Burnout: Mehr als ein Viertel aller Lehrer betroffen

15. Juni 2009, 06:34
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Stärkere Belastung als in Pflegeberufen - Freiburger Psychiater: Besseres Klima im Lehrerzimmer und Imagekampagne könnten Verbesserung bewirken

Salzburg - Emotionale Erschöpfung, ein Gefühl der Sinnentleerung, gestörte Beziehungen zu Klienten und Kollegen: Das sind die Symptome des Burnout-Syndroms. 29 Prozent aller Lehrer leiden laut einer deutschen Studie darunter. Nur unter den Heimerziehern liegt die Quote genauso hoch, in allen anderen Berufen deutlich darunter: Unter Pflegekräften sind der Studie zufolge 19 Prozent ausgebrannt, in der Polizei 16 Prozent.

Mehr Zusammenhalt im Lehrerzimmer

Der Freiburger Psychiater und Neurobiologe Joachim Bauer forderte deshalb bei einem Vortrag an der Pädagogischen Hochschule in Salzburg am 10. Juni, an den Schulen mehr für die Prävention von Burnout zu tun. Wichtig sei vor allem, den kollegialen Zusammenhalt im Lehrerzimmer zu stärken.

"Mehrere Arten, ein guter Lehrer zu sein"

Spaltungslinien, etwa wenn sich Eltern über den Unterrichtsstil von Kollegen beschweren, müssten von vornherein vermieden werden. "Es gibt mehrere Arten, ein guter Lehrer zu sein", das müsse sich auch im Kollegium herumsprechen, sagt Bauer. Mit Beschwerden müsse professionell intern umgegangen werden; keinesfalls dürfe man es sich erlauben, Eltern gegenüber schlecht über andere Lehrkräfte zu reden.

Lehrer-Schelte als "Freifahrtsschein"

Auch das schlechte öffentliche Ansehen der Pädagogen sei mit schuldig am Entstehen psychischer Belastungen: "Es muss aufhören, dass Politiker geringschätzig über den Lehrerberuf reden. Das ist ein Freifahrtsschein für Eltern und Schüler, sich Lehrern gegenüber ebenso zu verhalten." Die Arbeit im Klassenzimmer sei "Schwerstarbeit" und müsse öffentlich auch so wahrgenommen werden. Die Lehrerverbände sollten eine Imagekampagne starten, forderte Bauer.

Bauer zitierte eine Umfrage, wonach 53,2 Prozent der deutschen Hauptschullehrer im Verlauf eines Schuljahres mit schweren persönlichen Beleidigungen in der Öffentlichkeit konfrontiert seien; 10,3 Prozent gaben an, dass ihr Eigentum beschädigt wurde, 7,3 Prozent wurde konkret körperliche Gewalt angedroht. Lehrer reagierten auf solche Belastungen unterschiedlich, sagt Bauer.

Auch abschalten können

Zu einer gesunden Arbeitseinstellung gehöre es, zwar engagiert zu sein, aber auch abschalten zu können; bei Arbeitsüberlastungen sollte man in der Lage sein, Aufgaben an andere Kollegen zu delegieren, denen man in weniger stressigen Phasen wiederum aushelfen könne. 18 bis 20 Prozent aller Pädagogen würden sich aber permanent mit ihrem Job überidentifizieren, zu hohe Ansprüche an sich selbst stellen, sich nicht distanzieren können, keine Hilfe annehmen und ihr Privatleben vernachlässigen.

Wenn dann "irgendwann nach zehn, fünfzehn Jahren ein Kränkungsereignis" komme, führe das schnurstracks in das Burnout, sagt Bauer. Lehrer, die von Anfang an kein besonderes Engagement in ihrem Beruf zeigten, seien dagegen nicht gefährdet - es handle sich aber dabei um eine sehr seltene Spezies.

Lehrer mit "Ecken und Kanten"

Wichtigste Energie-Ressource für Lehrer sei es, auch im Beruf ihre persönliche Identität und Gefühle wie Ärger, aber auch Freude und Humor zu zeigen, sagt Bauer: "Wenn Sie sich in Ihrer Identität so weit zurückfahren, dass Sie nicht mehr angreifbar sind, werden Sie krank. Lehrkräfte sollen Ecken und Kanten haben."

Gegen "Kultur der Klagsamkeit"

Lehrer dürften keine Angst davor haben müssen, Fehler zu machen, gute Leistungen zu zeigen oder ihre Freude an der Arbeit zu zeigen, forderte Bauer. Dazu sei es auch nötig, die "Kultur der Klagsamkeit" im Lehrerkollegium zu bekämpfen, wo "man offiziell gar keinen Spaß an der Arbeit haben darf". (Markus Peherstorfer, derStandard.at, 14.06.2009)

Zur Person

Prof. Joachim Bauer ist Arzt für innere und psychosomatische Medizin, Psychiatrie und Psychotherapie. Er leitet die Ambulanz an der Abteilung für psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universitätsklinik Freiburg. Daneben ist er auch Leiter des Instituts für Gesundheit in pädagogischen Berufen mit Sitz in München. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehören das Burnout-Syndrom in pädagogischen Berufen, Depressionen, Angsterkrankungen und psychosomatische Störungen. Joachim Bauer ist Autor der populärwissenschaftlichen Bücher "Warum ich fühle, was du fühlst", "Prinzip Menschlichkeit" und "Lob der Schule".

Links

 

Website von Joachim Bauer

 

Abteilung für psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Universitätsklinik Freiburg

 

Institut für Gesundheit in pädagogischen Berufen


Pädagogische Hochschule Salzburg

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