Die Wächter der iranischen Illusion

14. Juni 2009 19:28

Wer vor diesem Wochenende von "Change" im Iran geträumt hatte, sieht sich nun gleich zweifach ge- bzw. enttäuscht - Von Simone Dinah Hartmann

Eine pseudodemokratische Wahl endete mit der Niederlage eines pseudooppositionellen Kandidaten.

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Stellen Sie sich vor, dass bei zukünftigen Wahlen der Dritte Nationalratspräsident und seine Gesinnungskameraden die Kandidaten und Kandidatinnen aller Parteien einem inhaltlichen Screening unterziehen. Es lässt sich leicht ausmalen, wer dann noch übrig bliebe: All jene, die den ideologischen Kern eines solchen "Regimes" nicht infrage stellen. Einzig das BZÖ wäre wohl im Lager des "Reformcamps" angesiedelt. Und nun schreiten Sie zur Wahl ...

Ganz Ähnliches geschah letzten Freitag im Iran, als Millionen Iraner und Iranerinnen zu den Wahlurnen schritten. Dass es dabei zu keinen Überraschungen kommen konnte, haben Ali Khamenei, als oberster geistlicher Führer der starke Mann des Landes, und sein Wächterrat schon im Vorfeld sichergestellt, indem sie alle Kandidaten für das Präsidentenamt auf ihre Tauglichkeit prüften, die "Islamische Republik Iran" zu vertreten. So wurden auch diesmal ganz im Stile einer pseudodemokratischen Diktatur mehrere hundert Kandidaten nicht zu dieser Wahl zugelassen. Schließlich kann nur derjenige Präsident werden, der die Grundlagen der "Islamischen Republik", die "Herrschaft der Rechtsgelehrten" und die rigide Anwendung der Scharia nicht in Zweifel zieht.

Natürlich gab es leicht divergierende Ansichten, etwa in der Frage, wie tief der Schleier sitzen müsse, aber in zentralen Punkten herrschte Einigkeit: Ebenso wie Ahmadi-Nedjad beharrte auch sein wichtigster Gegenspieler Mir-Hossein Mussavi auf einer Fortsetzung des umstrittenen Atomprogramms. Immerhin war er nicht nur während des Iran-Irak-Krieges acht Jahre Premierminister, ein enger Vertrauter Khomeinis und mitverantwortlich für die Ermordung tausender Oppositioneller. Während seiner Amtszeit wurde auch das Atomprogramm wieder aufgenommen, das dann die folgenden 18 Jahre im Geheimen betrieben wurde.

Bereits kurz nach Bekanntgabe der Wahlergebnisse hat Mussavi seine Treue zum System demonstriert. Er forderte seine Anhänger auf, sich nicht von den "Unruhestiftern" in die Falle locken zu lassen, die seit Freitagabend auf die Straße gehen, sondern Ruhe zu bewahren. Dass sich die Massendemonstrationen ausweiten und die Stabilität des Regimes in seiner Gesamtheit gefährden, ist nicht im Sinne Mussavis: Der Wahlverlierer gehört dem "Obersten Rat für die kulturelle Revolution im Iran" an, dessen Ziel es ist, die iranische Gesellschaft vom "westlichen Einfluss" zu reinigen und den Einfluss jener Interpretation des Islam in der Gesellschaft zu sichern, die seit Khomeinis Revolution von 1979 die iranische Bevölkerung knechtet.

Gleichwohl wurde Musssavi zur Ikone für viele junge Iraner und Iranerinnen, die sich "Change" wünschen. Doch sie wurden gleich doppelt enttäuscht, nachdem sie sich täuschen ließen. Das Regime hat seine pseudodemokratische Maske abgelegt. Das Agieren Khameneis und der Revolutionsgarden während und nach den Pseudowahlen hat abermals gezeigt, dass die aggressivsten und radikalsten Kräfte innerhalb der "Islamischen Republik" gar nicht daran denken, ihre Machtpositionen aufzugeben. Schlussendlich ist es ohnehin der oberste geistliche Führer Khamenei, nicht der Präsident, der im Iran in allen entscheidenden Fragen das Sagen hat. Unter seiner Ägide steht das Atomprogramm und er gibt den politischen Kurs vor. Khamenei hat die Kandidatur Ahmadi-Nejads unterstützt und steht seinem Schützling in nichts nach. Erst kürzlich hat er während der Trauerfeierlichkeiten zum 20. Todestag Khomeinis Israel als "Krebsgeschwür im Herzen" der muslimischen Welt bezeichnet.

