Wenn der Witz zur Figur wird

14. Juni 2009, 19:08
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Philippe Quesne begeisterte mit "Der Serge-Effekt"

Wien - Mit wunderbarem Humor und sensibler Dramaturgie spielt der in Paris lebende Autor und Regisseur Philippe Quesne bei den Wiener Festwochen seinem Publikum einen Serge-Effekt vor. Am Ende rauscht begeisterter Applaus durch das brut-Theater. Verständlicherweise.

Vordergründig erzählt Quesne die Geschichte des versponnenen jungen Serge, der allein in einer eher deprimierend aussehenden Junggesellenbude wohnt und immer wieder Freunde einlädt, denen er ein- bis dreiminütige "Shows" vorführt. Diese Leute kommen auch brav, und die Vorführungen werden stets irgendwie peinlich.

Wäre Quesne ein existentialistischer Tragödienschreiber, würde sich der gute Serge am Ende wahrscheinlich aufhängen. Wäre der 39-jährige Autor dagegen ein Komödienschreiber, dann hätte er seinen Witz nicht so fein gestreut, sondern mit viel mehr Gags aufgeblasen, und er hätte Serge zu einer Karikatur gemacht: der gescheiterte Künstler als Clown oder so ähnlich. Um beispielsweise fernsehtauglich zu werden, bräuchte das Stück auch eine anrührende Liebesgeschichte.

Doch nichts davon ist in dem postmodernen, aber keineswegs postdramatischen Stück zu finden. Denn der Serge-Effekt hat es "under cover" in sich. Das Publikum erkennt sich in den auftretenden Laiendarstellern wieder. Diese werden ebenfalls zu Zuschauern, wenn Serge seine Miniaturen vorführt, die eine ganz eigene Rolle spielen. Als Darstellungen im Stück werden sie zu wahren Meisterwerken, gerade weil zu vermuten ist, dass ihre lapidare Einfachheit im echten Leben kaum jemanden begeistern würde. In Solidarität mit den verlegenen Freunden von Serge auf der Bühne läuft das Publikum des Stücks warm.

Serge selbst, wunderbar cool gespielt von Gaëtan Vourc'h, führt sich zu Beginn als Figur aus Philippe Quesnes Vorgängerarbeit ein. Das heißt, der Charakter ist ein Demonstrationsobjekt, und man kann dabei zusehen, was mit ihm passiert. Dieses Objekt ist eines, das gerne aus kulturellen oder technischen Fetischen wie Richard Wagner oder einer Lasershow sehr kleine "Effekte" macht, das Spektakuläre auf Matchbox-Größe bringt und es so unterminiert. Ab und zu wendet dieses Objekt sehr typische Theatertricks an, um dem Publikum ein Lachen zu ermöglichen.

So gelingt Quesne die Umwandlung der Witzfigur in den Witz als eigene Figur: in der Verkleinerung des Mächtigen, in der Besetzung von Stellvertretern des Publikums und in der Ein- und Ausführung seines Charakters über die Grenzen von Beginn und Ende des Stücks hinaus. Denn Serge verabschiedet sich in das nächste Stück von Quesne hinein: mit einem Perückentanz in rotem Licht. (Helmut Ploebst, DER STANDARD/Printausgabe 15.6.2009)

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