Friedliche Kundgebung endete mit Toten

16. Juni 2009, 06:48
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Die Opposition im Iran ließ sich auch vom Versprechen einer Wahlüberprüfung nicht beruhigen - Nach einer Demo griffen Milizen an

Die iranische Opposition ließ sich auch von einem Demonstrationsverbot am Montag nicht daran hindern, auf die Straße zu gehen, in Teheran und in anderen Städten. Nach einer Veranstaltung im Zentrum Teherans griffen am Abend Basiji-Milizen die unbewaffneten Demonstranten an, dabei gab es mehrere Tote.

Die Kundgebung in Teheran hatte ruhig begonnen, beobachtet von Polizei, die nicht eingriff. Die Strecke zwischen Revolutionsplatz und Freiheitsplatz war dicht mit Menschen gefüllt. "Das waren nicht Zehntausende, sondern Hunderttausende", sagte ein Teilnehmer. Obwohl die Rede des offiziellen Wahlverlierers der Präsidentenwahlen von Freitag, Mir-Hossein Mussavi, offiziell abgesagt wurde, kam er an den Versammlungsort und versicherte den Menschen, dass er das Ergebnis nicht anerkennen würde.

Mit ihm zeigten sich auch der Kandidat Mehdi Karrubi und andere Exponenten des Reformlagers. Die riesige Menschenmenge fiel auf ein Zeichen Mussavis in ein langes Schweigen, die Hände zum Victory-Zeichen erhoben. Zuvor hatten sie Parolen gegen Ahmadi-Nejad und für Mussavi gerufen.

Die Ankündigung des religiösen Führers, Ali Khamenei, die Wahlen überprüfen zu lassen, hatte bei den Anhängern Mussavis nur wenig Hoffnung ausgelöst: Khamenei habe die Ergebnisse doch schon anerkannt und Präsident Mahmud Ahmadi-Nejad zur Wiederwahl gratuliert, die Prüfung sei eine Farce. Niemand rechnete mit einer Revision, höchstens mit einer kosmetischen Korrektur.

Das staatliche Fernsehen zeigte am Montag Bilder vom Treffen Mussavis mit Khamenei vom Vortag, offenbar ein Versuch, die Menschen zu beruhigen. Die Demonstranten haben jedoch angekündigt, jeden Tag an einem anderen Platz in Teheran demonstrieren zu wollen, bis die Regierung die Wahl annulliert. In Teheran ging das Gerücht um, dass der Bazar am Dienstag zumindest teilweise geschlossen bleiben sollte, was ein starkes Zeichen an die Regierung wäre.

Eine Taktik der Mussavi-Anhänger war, dass sie sich auf Dächern postierten und dort "Allahu Akbar" (Gott ist groß) riefen - dadurch unantastbar für die Polizei. Unruhen gab es auch in anderen Städten, wobei die Hotspots, wie in Teheran, oft die Universitäten waren. Wieder machten Regierungsanhänger von Motorrädern aus Jagd auf Oppositionelle und schlugen mit Eisenstangen auf sie ein. Das Handynetz war teilweise gestört, SMS funktionierte nicht. Viele offizielle Webseiten wurden gehackt.

Mittlerweile machen Gerüchte über die Dynamik die Runde, die sich am Freitag, dem Wahlabend, entwickelt hatte. Es heißt, Mussavi sei deshalb vorgeprescht und habe schon wenige Minuten vor der Schließung der Wahllokale seinen Sieg verkünden lassen, weil zu dem Zeitpunkt klar wurde, dass eine Fälschung im Gang ist.

In Teheran kursieren unterschiedliche Zahlen, wie das echte Wahlergebnis ausgesehen habe. Am häufigsten wird genannt: 57,2 Prozent für Mussavi, 28 für Ahmadi-Nejad, 7,2 für Mohsen Rezaie und 6 für Karrubi. Die später als Wahlergebnis bekanntgegebenen Zahlen wären bereits zuvor festgelegt worden.

Widersprüchliche Ergebnisse

Sicher ist, dass es starke Widersprüchlichkeiten gibt: So gibt es von den Behörden jeden Tag neue Detailergebnisse, die einander zum Teil widersprechen. Am auffälligsten ist für viele, dass die Gegenkandidaten Ahmadi-Nejads nicht einmal in ihren eigenen Heimatorten gewonnen haben sollen. Sogar Menschen, die nicht auf der Seite der Opposition stehen, geben zu, dass das sehr unwahrscheinlich ist. Von Mussavi, der selbst Aseri ist, konnte auch kaum jemand glauben, dass er - wie zuerst verkündet - in ganz Aserbaidschan verloren haben sollte. Prompt wurde dann konzediert, dass er in Westaserbaidschan doch vorne gelegen war - knapp.

Mohammed-Reza Khatami, der verhaftete Bruder von Expräsident Mohammed Khatami, und dessen Frau, eine Enkelin des Republikgründers Khomeini, wurden in der Zwischenzeit wieder auf freien Fuß gesetzt. Andere vom Innenministerium als "Unruhestifter" bezeichnete blieben jedoch in Haft. Von Ali Akbar Hashemi Rafsanjani gab es ein öffentliches Kommuniqué: Er sei nicht, wie gemeldet, von seinen Ämtern als Vorsitzender des Expertenrats und des Schlichtungsrats zurückgetreten. Der Expräsident blieb jedoch verschwunden, sein Haus war umstellt. (Gudrun Harrer/DER STANDARD, 16.6.2009)

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    Demonstranten auf dem Freiheitsplatz in Teheran

  • Hunderttausende Moussavi-Anhänger gingen am Montag in Teheran auf die Straße
    foto: epa/abedin taherkenareh

    Hunderttausende Moussavi-Anhänger gingen am Montag in Teheran auf die Straße

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    Die Demos gehen auch am Dienstag weiter.

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