Unzufriedenheit mit Risiko-Werkzeugen

14. Juni 2009, 18:55
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Ein Standardtool der Banken zur Messung des Risikos von Veranlagungen, die Value-at-Risk-Methode, kommt zunehmend unter Beschuss

Wien - Debatten um mathematische Modelle werden selten hitzig geführt. Doch die großen Verluste in der Finanzkrise, die zahlreiche Finanzinstitute an den Rand der Existenz - und etwa Lehman Brothers darüber hinaus - gebracht haben, rückten auch den Bereich des Risikomanagements in den Fokus von Bankern und Regulatoren. Nun stehen jene Werkzeuge auf dem Prüfstand, die für die letzten 20 Jahre gang und gäbe waren.

Banken wollen wissen, in welchem Ausmaß ihre riskanten Kredite oder Wertpapiere Verluste bescheren. Denn im Zentrum jeder Investition steht die Abwägung des Verlustrisikos und des Ertragspotenzials. Die Aufgabe der Risikomanager in den Finanzinstituten ist es, dieses Risiko zu quantifizieren, um dem Management einen Überblick über mögliche Probleme am Horizont zu geben.

Value at Risk

Die Zauberformel der vergangenen Jahre war der Value at Risk (VaR). Gefördert und angewandt von Banken, Investmentfonds und Regulatoren, wurde VaR zum Standardwerkzeug der Risikomessung. Ein Grund dafür ist die Einfachheit und die simple Interpretation.

Der VaR soll den maximalen Verlust angeben, den ein Portfolio oder eine Position in einer Bankbilanz verursacht. Diese Rechnung fußt auf Wahrscheinlichkeiten und gilt beispielsweise für 99 Prozent aller Beobachtungen. Die Methode spuckt am Ende jenen Verlust aus, der in 99 Prozent aller Fälle nicht überschritten wird.

Simple Rechnung

Diese simple Rechnung ist aber noch nicht das Ende vom Lied. Denn Banken oder Fonds versuchen, ihre Gewinne zu maximieren, ohne den VaR zu erhöhen. Das führt zu der Situation, dass mit einer Wahrscheinlichkeit von eins zu hundert die Bank im nächsten Jahr von den Verlusten in die Insolvenz gefahren werden kann. Umgemünzt auf die Lebenserwartung eines Menschen entspricht das der Sterbewahrscheinlichkeit einer 72-jährigen Frau in Österreich.

Der VaR als Messung der "Gesundheit" eines Finanzinstituts ist damit umstritten. Gegner des Tools, wie etwa Nassim Taleb, Autor des Buches "Der schwarze Schwan", sprechen von Risikomanagern, die dieses Werkzeug anwenden, als "Scharlatanen". Die Gegnerschaft zu dem simplen Werkzeug steigt aber auch in der Finanzbranche. Eine globale Umfrage der Beratungsfirma Bfinance hat ergeben, dass rund die Hälfte aller Vermögensverwalter mit der Risikomessung über VaR unzufrieden sind.

Warnung vor Unzulänglichkeiten

Für die Wissenschaft ist dieses Umdenken zu spät eingetreten. Bereits bei der ersten breiten Anwendung des VaR hatten Forscher vor den damit verbundenen Unzulänglichkeiten gewarnt - und auch alternative Methoden als Ergänzung vorgeschlagen. In vielen Fällen führt die VaR-Risikomessung nämlich dazu, dass Diversifikation bestraft wird - was Forschungsergebnissen der vergangenen Jahrzehnten widerspricht.

Während die Wissenschaft über neue Risikomessungen grübelt, kommt von politischer Seite nichts Neues. In der aktuellen Richtlinie der Europäischen Kommission zur Regulierung von Hedgefonds wird die Value-at-Risk-Methode zwar kritisiert, da "systematische Risiken massiv unterschätzt wurden". Eine alternative Methode zur Risikomessung wurde aber nicht vorgeschlagen.(Lukas Sustala, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.6.2009)

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