Enziprohibition III

14. Juni 2009, 22:16
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Die Welt wurde am Samstag in Wien gerettet: die mündige Zivilgesellschaft feierte einen mächtigen Triumph über die totalitäre Beschneidung fundamentaler Bürgerrechte.

 Dass in Wirklichkeit vermutlich wirklich bloß ein paar MQ-Securities übertrieben hatten, schmälerte die Siegesfreude nicht.

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Die Welt wurde am Samstag in Wien gerettet: die mündige Zivilgesellschaft feierte einen mächtigen Triumph über die totalitäre Beschneidung fundamentaler Bürgerrechte. Dass in Wirklichkeit vermutlich wirklich bloß ein paar MQ-Securities übertrieben hatten, schmälerte die Siegesfreude nicht.

Es war am Samstag. Da stand ich vor dem Museumsquartier und war mir nicht mehr sicher. Und in den Augen der paar Leute, die in der Menge standen und die ich kannte, blitze der gleiche Zweifel auf.

Aber egal. Denn am Samstag wurde die Welt gerettet. Und weil sich da im Vorfeld schon mehr als 1500 Weltretter und -innen angesagt hatten, hatte ich eigentlich geplant, diese Rettung ohne meine aktive Teilnahme über die Bühne gehen zu lassen: Ich bin ein lausiger Gitarrespieler. Und ein noch lausigerer Sänger. Ich fand schon als Kind Jungschargruppen zum Fremdschämen peinlich. Ersts recht, wenn sie Cat-Stevens sangen. Dafür, jetzt mit einer Riesenjungschargruppe singend ins MQ einzuziehen, bin ich einfach nicht katholisch genug erzogen worden. Außerdem trinke ich kein Bier.

Umweg

Aber da meine Laufroute am Samstag dann - mehr oder weniger zufällig - gegen 19 Uhr beim MQ vorbeiführte, bog ich dann doch zum Vorplatz der Museumsburg hin ab. Und sah schon von weitem, dass alles gut werden würde: Da standen locker 1000 junge Menschen und waren fröhlich. Etliche hatten Gitarren dabei. Jemand verteilte Zettel mit Liedtexten von Cat Stevens. Fast alle hatten Bier oder andere Getränke in der Hand.

Dort, wo der ORF seine beiden Kameras laufen ließ, wuselte es ganz besonders weltretterhaft. Und sowohl die Grünen als auch irgendwelche VP-Ableger versuchten ständig, ihre Fahnen und Logos, dezent ins Kamerafeld zu manövrieren. Fast Ebenso weltretterhaft gab man sich vor den Kameras der zahlreichen Pressefotografen: Der feige Anschlag auf das Recht, im Hof des MQ das eigene Bier trinken zu dürfe, sah ich auf den ersten Blick, war hiermit endgültig gescheitert: Das Volk hatte sich machtvoll erhoben. Was konnten die fiesen Machthaber denn da noch anderes tun, als klein bei zu geben.

Randsteher

Die Masse war friedlich, fröhlich, freundlich und entspannt. Dennoch fühlte ich mich ein wenig unwohl. Und blieb am Rand. Dort traf ich M., den Webpionier, L., den Partyjournalisten und E., die Kinojournalistin (seine Freundin) und die netten Irren von Monochrom. Ob auch ich angetreten sei, die Welt vom einzigen echten Übel zu befreien, rief mir E. entgegen - und obwohl alle lachten, war klar, dass die Sache auch den anderen ein wenig komisch vorkam.

Oder besser: Wir spürten, dass auch die anderen spürten, dass etwas nicht stimmte. Nicht, dass sich innerhalb einer Woche 15.000 Menschen in einer Facebookgruppe für das Recht, eigene Getränke in MQ mitzubringen, organisiert hatten, störte uns. Auch nicht, dass sich da gleich zwei Demo-Initiativen gebildet hatten. Auch, dass die ganze Chose vermutlich wirklich bloß durch die Überreaktion und das martialische Auftreten von ein paar sich selbst und ihre Mission zu ernst nehmenden Sicherheitsleuten ausgelöst worden war, irritierte uns nicht:

Mündig

All das war schon ok. Und im Grunde eine Bestätigung dessen, was man von einer mündigen Bürger- und Zivilgesellschaft erwarten kann. Inklusive Medienecho. Aber, brachte E. es auf den Punkt, „wo sind diese Menschen eigentlich sonst? Wenn es wirklich um etwas geht?" Es sei, meinte er, bezeichnend, welche Themen die Wiener auf die Barrikaden trieben - und welche nicht. Aber er wolle das jetzt einmal optimistisch deuten: Das zeige, wie gut es uns geht. Und das sei gut.

Und, setzt er fort, trotzdem auch schlecht. Weil andere Themen die Mehrheit der hier Versammelten (E. zeigte in die Runde: das wären, meinte er, doch jene Leute, die man hierzulande so gerne als die engagierte und kritische Elite von heute, morgen und übermorgen beschreibe) eben nicht mehr erreichen könnten. Zumindest nicht so, dass sie dafür auf die Straße gingen.

Bestürzt

E. sagte, er sei darüber geradezu bestürzt. Weil er es wirklich nicht schlecht- oder kleinreden wolle, dass all diese Leute jetzt hier seien. Vor allem aber, weil er es hasse, Brecht zu zitieren. Noch dazu die Mutter Courage. Aber dass der Satz, dass zuerst das Fressen und dann die Moral kommt mit Kurt Cobains „Here we are now - entertain us" hamonisiert, hätte er nicht für möglich gehalten.

Und zwar, sagte E., bis heute. Bis er im Hof des Museumsquartieres erleben durfte, dass das kollektive „z´samm - z´samm - z´samm - z´samm" Gebrüll einer (fröhlich-freundlich-friedfertigen) Mehrtausendschaft tatsächlich der Höhepunkt der Artikulation von Auflehnung gegen als grob ungerecht empfundene Regeln in Stadt und Staat seien. Und das, meinte E., habe einen einzigen Grund: diese Leute, die kultivierte, kritisch-mündige Elite von heute, morgen und übermorgen, sei eben so gut rundumunterhalten, dass sie andere, echte Einschränkungen oder Ungerechtigkeiten gar nicht mehr bemerke. Das, sagte E., mache ihm Angst. Darauf, seufzte er, müsse er jetzt trinken. Und zwar ein mitgebrachtes Bier. (Thomas Rottenberg/derStandard.at, 15.6.2009)


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