Glawischnig verspielt alle grünen Chancen

14. Juni 2009, 19:01
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Wie schwach, wie ausgelaugt die grüne Führung ist, zeigt allein ihre politische Sprache

Das wird nichts mehr. Eva Glawischnig, die grüne Sprecherin, hatte faktisch ein halbes Jahr Zeit, ihre Partei neu zu positionieren. Sie hat die Chancen nicht genützt, sondern verspielt. In einer für die Grünen eigentlich idealen Phase: Klimawandel, Wirtschaftskrise, soziale Nöte.

Wie schwach, wie ausgelaugt die grüne Führung ist, zeigt allein ihre politische Sprache. Genauso wie Werner Faymann fordert Glawischnig Geschlossenheit. Wütend, wie ein ramponierter Funktionär, wirft Alexander Van der Bellen dem Dissidenten Voggenhuber "parteischädigendes Verhalten" vor. In einer Art Rückenstärkung für die Nachfolgerin.

Warum haben die Grünen nicht längst eine krisen-adaptierte Fassung des alten Öko-Steuer-Konzepts vorgelegt? Warum sind sie über Ansätze eines den radikalen Veränderungen angepassten Energie-Programms nicht hinausgekommen? Sie wirken auf vielen Gebieten wie die politischen Exekutoren von Attac. Eigene Positionen? Keine wirklich herausragenden.

Der Verdacht kommt auf, dass Glawischnig & Co. den verpassten Chancen einer Regierungsbeteiligung nachtrauern und darüber vergessen haben, warum es sie eigentlich gibt, warum man sie einmal gebraucht hat.

Wenn sie so weiterwursteln, braucht sie niemand mehr.

Bereits die nächsten Wahlen, jene in Oberösterreich und jene in Wien, werden die Misere dramatisch vor Augen führen. In der Linzer Regierung spielen die Grünen den Steigbügelhalter. Die Wählerschaft wird sie höchstwahrscheinlich abstrafen. In Wien gelten die Grünen als potenzielle Unterstützer Michael Häupls. Das wird ihnen ebenfalls schaden - noch dazu gestresst durch die absehbare oberösterreichische Niederlage.

Wer all das und andere Aspekte zusammenzählt, kommt zu keinem anderen Schluss als den: Die bald zweifache Mutter Eva Glawischnig sollte sich auf den Posten einer grünen Klubchefin im Parlament konzentrieren. Diese Kiste kennt sie.

Die Partei selbst sollte sich zu einem Neuanfang entschließen. Journalisten sind zwar nicht dazu da, personelle Vorschläge zu machen. Schon gar nicht öffentlich. Aber es würde den Prinzipien der grünen Bewegung entsprechen, jemand an die Spitze zu holen, der/die mit den Machthaber(er)n der Republik noch nicht auf Du ist. Ein Oppositionstalent oder ein Musiker des Protests. Mit Tiefgang.

Die Grünen sollten auch nicht überlegen, ob der oder die Neue News-tauglich ist, tanzen kann, flexibel ist wie ein Model im hippen Österreich. Oder gar: Ob eine neue Führung Dichand-genehm ist oder nicht.

Warum die Schwäche der Grünen besonders zu bedauern ist? Sie fallen ohne harte thematische und personelle Konsequenzen auf Prozentsätze unter zehn Prozent zurück und sind kein potenzieller Koalitionspartner mehr.

Der Gewinner wäre die nationale Rechte unter H.-C. Strache und Martin Graf. Endlich hätten die immer schon Rechtslastigen in der ÖVP und die Biertisch-Basis in der SPÖ keine Argumentationsprobleme mehr: Wer die große Koalition nicht will, der muss mit der FPÖ regieren.Alles wäre wieder beim Alten. (Gerfried Sperl, DER STANDARD, Printausgabe, 15.6.2009)

 

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