Der Sieg Ahmadi-Nejads bedeutet, dass sich jene Fraktionen des iranischen Regimes durchgesetzt haben, die auf jegliche verbale Rücksichtnahme gegenüber dem Westen und jede Zurückhaltung bei der Unterdrückung der eigenen Bevölkerung verzichten. Die letzten vier Jahre legen Zeugnis für ein aggressives Auftreten nach außen und im Inneren ab, das von der Stärkung der Pasdaran im iranischen Machtgefüge, der Organisation von Holocaust-Leugner-Konferenzen über Vernichtungsdrohungen gegen Israel bis zur Unterstützung des internationalen Terrorismus reicht.

Angesichts dieser Entwicklungen ist auch hinsichtlich der Verhandlungen über das Nuklearprogramm mit keiner Änderung der iranischen Hinhaltetaktik zu rechnen. Denn die Zeit arbeitet für das Regime in Teheran: Jeder Monat, der mit ergebnislosen Verhandlungen vergeht, bringt die Diktatur der Ayatollahs näher an die Bombe. Die Notwendigkeit von konsequenten und scharfen Sanktionen, die insbesondere auf das Öl- und Gasgeschäft als Haupteinnahmequelle des Regimes zielen müssten, sollte selbst jenen einsichtig sein, die bis zum letzten Freitag an die Reformierbarkeit des Mullah-Staates geglaubt haben.

Anstatt aber die internationalen Bemühungen um verschärfte Sanktionen zu unterstützen, die trotz aller Gesprächsangebote auch seitens der Obama-Administration weiter propagiert werden, geht man in Österreich den entgegengesetzten Weg. Die Wirtschaftskammer plant für Ende dieses Monats sogar ein eigenes "Iran-Seminar", um die Geschäftsbeziehungen mit der Mullah-Diktatur noch zu intensivieren.

Ebenso wie jene Politiker, die nichts gegen Geschäfte mit dem iranischen Regime unternehmen, fällt die Wirtschaftskammer damit jenen in den Rücken, die heute unter der Parole "We want freedom" auf die Straße gehen. (DER STANDARD, Printausgabe, 15.6.2009)

 

Simone Dinah Hartmann ist Mitherausgeberin des Buches "Der Iran – Analyse einer islamischen Diktatur und ihrer europäischen Förderer" und Sprecherin des Bündnisses www.stopthebomb.net.

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Posting 1 bis 25 von 46
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Finanzflirt
21.06.2009 18:18
Geld stinkt nicht!

Ist wohl die geheime Parole der Wirtschaftskammer.

Ibrahim Abdelsalam
 
17.06.2009 09:21
Fehldiagnose

Die Proteste der letzten Tage zeigen die ideologische Verblendung von Hartmann. Musavi hat sich - vielleicht sogar gegen seinen Willen - zum Symbol einer echten Demokratiebewegung entwickelt. Die Iraner selbst wissen, dass es nicht egal ist wer von den Beiden diesen Machtkampf gewinnt. Die rechtszionistischen Lobbysten von Stop the Bomb werden dabei allerdings ohnehin keine Rolle spielen. Und das ist gut so.

MiNeum71
 
16.06.2009 09:39


Ich habe noch niemals eine treffende Analyse eines Exiliraners gelesen, da diese das herrschende System ideologisch ablehnen. Auch Simone Dinah Hartmann zeigt die typischen Symptome aller gegen das Mullah-Regime opponierenden Auslandsiraner. Ihr beliebtester Leitspruch ist "Een-ha ha-me ye-kee'an" (wörtlich: "Diese sind alle eins").

Aber sie will nicht wahrhaben, daß innerhalb der geistigen und weltlichen Elite große Meinungsverschiedenheiten vorliegen. Nicht umsonst wurden bereits selbst Mullahs eingesperrt, gefoltert und umgebracht (Borudscherdi, Taleghani, Schariatmadari, Montazeri, nur um einige zu nennen).

Ich habe in wenigen Worten das Dilemma der IRI zusammengefaßt: http://derstandard.at/?url=/pli... 4/13231379

n a1
16.06.2009 00:34
hardliner profitieren von Sanktionen

Tatsache ist das Sanktionen die mittelständische Privatwirtschaft schwächen und die totalitären Kräfte somit gestärkt werden. Sanktionen verhindern die Entwicklung (auch die Demokrtatische) eines Landes. Durch Sanktionen wird die Macht im Land gebündelt und die politische Situation zum schlechteren verändert. Verhandeln ist die einzige Lösung, und Verhandeln heisst auch Geschäfte machen. Natürlich soll man sich seine Geschäftspartner gut aussuchen, aber es gibt im Iran, wie überall, auch anständige Leute mit denen man ins Gespräch b.z.w Geschäft kommen kann d.h soll. Damit schwächt man die "bösen" und stärkt die "guten" . Sanktionen bewirken das Gegenteil .

