Twitter hatte Moussavi-Verhaftung gemeldet

15. Juni 2009, 14:45
63 Postings

Unsichere Quellen erschweren Iran-Berichterstattung - da Informationen rar sind, greifen viele Medien auf nicht überprüfte Meldungen aus dem Internet zurück

Microblogs wie Twitter haben die Dynamik der Berichterstattung verändert. Informationen finden in Sekundenschnelle ihren Weg zur Leserschaft: So war das Ergebnis der deutschen Bundespräsidentenwahl dort weit vor den renommierten Nachrichtenagenturen zu finden (derStandard.at berichtete).

Der "Twitter"-Suchbegriff IranElection bricht Rekorde: im Zehn-Sekunden-Abstand kommen Meldungen über die Unruhen in Teheran und über Festnahmen Oppositioneller. Das Problem für seriöse Medien: die Tweets sind kaum überprüfbar, und schlechte Erfahrungen mit anonymen Quellen gibt es zuhauf.

Moussavis Ehefrau bestreitet Festnahme

Am Samstagabend wurde immer wieder vermeldet, Ahmadi-Nejads Herausforderer Moussavi sei verhaftet worden. Später war nur noch von Hausarrest die Rede, bis schließlich dessen Frau Zahra Rahnavard gegenüber dem Sender "Voice of America" diese Berichte dementierte.

Schon zu Mittag hatte eine Aussendung der exiliranischen "Kampagne für Menschenrechte im Iran" für Verwirrung gesorgt: die Organisation behauptete, Beamte des Innenministeriums hätten Moussavi und seinem Stab am Freitagabend mitgeteilt, dass er die Wahlen gewonnen habe, dies aber noch nicht öffentlich machen solle. Diese Meldung wurde von vielen Medien ungeprüft übernommen.

Mittlerweile wird getwittert, dass Präsident Ahmadi-Nejad bei der Wahl am Freitag überhaupt nur den dritten Platz erreicht habe. Die Berichte entwickeln ihre eigene Dynamik: sogar der britische "Telegraph" hat das angebliche Ergebnis in der Überschrift, um dann im Artikel festzuhalten, dass die Angaben von nicht näher genannten "iranischen Blogs and Websites" stammen und ihre Richtigkeit nicht überprüft werden könne. Nichtsdestotrotz wird der "Telegraph"-Artikel dann wieder als Beweis für Wahlbetrug angeführt.

Ungeprüfte Usereinsendungen

Andererseits bemühen sich Medien, mit der Zeit zu gehen und User an der Berichterstattung zu beteiligen. "User created content" boomt, und allzu oft wird der Inhalt der Beiträge nicht überprüft: so erscheint schon einmal ein bei einer Wahlveranstaltung aufgenommenes Foto des ehemaligen Präsidenten Mohammad Khatami mit dem Titel "Arrest of Mr. Khattami" auf die CNN-IReport-Webseite.

Immer wieder schaffen es aus zweifelhaften Quellen stammende Meldungen in die Schlagzeilen: Im Mai 2006 übernahmen zuerst das Wiesenthal-Center und darauf zahlreiche Zeitungen einen Bericht des Exil-Iraners Amir Taheri, dem zufolge ein neues Gesetz Nicht-Moslems im Iran zwänge, farbige Bänder an ihrer Kleidung zu tragen. Für die 25.000 iranischen Juden sei die Farbe Gelb vorgesehen, schrieb damals die angesehene kanadische "National Post". Erst sechs Tage später entschuldigte sich das Blatt für die Falschmeldung. (bed/derStandard.at/15.6.2009)

Share if you care.