kostümen und mit einem Hollywood-Star.

Dabei lässt der Regisseur die grobe Diskrepanz, die der Originaltext (mit deutschen Übertiteln nach Frank Günther) zur Szenerie aufweist, einfach im Raum stehen. Die den "Mohren" verunglimpfenden Schimpfwörter fallen in einer von mehrheitlich Schwarzen bevölkerten Bühne kommentarlos zu Boden. Das irritiert immerhin.

Peter Sellars mochte Othello nicht, bis ihn die Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison umstimmte. Die Argumente dafür blieben leider unsichtbar. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD/Printausgabe, 16.06.2009)

  • Zwei Hollywood-Schauspieler im Wiener Akzent-Theater: Jago (Philip
Seymour Hoffman) erklärt Othello (John Ortiz, li.), wie es um die wahre
Sittlichkeit seiner Bettgenossin bestellt ist.
    foto: festwochen
    Foto: Armin Bardel

    Zwei Hollywood-Schauspieler im Wiener Akzent-Theater: Jago (Philip Seymour Hoffman) erklärt Othello (John Ortiz, li.), wie es um die wahre Sittlichkeit seiner Bettgenossin bestellt ist.

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