Alter Knacker
16.06.2009 21:50

im Grunde ist es egal, ob Sanktionen oder nicht, weil wenn der Iran eine Atomrakete abschösse auf New York, was wäre da der Vorteil ? Heutzutage fürchtet sich niemand mehr vor Atomwaffen, weil sie sowieso nicht eingesetzt werden und man muß sie hegen und pflegen und bewachen, damit niemand das Uran an Terroristen verkauft. Und die Atombombe als hochtechnologische Erungenschaft, um den Mohammedanismus zu stützen, der sowieso zusammenbrechen muß, was macht das für einen Sinn ? Man kann ja nicht alle Frauen auf der ganzen Welt verschleiern, weil dann würde die Weltwirtschaft zusammen brechen und der Iran würde sein Erdöl nicht mehr verkaufen können.

wieso auch nicht
15.06.2009 18:36

Wenn man den Kommentar ohne ideologische Scheuklappen liest, dann fällt einem doch vor allem ein Schluss auf:
- Die Jugendlichen die nun mutigerweise auf die Straße gehen wurden doppelt betrogen. Einerseits in dem man sie glauben machte Mussavi sei eine echte demokratische Alternative und andererseits in dem man ihnen selbst diese Wahl "abnahm" und einfach Ahmadinejad wieder einsetzte.
Und dieser Schluss von Hartmann scheint mir doch sehr richtig zu sein. Die tatsächlichen Opfer dieses ganzen Mummenschanzes sind die pro-demokratischen jungen Menschen die jetzt gerade verprügelt werden.

Joachim Granner
15.06.2009 18:15
Zum Totlachen . Von der FPÖ schnurstracks in den Iran

Baldige Besserung !

Bascule Theant
 
15.06.2009 16:08
Warum werden diese...

...fast wörtlich vorhersehbaren Artikel zu jedem Thema wo "Iran" oder "Israel" draufsteht veröffentlicht?

Ich respektiere die Meinung von Frau Hartmann, das ständige Wiederkäuen derselben Argumente, nicht sehr spannend.

Kann der Standard nicht einen Vordruck schon verwenden? Thema Iran... Frau Hartmann sagt: Iran ist böse. Das würde doch langsam reichen....

Fritz Wunderlich
15.06.2009 17:20
EUphoriker
15.06.2009 15:22
Ähnlich undifferenziert

wie der Göbbelsvergleich des deutschen Kanzlers H. Kohl vor etwas mehr als 20 jahren mit bezug auf

M. Gorbatschow.

Wo sollen denn die reformkräfte herkommen, wenn nicht aus dem regime selbst?

byron sully
15.06.2009 16:46
seh ich eigentlich ähnlich,

denn natürlich ist moussavi teil des radikalklerikalen systems, aber wenn der kommentar suggerieren will, daß es dann eigentlich eh schon egal ist, ob ahmadinejad oder moussavi, dann ist das eine undifferenzierte betrachtungsweise. denn eben auch ein gorbatschow (oder ein nagy oder ein dubcek) waren ursprünglich mitten im system drin.
jetzt kann man natürlich drauf erwidern, daß bereits ein khatami 8 jahre lang präsident war und sich an den grundsäulen des systems leider nichts verändert hat. ja, aber ersten gibt es immer noch so was wie ein kleineres übel und zweitens besteht immer noch hoffnung. moussavi hat es immerhin geschafft, leute massiv zu mobilisieren. ohne ihn würde teheran heute schlafen statt demonstrieren.

ISB
15.06.2009 12:05
Umfassabr

Nachdem die Ereignisse im Iran bewiesen haben, wie differenziert und komplex diese Gesellschaft ist, darf die Stop-the-Bomb Hardlinerin S. Hatmann erneut ihre These verbreiten, im Iran wäre ein undifferenziertes Mordkollektiv am Werk, das lieber heute als morgen Israel auslöschen möchte.

sixela
15.06.2009 23:36

...und Hartmann hat vollkommen recht!

Nixennacht
15.06.2009 14:07

äh, das sagt nicht Frau Hartmann, sondern Ahmadinejad bei jeder sich bietenden Gelegenheit.

