Neolithische Kreisgrabenanlagen mit Kalenderfunktion?

15. Juni 2009, 14:24
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Verknüpfung archäologischer und astronomischer Daten zeigt: Anlagen in Niederösterreich folgten einem System

Wien - Kreisgrabenanlagen aus der mittleren Jungsteinzeit gehören zu Europas ältesten Monumentalbauten. Sie wurden zwischen 4.800 und 4.500 v. Chr. erbaut und genutzt. Rund 50 solcher Anlagen befinden sich in Niederösterreich - und wenigstens einige davon, so vermuten Archäologen und Astronomen der Universität Wien, könnten eine Art riesiger Kalender gewesen sein.

Bereits 2004 fand Archäologe Wolfgang Neubauer unter anderem mittels Luftbild- und Magnetuntersuchungen heraus, dass die Tore der Anlagen auf die Messung von Sommer- und Wintersonnenwende ausgerichtet sind. Über die Interdisziplinäre Forschungsplattform Archäologie (VIAS) und in Zusammenarbeit mit dem Astronomen Georg Zotti haben sich die Hinweise nun verdichtet. "Einige der Bauten dienten offenbar als Sonnen- bzw. Sternenkalender", so die Wissenschafter. In einem laufenden Projekt des Wissenschaftsfonds FWF sollen nun alle bekannten Kreisgrabenanlagen im Hinblick auf diese Kalenderfunktion archäoastronomisch untersucht werden.

Virtuelle Rekonstruktion

Zur Zeit der mittelneolithischen Kreisgrabenanlagen in Niederösterreich steckte Stonehenge noch in den Kinderschuhen: Die komplexen, von einem tiefen Graben umgebenen Monumentalbauten wurden rund 2.000 Jahre vor dem berühmten britischen Steinkreis errichtet. Allerdings verwendeten die Baumeister für die Kreisgrabenanlagen mit Holz ein vergängliches Material.

Mittels Luftbildauswertung und Messungen von feinsten Abweichungen des natürlichen Magnetfeldes - sogenannte magnetische Prospektion - konnten die längst verwischten Spuren ausfindig gemacht und in Computersimulaltionen wenigstens virtuell wieder hergestellt werden. In einem zweiten Schritt wurde auch der Sternenhimmel vor 6.500 Jahren simuliert und die Anlagen damit verglichen. Es bestätigte sich, dass die Kreisgrabenanlagen jedenfalls zum Teil als eine Art steinzeitlicher Kalender dienten.

Einmal mehr die Plejaden

Auf den ersten Blick schienen die Ausrichtungen der Anlagen eher willkürlich. Erst die Anpassung an den sich im Laufe der Jahrhunderte verändernden Sternenhimmel bestätigte die Kalender-Hypothese. Im Vorfeld des Projekts wurden bereits 28 Anlagen untersucht und dabei überraschend signifikante Übereinstimmungen gefunden: "Bei etwa einem Drittel der Bauten weisen jeweils zwei Tore in die exakt gleiche Richtung", erklärte Zotti.

Für einige der Anlagen konnten mittlerweile weitere Analysen und Vergleiche angestellt werden. So markiert jeweils eines der Tore den Aufgang der Plejaden (die in verschiedensten Kulturen von Europa bis in den Orient als Kalendergestrin angesehen wurden), das andere den fast gleichzeitigen Untergang des Sterns Antares. Kalendarisch interessant ist dieses Ereignis vor allem als sogenannter "heliakischer Aufgang" am frühen Morgen wenige Tage nach Frühlingsbeginn. Diese Kalenderfunktion könnte etwa für die termingerechte Aussaat eingesetzt worden sein.

Die Bauten dürften aber auch für soziale und/oder religiöse Zwecke genutzt worden sein, etwa als Platz für Versammlungen oder Wettkämpfe, Übergangs- und Initiationsrituale oder bestimmte Feste im Jahreskreis. Dafür spricht, dass zwischen 4.800 und 4.500 v. Chr. jede Siedlung in Niederösterreich eine Kreisgrabenanlage ihr Eigen nannte, vergleichbar mit heutigen Kirchen oder Vereinshäusern. (APA/red)

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VIAS

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Kreisgrabenanlage in Glaubendorf im niederösterreichischen Weinviertel.

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