"Neue Optionen werden vorsichtiger angegangen"

18. Juni 2009, 09:31
4 Postings

Personalberaterin Ute Muellbacher im Interview über persönliche Kompetenzen als Schlüssel zum Erfolg, die Marktbereinigung und neue Wege im Recruiting

derStandard.at: Die Arbeitslosigkeit steigt, die Zahl der freien Stellen sinkt. Wie stellt sich die Situation aus Sicht der Personalberatung dar?

Muellbacher: Es trifft jetzt breite Schichten und auch sehr gut qualifizierte Leute über alle Branchen. Eine harte Zeit für jene ohne Job, denn die verfügbaren offenen Stellen sind rar. Wir setzen als kleines Personalberatungsunternehmen aber nicht auf Quantität, sondern legen den Fokus bei Suche und Auswahl jeweils ganz stark auf die Persönlichkeit. Die richtige Persönlichkeit für unsere Kunden herauszupicken ist genauso herausfordernd wie in Zeiten der Hochkonjunktur.

derStandard.at: In welcher Hinsicht verändert sich der Job des Personalberaters in Zeiten der Krise?

Muellbacher: Unsere Arbeitsweise kommt diesen Zeiten sehr entgegen. Langfristige Beziehungen zu treuen Kunden entstehen durch den Aufbau von Partnerschaften im Sinne einer win-win-Zusammenarbeit. Das bedeutet noch näheres Arbeiten am Kunden und sehr oft über das einzelne Recruiting-Projekt hinausgehende, strategische Beratung bei Teamaufbau sowie -integration. Wir fungieren als Sparring-Partner bei Managementaufgaben. Jeder einzelne Berater sorgt für die persönliche Betreuung unserer Kunden.

derStandard.at: Gibt es im Bereich der Personalberatung eine Marktbereinigung? Fallen kleinere durch den Rost und werden Stellen massiv gekürzt?

Muellbacher: Diese Entwicklung war schon länger vorherzusehen; die Marktbereinigung findet seit einiger Zeit teilweise schleichend aber doch einschneidend statt und es wird in der Branche weiter gezittert. Große Personalberater müssen ihre Strukturen verschlanken und so mancher "Kleine" ergreift die Chance, Marktanteile dazu zu gewinnen.

derStandard.at: Wie sieht es in Ihrem Unternehmen aus? Wie stark spüren Sie die Krise?

Muellbacher: Ich sag immer, wir haben Glück, "klein und fein" zu sein, deshalb schwimmen wir derzeit ganz gut gegen den Strom und liegen mit unserem Ergebnis auch heuer wieder über dem Vorjahr, obwohl so manche Großkunden ganz massiv auf die Bremse steigen. Der gute Mix im Kundenportfolio macht einen Großteil des Erfolgs aus. Mit langfristig zufriedener Kundschaft und antizyklisch agierenden Neukunden nivellieren wir auch im heurigen Jahr unser Risiko. Auch bzw. gerade in Restrukturierungsphasen werden neue Mitarbeiter für Schlüsselpositionen gebraucht; da gilt es, für unsere Kunden präzise zu definieren, welche Leute genau im Unternehmen derzeit benötigt werden und hier setzt unsere Beratung an. 

derStandard.at: Welche Leute werden gesucht?

Muellbacher: Unser Know-how liegt vor allem darin, die richtigen Persönlichkeiten, mit den jeweils geeigneten "soft skills" zu finden. Das kombinieren wir mit der gezielten Ansprache von relevanten Erfahrungsträgern, derzeit sehr stark gefragt in den Berufsfeldern Vertrieb sowie Finanz- und Rechnungswesen.

derStandard.at: Fast überall wird der Sparstift angesetzt. Suchen Firmen wieder mehr selbst und verzichten auf die Dienste von Personalberatern?

Muellbacher: Ja, ganz klar, man braucht nur die Karriereteile durchzublättern. Personalmarketing und Imagekampagnen werden mit kurzfristiger Kosteneinsparung verbunden. Wenn diese Personalentscheidungen auch längerfristig halten, dann ist es gut.

derStandard.at: Ist es in wirtschaftlich angespannten Zeiten besonders schwer oder besonders leicht, hochqualifizierte Leute zu finden?

