"Jenseits von Gut und Böse"

14. Juni 2009, 20:27
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Spielervermittler Jürgen Werner im Interview über Reals Kaufwut, die un­moralischen Millionen und den Wert der österreich­ischen Fußballer

Standard: Lacht das Herz eines Spielervermittlers, wenn binnen einer Woche Kaká um 68 Millionen und Cristiano Ronaldo um 94 Millionen Euro verscherbelt werden?

Werner: Nein, es weint. Das ruiniert die Preise. Es ist ganz, ganz wild, was Real Madrid da aufführt. Die haben Schulden. Bayern München ist zwar um drei Eckhäuser kleiner, aber viel besser aufgestellt.

Standard: Sind diese Summen unmoralisch oder gar widerlich?

Werner: Ja, die Grenzen der Moral wurden überschritten.

Standard: Uefa-Präsident Michel Platini sieht sogar das Fair Play und die Chancengleichheit bedroht.

Werner: Dem würde ich nicht zustimmen. Es geht um Angebot und Nachfrage. In Österreich wollen jetzt halt alle zu Red Bull Salzburg, vor ein paar Jahren war die Austria die erste Adresse. In Deutschland werden eben die Bayern angestrebt. Tormann Manuel Neuer bekennt sich zwar zu Schalke, ich wette aber fast, dass er binnen Jahresfrist in München landet.

Standard: Demnach ist das Geschäft ziemlich verlogen, oder?

Werner: Nein. Die guten Spieler gehen dorthin, wo es das meiste Geld gibt. Das ist aber keine Spezialität des Fußballs.

Standard: Wir befinden uns eindeutig mitten in einer Weltwirtschaftskrise. Ignoriert das der Fußball?

Werner: Natürlich spürt man die Krise. Die ganz Großen betrifft sie auf den ersten Blick am wenigsten. Die deutsche Bundesliga wird als Sieger rausgehen, weil sie nicht auf Spekulationen gesetzt hat. Was momentan in Spanien oder teilweise auch in England passiert, ist gefährlich und krank.

Standard: Der Klub, der am meisten zahlt, muss nicht automatisch der beste sein. Paul Scharner wechselte von der Austria nach Norwegen, verdiente dort die Hälfte. Fehlt Spielervermittlern das langfristige Denken? Es gibt Talente, die es auf mehr Transfers als Einsätze bringen.

Werner: Für Scharner war es der richtige Weg. Es gibt für jeden einen Weg, er muss nur gefunden werden. Leider gibt es in unserem Markt viel Leute, die 16-Jährigen Versprechungen machen und sich als Berater aufdrängen. Das ist leider keine Kunst, denn einem ausländischen Verein ist es recht, wenn ihm die besten Österreicher angeboten werden. Egal, von wem, die fragen nicht nach Lizenzen, es genügen Strohmänner. Es darf nicht mein Ziel sein, halbe Kinder irgendwo unterzubringen und darauf zu hoffen, dass sie sich dort entwickeln. Man hat immer das Modell Martin Stranzl im Kopf. Aber über die 20 anderen, die gescheitert sind, wird geschwiegen.

Standard: Wie hoch ist der Stellenwert österreichischer Fußballer?

Werner: Im internationalen Ranking sind wir nicht gut angeschrieben, aber die Erfolge im Nachwuchs werden schön langsam anerkannt. Scouts schauen sich nicht Mattersburg gegen Kärnten, sondern Nachwuchsländerspiele an.

Standard: Ihre heißeste Aktie ist wohl Rubin Okotie.

Werner: Auf jeden Fall. Er war ein österreichisches Schicksal. Rubin wurde vor zwei Jahren bei der U20-WM in Kanada ins All-Star-Team gewählt. Gemeinsam mit dem Tschechen Fenin, der wechselte um vier Millionen zu Frankfurt. Okotie schaffte es zu den Amateuren der Austria. Das ist Geldvernichtung pur. Sie sagten, sie müssen ihn erst einmal anschauen. Ich wies darauf hin, dass sie ihn seit zehn Jahren kennen. Jetzt hat er wenigstens sein erstes volles Jahr absolviert. Unsere Liga genügt aber nicht für Begehrlichkeiten. Marc Janko bringen zwei Länderspieltore mehr als 39 in der Meisterschaft.

Standard: Hat das Bosman-Urteil die Preise in die Höhe getrieben?

Werner: Die Preise nicht, die Vertragslaufzeiten haben sich erhöht. Das ist für die Vereine eine Verschlechterung. Ist einer super, kann er trotzdem raus. Siehe Ronaldo. Natürlich lege auch ich Wert auf Ausstiegsklauseln. Für Spieler und Berater ist es einfacher geworden. Früher konnte man sich auf den Kopf stellen.

Standard: Wie viel ist Okotie wert?

Werner: Ein Angebot aus Bielefeld schaut anders aus als eines aus England. Sein Marktwert wird mit rund 2,5 Millionen beziffert. Das ist relativ wenig, aber nicht wenig für einen Mann, der nur mehr ein Jahr lang unter Vertrag steht.

Standard: Sie müssen ja ihre Klienten unterbringen. Der ÖFB möchte die zweite Liga auf 16 Vereine aufstocken. Sinnvoll?

Werner: Ja, die Plattform wird trotz aller Bedenken größer.

Standard: Noch einmal zu Ronaldo. Fließt das Geld wirklich?

Werner: In Italien werden die Preise bewusst hoch angesetzt. Weil es lässig ausschaut. Aber oft wird getauscht, da wechseln halt spontan drei Spieler als Teil der Gegenleistung. Aber noch einmal: 94 Millionen sind jenseits von Gut und Böse. Andererseits hat Manchester United alles richtig gemacht.

Standard: In Österreich scheint Red Bull Salzburg die Gesetze des Marktes zu ignorieren.

Werner: Das ist jetzt nicht mehr so. Ich habe das bei Franz Schiemer gesehen. Mit Geld wird dort keiner mehr erschlagen. (Christian Hackl, DER STANDARD Printausgabe 15.06.2009)

Zur Person: 

Der Welser Jürgen Werner (47), Magister der Betriebswirtschaften und Ex-Kicker, darf offiziell Spieler vermitteln. Sein weltweit tätiges Unternehmen Stars & Friends vertritt rund 450 Fußballer, davon 80 aus Österreich (u. a. Pogatetz, Schiemer, Hölzl, Leitgeb, Okotie). Auch Chelsea-Goalie Petr Cech zählt zur Kundschaft.

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    Jürgen Werner, einst auch als Beach-Fußballer unterwegs.

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