"Man belohnt Banken, statt sie zu bestrafen"

  • Jörg Finsinger: Weil offenbar die Verursacher, also die Banken und die eng verwandten Produktgeber z.B. der Immobilienaktien, die meist mit Banken eng verbandelt sind, - man denke an Immofinanz und Constantia und an Meinl-, für den Schaden nicht verantwortlich gemacht werden, sucht man sich die Schuldigen in der zweiten Reihe.
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    Jörg Finsinger: Weil offenbar die Verursacher, also die Banken und die eng verwandten Produktgeber z.B. der Immobilienaktien, die meist mit Banken eng verbandelt sind, - man denke an Immofinanz und Constantia und an Meinl-, für den Schaden nicht verantwortlich gemacht werden, sucht man sich die Schuldigen in der zweiten Reihe.

Finanzwissenschafter Jörg Finsinger bricht eine Lanze für AWD und Co und fürchtet, dass die Politik das Übel nicht an der Wurzel packt

derStandard.at: Im Gefolge der Finanzkrise rutschte der Ruf vieler "Finanzdienstleister" in den Keller. Zu Recht?

Jörg Finsinger: Der Ruf der Banken und damit der Produktgeber ist in der Krise in den „Keller gerutscht". Die Banken und banknahe Institutionen haben fragliche Werte gut verpackt und über nichtsahnende Vermittler an Investoren oder Anleger verkauft. Der Sonderfall der Immobilienaktien ist nicht grundverschieden: wurde da nicht durch Kurspflege und Kursmanipulation bei allen "Immos" der wahre Wertzuwachs verschleiert? Zum Teil konnten sie dabei sogar andere Banken und die Versicherer täuschen.

derStandard.at: Jetzt werden die Banken gestützt...

Finsinger: Banken sind auch Opfer anderer skrupelloser Banken geworden, nicht nur die Privatanleger. Die von den Politikern gefühlten Sachzwänge führten weltweit zu massiven Stützungen der Banken auf Kosten der Steuerzahler. Dabei belohnt man die Banken oder Produktgeber statt sie zu bestrafen! Nur der Privatanleger wird nicht gestützt, er muss mittelfristig über höhere Steuern oder über Geldentwertung die Zeche bezahlen.

derStandard.at: Für Sie sind also die Vermittler bzw. Verkäufer der Papiere unschuldig an der ganzen Misere?

Finsinger: Weil offenbar die Verursacher, also die Banken und die eng verwandten Produktgeber z.B. der Immobilienaktien, die meist mit Banken eng verbandelt sind, - man denke an Immofinanz und Constantia und an Meinl-, für den Schaden nicht verantwortlich gemacht werden, sucht man sich die Schuldigen in der zweiten Reihe, eben unter den unabhängigen Vermittlern, die den Verkauf betrieben haben. Ist es nicht so, dass ein großer Teil von ihnen durch die Produktgeber ebenfalls getäuscht worden sind und ihre Verkaufssprüche wirklich glaubten? Die Bankenverkäufer etwa - haben die nichts falsch gemacht? Die haben die Immos doch auch verkauft.

derStandard.at: Es gibt nun jede Menge Reformideen...

Finsinger: Es ist nicht leicht zu beweisen, aber es ist fast sicher so, dass die unabhängigen Vermittler, also Vermögensberater und Makler, unter Berücksichtigung aller Umstände die bessere Beratung bieten. Die Reforminitiativen des Gesetzgebers von der extrem teuren Mifid-Umsetzung bis hin zu den in Reaktion auf die Immos geplanten Maßnahmen werden die Vermittlung allenfalls geringfügig verbessern. Die Vermittler werden dann aber so stark reglementiert und mit so hohem Aufwand konfrontiert sein, dass viele aufgeben werden. Die Reformen werden die Unabhängigen in die Abhängigkeit treiben und somit dezimieren: die bessere weil unabhängige Beratung wird dann immer rarer werden. Was will ich damit sagen: Wenn die Politik im Reformeifer das Übel nicht an der Wurzel packt, also beim Produktgeber ansetzt, wird er halt das Übel nicht loswerden und zugleich im Reformeifer das prinzipiell Gute behindern.

derStandard.at: Stichwort Übel und Strukturvertrieb - Gibt es in der Branche strukturelle Probleme?

Finsinger: Unabhängige Finanzdienstleister haben bei Mystery-Shopping stets eher gut abgeschnitten: selbst der KONSUMENT stellte bei einem Test zur Vorsorgeberatung fest, dass sie mehrheitlich besser und umfassender beraten als Banken und Versicherungen. Auch beim "Beratertest Österreich", der vom unabhängigen Marktforschungsinstitut "M&Oh" durchgeführt wurde, schnitten sie am besten ab. Das stimmt nachdenklich...

derStandard.at: Daneben gibt es zum Beispiel aber auch noch AWD. Das System wurde sehr stark kritisiert. Da hieß es etwa, die Kunden seien nicht ausreichend auf Risiken hingewiesen worden, bzw. ein Problem liege auch im AWD-internen Provisionssystem.