Gast Kommentar
15.06.2009 17:53

Genauso wie diverse Palästinenserorganisationen Sharon und Co erfundene Zitate in den Mund legen, die diese niemals getätigt haben, so ist die Mär davon, dass der iranische Präsident Israel die Vernichtung angedroht hat, immer noch lebendig, aber leicht für jeden widerlegbar, den's interessiert (aber wozu auf Quellensuche gehen, wenn man's so leicht widerkäuen kann?)

Ahmadinejad ist gewiss ein Antisemit und kein Freund Israels (und so einiges mehr), aber nicht alles, was die israelische Propagandamaschinerie über das, was er angeblich gesagt hat, verbreitet, ist automatisch wahr.

Frau Hartmann ist nun wirklich kein Aushängeschild für eine differenzierte Sicht des Nahostkonflikts. Was ja ok ist; jeder wie er/sie will.

ingleside
15.06.2009 11:21

Die Schlussfolgerungen dieses Kommentars finde ich ein wenig vermessen. Denn 1.: die Geschichte hat schon oft genug bewiesen, dass Sanktionen nicht gerade die beste Lösung sind, um durch den wirtschafltichen Druck eine Veränderung des politischen Systems herbeizuführen. 2.: Die Wirtschaftskammer als moralisch verwerflich darzustellen, weil sie wirtschaftliche Kontakte mit dem Iran anstrebt, ist wirklich weltfremd!

Hermine Berg
 
15.06.2009 14:33
es sind nur 2 konkrete beispiele

fuer unsere dekadenz, die dem wirtschaflichen vorteil (=der kurzfristigen faulheit) die langfristigen interessen nur allzuoft opfert.

ja, heute ist es weltfremd fuer seine ueberzeugungen und interessen auch noch wirklich aufzutreten und einzustehen.

Fritz Wunderlich
15.06.2009 14:33

stimmt die jahrzehntelangen sanktionen gegen südafrika, der europäische boycott israels in den siebzigern, das waffenembargo der usa gegenüber china, die cocom-liste gegen den ostblock

papst benedikt
15.06.2009 10:54

der informationsgehalt von stellungnahmen aus dem bündnis "stopthebomb" liegt, was den wahrheitsgehalt betrifft, auf exakt dem gleichen niveau wie der informationsgehalt von aussendungen aus dem büro des iranischen präsidenten.
beides ist blanke propaganda.

Linus Tintifax
15.06.2009 10:28
sanktionen für den iran sind der einzige weg

es gibt keinen anderen. aber das muss man erst einmal den konzern-schleimern klar machen....

Linus Tintifax
15.06.2009 16:53
ergänzung

um von außen auf die situation einzuwirken, natürlich.

Andreas Exenberger
15.06.2009 09:41
Oje

Abgesehen von der ideologisch unzweideutigen Zuordnung der Schreiberin (stopthebomb): Schade um den teilweise durchaus interessanten Inhalt, da er auf so jenseitige Weise eingeleitet wird, die ein bestenfalls unzureichendes Verständnis von vergleichender Politik offenbart. Bloß dass man sowohl die FPÖ wie auch die Kleriker im Iran für Faschisten hält, macht noch nicht alles, was hinkt (in dem Fall kriecht es kaum noch), zum Vergleich.

de-xpat
15.06.2009 11:25

hier gehts weniger um den vergleich (und nicht mal indirekt im die FPÖ) als vielmehr drastisch darzustellen, wie wenig demokratisch eine angeblich demokratische wahl im iran mit der kandidatenselektion schon begonnen hat.

Andreas Exenberger
15.06.2009 12:03
Vergleich mas ...

... doch mitm Laun, der gleichzeitig Bundespräsident mit echtem Oberbefehl über das Heer, dem echten Recht auf begründungslose Entlassung der Regierung und Auflösung des Parlaments sowie dem Austausch von Richtern des OGH und VfGH ist. Denn wer Graf bemüht, redet mehr als indirekt von der FPÖ.

PS: Nur als Anregung: Kandidatenauslese an sich gibt es auch in Österreich und zu was es führt, wenn man sich daran vergeht, sah man gerade bei der aktuellen Europawahl ... so, und jetzt habe ich auch einen deplazierten Verlgeich gemacht.

monty python
 
15.06.2009 15:36

das ist ja genau der punkt. österreich ist eben keine radikalkatholische theokratie, der iran sehr wohl aber eine radikalislamische.
@ hinkende, kriechende vergleiche: eu-wahl <-> iranwahl?
das währe wohl nur dann näherungsweise vergleichbar, wenn laun sagen könnte: "ihr habt die wahl zwischen den beiden guten katholiken karas und strasser. alle anderen sind verboten."

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