Netanyahu-Rede provinziell und patriarchalisch

15. Juni 2009, 08:19
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"So kann man keine Mauer der Feindschaft zwischen zwei Nationen niederreißen"

Jerusalem/Wien - Ein vernichtendes Urteil hat die linksliberale israelische Zeitung "Haaretz" über die mit Spannung erwartete Rede von Ministerpräsident Benjamin Netanyahu von Sonntagabend zum Nahost-Friedensprozess gefällt. Sie habe den Nahen Osten in die Tage des früheren US-Präsidenten George W. Bush und seiner "Achse des Bösen" zurückversetzt, schrieb der Chefkolumnist des Blattes, Akiva Eldar, am Montag in einem in der Online-Ausgabe veröffentlichten Kommentar.

Netanyahu habe eine "patriarchalische, kolonialistische Botschaft in bester neokonservativer Tradition" gesandt: "Die Araber sind die Bösen oder bestenfalls undankbare Terroristen, die Juden sind natürlich die Guten, rationale Leute, die ihre Kinder aufziehen und für sie sorgen müssen." Für die Flüchtlinge aus Jaffa habe es kein Mitgefühl gegeben. Kein Wort habe der Regierungschefs über die Bedeutung Jerusalems für die Muslime verloren. Kein Teil eines Koran-Zitats oder einer Zeile arabischer Poesie sei Netanyahu über die Lippen gekommen.

Die "provinziellen Äußerungen", so Eldar, hätten nicht darauf abgezielt, die Herzen Hunderter Millionen Al-Jazeera-Seher in der muslimischen Welt zu erreichen. Stattdessen habe Netanyahu die Siedlerlobby beruhigen und seinem ultranationalistischen Außenminister Avigdor Lieberman entgegenkommen wollen. Die Forderung an die Palästinenser, Israel als Staat des jüdischen Volkes anzuerkennen, lasse ihm nicht einmal einen Spalt breit für eine Versöhnung mit den arabischen Bürgern im Lande.

"Tür zugeschlagen"

Die Erklärung des Ministerpräsidenten, dass Jerusalem die "unteilbare Hauptstadt" Israels - und nur Israels - bleiben werde, habe "der gesamten muslimischen Welt die Tür vor der Nase zugeschlagen". Hebron sei für ihn nur die Stadt der jüdischen Patriarchen, die Araber hätten für ihn keine derartigen Rechte. "Die Palästinenser können einen Staat haben, aber nur wenn uns diese ausländischen Eindringlinge zeigen, dass sie mit Messer und Gabel essen können - aber besser ohne Messer", interpretierte der "Haaretz"-Autor Netanyahus Ausführungen.

Zwar sei die Demilitarisierung eines künftigen palästinensischen Staates schon in den Richtlinien des früheren US-Präsidenten Bill Clinton und anderen Dokumenten enthalten gewesen und auch, dass die Flüchtlinge das Recht hätten, nach Palästina, nicht aber nach Israel zurückzukehren. Der Unterschied sei aber der Tonfall und die demütigenden und respektlosen Äußerungen Netanyahus: "So kann man keine Mauer der Feindschaft zwischen zwei Nationen niederreißen, so kann man kein Vertrauen aufbauen", kritisierte Eldar. (APA)

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