Die Nadel, der Beutel und der Weg des Blutes

15. Juni 2009, 14:26
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Rund um den Weltblutspendetag am 14. Juni appelliert das Rote Kreuz an die Menschen, anderen ihre Körperflüssigkeit zur Verfügung zu stellen

Wien - Natürlich ist Blutspenden kein Wettkampfsport. Aber ein bisserl Ehrgeiz darf schon dabei sein - auch wenn es vollkommen egal ist, ob der halbe Liter Blut, der da in das stetig hin und her wackelnde Plastiksackerl rinnt, nun in fünf, sieben oder (maximal) zehn Minuten abgezapft wird. Trotzdem: "Keine sechs Minuten! Eine Spitzenzeit!", lobt die Rotkreuzmitarbeiterin - und lächelt so, als habe man jetzt nicht nur das Anrecht auf ein Paar Würstel und ein Packerl Schnitten, sondern auf einen Pokal gewonnen. Mindestens.

Dabei hat man nicht viel mehr gemacht, als sich kurz pieksen lassen. Gut: Davor kam eine Liste von Fragen. Und ein kurzes "Verhör" über mögliche Risiken durch Fernreisen und Sexualverhalten. Und wenn dann - etwa eine halbe Stunde nach der Spenderei - auch das letzte bisserl Wackeligkeit abgeklungen ist, darf man sich getrost wie ein kleiner Held fühlen. Sagen jedenfalls die Leute vom Roten Kreuz. Und weisen darauf hin, dass man nach acht Wochen wiederkommen kann. Denn Bedarf herrscht immer, der Weltblutspendetag am Sonntag soll auf die Dringlichkeit aufmerksam machen (siehe Wissen links).

Freilich: Auch wenn der Spender fertig ist, ist die Spende noch lange nicht bereit, einem wildfremden Menschen vielleicht das Leben zu retten. Zunächst muss der halbe Liter "Vollblut" etwa drei Stunden rasten. In dieser Zeit fressen die weißen Blutkörperchen eine Vielzahl der potenziell im Blut herumschwirrenden Krankheitserreger.

Jagd durch die Zentrifuge

Wer glaubt, dass die Beutel dann tiefgefroren werden, irrt. Die lebensnotwendige Flüssigkeit wird völlig auseinandergenommen. Zunächst wird das Spenderblut ins Labor gebracht und durch einen Filter gejagt: Die weißen Blutkörperchen und Thrombozyten werden ausgesiebt, bevor der verbleibende Rest in einer Zentrifuge mit der dreifachen Erdbeschleunigung auf Karussellfahrt geschickt wird. Die roten Blutkörperchen sinken dabei ab, das Blutplasma bleibt übrig. In einer Presse werden Plasma und Blutkörperchen schließlich voneinander getrennt und in zwei separaten Beuteln gelagert.

Die roten Blutkörperchen sind in einer Nährlösung exakt 42 Tage lang halt- und einsetzbar, werden bei plus vier Grad Celsius nach Blutgruppen sortiert gelagert und warten auf ihre Auslieferung - so die bei jeder Probe durchgeführten Tests auf (unter anderem) HIV, Hepatitis A, B und C, Ringelröteln und diverse sexuell übertragbare Krankheiten negativ bleiben. Das Plasma wird bei Minus 80 Grad schockgefroren - und ist ab dann (tiefgekühlt bei minus 40 Grad) zwei Jahre haltbar.

Die gesamte Verarbeitung dauert nicht lange: Bis die Blutkonserve auslieferbar ist, vergehen ab Bearbeitungsbeginn maximal drei Stunden, bis das Plasma im Gefrierhaus ist, höchstens 15 Stunden.

Eine Blutkonserve kostet in Österreich zwischen 120 und 125 Euro, damit ist Österreich im billigeren Drittel der Blutproduzenten in der EU. "Blutexporte" in andere Länder finden de facto nicht statt, weil der nationale Eigenbedarf vorgeht. Die Ausnahme: Es wird eine besonders seltene, regional nicht verfügbare Blutgruppe angefordert.

Während die Blutspender bei der Abgabegeschwindigkeit keinerlei Einfluss auf ihre "Leistung" haben, gibt es aber eine andere Wettkampfebene, auf der sich manche Spender harte Scharmützel liefern: Da man zwischen den einzelnen Spenden mindestens acht Wochen warten muss, ist der Wettstreit, wer am häufigsten Spenden geht, einer, der sich über Jahre zieht. Der aktuelle Österreich-Rekord liegt bei knapp über 200 Blutspenden. (Thomas Rottenberg/DER STANDARD-Printausgabe,15.6.2009)

Wissen: Spendierfreudige Männer

Österreichs Spitäler benötigen jährlich rund 500.000 Blutkonserven à 0,5 Liter. Mehr als die Hälfte des Blutes wird für Operationen an Herz, Magen und Darm sowie in der Krebstherapie benötigt. Etwa zwölf Prozent der Konserven gehen an Unfallopfer, und jede 25. Spende wird bei einer Geburt verwendet. 466.262 Spenden sammelte das Rote Kreuz, drei Spitäler haben eigene Blutbanken.

Die Bereitschaft zu Spenden ist regional unterschiedlich - zum Leidwesen der Mediziner. Denn gerade in den Großstädten bleibt das Blut in den eigenen Adern: In Wien spenden 2,3 Prozent, der Österreich-Schnitt liegt bei 3,7 Prozent. Auch eine Differenz zwischen den Geschlechtern gibt es: Zwei Drittel der Spender sind Männer. (rott/DER STANDARD-Printausgabe,15.6.2009)

Link:

www.roteskreuz.at

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    Der Arm gehört Anton Polster, das Blut dem Roten Kreuz. Mit den Spenden Prominenter soll auch die breite Masse animiert werden. Der Eigenbedarf kann so im eigenen Land gedeckt werden.

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