Muellbacher: Das muss differenziert betrachtet werden. Tendenziell ist es noch schwieriger in Krisenzeiten, da die Leute einen sicheren Job jetzt nicht so schnell aufgeben, um sich in neue Gefilde zu wagen. Dort wo es schon seit Jahren ein Überangebot an Bewerbern gab, wie z.B. im Marketing, verstärkt sich der Trend noch weiter in diese Richtung. Hier ist es unser Job, die Unternehmen im Auswahlverfahren zu unterstützen.

derStandard.at: Gibt es bei der Suche einen neuen Trend? Zum Beispiel wie ist das Verhältnis von Printanzeigen, Online-Inserate oder Executive Search?

Muellbacher: Wir gehen bereits seit Jahren verstärkt auch bei jüngeren Nachwuchskräften den Weg der Direktansprache, um gefragte Kandidaten zu finden, das ist das Erfolg versprechendste. Der Trend geht in diese Richtung, aber meist nicht ohne Inseratunterstützung in den zielgruppenrelevanten Medien.

derStandard.at: Sind gute Mitarbeiter überhaupt wechselwillig oder dominiert momentan eher der Sicherheitsgedanke, dass man seiner Firma treu bleibt?

Muellbacher: Sagen wir mal so: Neue Optionen werden vorsichtiger angegangen. Den längeren Entscheidungswegen bei den Unternehmen steht ein besonnenes Abwägen seitens der Kandidaten auch bei lukrativen Jobangeboten gegenüber.

derStandard.at: Wer hat derzeit mehr Macht im Suchprozess? Bewerber, denen gutes Geld winkt oder Unternehmen, die leicht billige Mitarbeiter finden?

Muellbacher: Die Tendenz geht in Richtung Downsizing von Gehaltspaketen. Angesagt sind "die neue Bescheidenheit" sowie intrinsisch motivierte Nachwuchskräfte und erfahrene Persönlichkeiten. Ohne Zweifel kennen aber selbstverständlich die bewährten "Schlechtwetter-Manager" sehr wohl ihren Marktwert.

derStandard.at: Hat die Krise Auswirkungen auf Bezahlungsmodelle in der Beratungsbranche? Noch mehr im Sinne der Effizienz und erfolgsabhängiger?

Muellbacher: Ich geh davon aus, dass viele Berater verstärkt über "kreative Verrechnungsmodi" versuchen, sich über Wasser zu halten. Kurzfristig kann das mit der einen oder anderen Personalbesetzung auch durchaus gut funktionieren. Wenn wir aber nicht die Kostenwahrheit im Blick behalten und damit auch verbindliche Assignements eingehen, kann es langfristig keine fruchtbare Partnerschaft im Sinne eines gemeinsamen, konstruktiven Personalrecruitings und -managements geben.

derStandard.at: Viele Mitarbeiter sind verunsichert, haben Angst um ihre Jobs. Gibt es ein Patentrezept, was da die Unternehmensführung tun sollte?

Muellbacher: Ein Patentrezept gibt es nicht. Dort wo tatsächlich Personal abgebaut werden muss, geht es vor allem um eine faire und transparente Kommunikation und Trennungslösung. Ansonsten beobachten und erleben wir selbst die positiven Auswirkungen von Vorbildwirkung, Zusammenhalt, Teamgeist, Mitarbeiterförderung und Engagement in Krisenzeiten. In diesem Sinne ist das Management gefragt, um beruhigend und stabilisierend auf Kontinuität zu achten.

derStandard.at: Gibt es Qualifikationen, die man sich aneignen sollte, weil die momentan besonders gefragt sind?

Muellbacher: Es ist ohne Frage generell eine Zeit für individuell sinnvoll gestaltete Weiterbildung; zu wenige achten dabei auf "ihren roten Faden" bzw. eine wirklich sinnvolle Ergänzung des bisherigen Erfahrungsspektrums. Nachholbedarf gibt es in vielen Fällen erschreckender Weise auch beim Niveau von Fremdsprachenkenntnissen.

Ganz entscheidend sind aber vor allem die persönlichen Kompetenzen, denn heute gilt mehr als in den letzten Jahren, dass "persönlicher Erfolg" sich nur auf mehreren Ebenen messen lässt. Erfolgreich sein heißt in Wahrheit, erfolgreich mit Misserfolg umgehen können. Diese persönliche Beweglichkeit sowie die Offenheit für neue Lebensphasen und mögliche Szenarien gilt es, sich anzueignen und laufend zu trainieren. (om, derStandard.at, 18.6.2009)

  • Ute Muellbacher, Geschäftsführerin von "Muellbacher Personalberatung & Managementcoaching".

    Ute Muellbacher, Geschäftsführerin von "Muellbacher Personalberatung & Managementcoaching".

Share if you care.