Finsinger: Der unabhängige Berater muss natürlich von der Provision leben und dies kann die Beratung durchaus beeinflussen. Soweit heute die Provisionen offengelegt werden, gibt es da aber auch kein Versteckspielen mehr. Der Kunde weiß dann, wie viel er implizit Provision bezahlt. Dem AWD wird zu Unrecht häufig vorgeworfen, seine Berater verkauften provisionsgeleitet. Die Provisionen beim AWD sind aber einheitlich, so dass der einzelne Berater dort nicht belohnt wird, wenn er teure Produkte verkauft. Unter den unabhängigen Finanzdienstleistern hat der AWD eine besonders gute Ausbildung. Ausbildung kann aber Beratungsfehler, insbesondere wenn diese von den Produktgebern her angeleitet sind, nicht völlig eliminieren.

derStandard.at: Haben schlicht die Konsumenten falsche Erwartungen in Sachen Finanz-Beratung?

Finsinger: Die Konsumenten haben Erwartungen, die nicht brutal enttäuscht werden dürfen. Leider sind weder sie noch manche Berater in der Lage, mit mehr oder weniger Raffinesse zum Schaden der Anleger und zur Selbstbedienung der Produktgeber gestrickte Produkte zu erkennen. Auch dem AWD sollte man zugute halten, dass er nicht hinter die Immofinanz hat schauen können. Ich will keine Namen nennen, aber ich kenne Vorstandsdirektoren, die für die Bank und die Versicherung sowie für sich privat Immos gekauft haben.

derStandard.at: Was würde helfen?

Finsinger: Wer nun etwa die Illusion der Politiker teilt, mit strengen Vorschriften für die Ausbildung und die Vorschaltung von Eingangsprüfungen würde man den Verkauf von schlechten Produkten verhindern können, der irrt sich. Mehr Transparenz in der Produktwelt und insbesondere Sanktionen für die eigentlichen Verursacher würden wohl mehr Wirkung haben.

derStandard.at: Was unterscheidet einen "guten" von einem "schlechten" Finanzdienstleister und was darf ein Konsument von ersterem erwarten?

Finsinger: Finanzdienstleister bieten ihren Rat in Konkurrenz an. Solange das der Fall ist, kann der Konsument sich mehrere Angebote einholen und vergleichen. Ein kluger und damit guter Konsument fragt bei mehreren Finanzdienstleistern und vielleicht zugleich beim Produktgeber an. Dann vergleicht er. Dabei wird er den guten vom schlechten Finanzdienstleistern unterscheiden lernen. Die guten Finanzdienstleister werden erfolgreich sein, die schlechten werden weniger Umsatz machen. Nur wird es auch schlechte Finanzdienstleister immer geben, man kann sie nicht verhindern, wenn man sie nicht ganz abschaffen kann. Der gute Finanzdienstleister analysiert die Vermögenssituation und insbesondere die Liquidität des Kunden und ermittelt den für Investments oder sonstigen Produkten wie Versicherungen zur Verfügung stehenden Betrag. Dann werden sie über Ertrag und Risiko von geeigneten Investments informieren. Dazu gehört insbesondere auch die Flexibilität: kann man jederzeit aussteigen, Ja oder Nein?

derStandard.at: Gibt es überhaupt "schlechte" Anlagetipps?

Finsinger: Natürlich gibt es schlechte Anlagetipps und schlechte d.h. riskante oder mit hohen Kosten belastete Produkte. Hohe im Produkt versteckte Kosten, Verwaltungskosten, insbesondere sind von außen schwer zu erkennen. Die Provisionsoffenlegung hilft da nur bedingt und ist verzerrend. Eine Bank wird geringe Provisionen an Mitarbeiter zahlen: die Bürokosten und die Gehälter der Angestellten können dem einzelnen Produkt nicht zugeordnet werden. Also scheint die Verkaufsprovision gering zu sein. Aber die Kosten sind dennoch da.

derStandad.at: Kann/muss es Qualitätskriterien geben und wie schlägt sich das in der Praxis nieder?

Finsinger: Risiken sind nicht immer leicht zu erkennen, dafür gibt es auch keine allgemeinen leicht formulierbaren Kriterien. Insbesondere die strukturierten Garantieprodukte sind oft schwer durchschaubar, wenn man die verbleibenden Risiken beurteilen möchte. Wenn es um die Altersvorsorge geht, muss man auf 20 oder 30 Jahre in die Zukunft sehen. Wer dann auf diese Sicht Kursrisiken einer Aktienveranlagung oder einer Immobilienveranlagung mit den Risiken einer festverzinslichen Geldanlage vergleicht, der wird keine einfachen Entscheidungskriterien finden: Auf diese Sicht frisst die Inflation die Erträge und teilweise die Substanz bei Festverzinslichen weg.

derStandard.at: So gesehen hätten die Vermittler nicht auf die "falschen Pferde" gesetzt...

Finsinger: Gerade heute setzt der Staat mit den Stützungen der Banken und dem Budgetdefizit letztlich Inflationsgefahren für die Zukunft. Vermittler die also glaubten, dass der Staat unverantwortlich handelt und sowohl die Pension nicht saniert und den Geldwert gefährdet, haben und hatten Recht. Sie haben daher gar nicht falsch geraten, wenn sie Substanzwerte wie Immobilien oder vielleicht auch Aktien für eine langfristige Anlage empfohlen haben. Dass auf so kurze Sicht diese Werte so stark wert verlieren würden, hat doch keiner der Vermittler vorhersehen können.

derStandard.at: Wo lag der Hund dann begraben?

Finsinger: Die Verpacker der Immobilien also die Meinls oder die anderen Immos hätten offen bekennen müssen, dass die stetigen Aufwärtsverläufe der Kurse nur durch künstliche Kurspflege verursacht waren. Nun: Täuschungsversuche gibt man nicht offen zu. (Regina Bruckner)

Zur Person

Univ.Prof. Dr. Jörg Finsinger (Jahrgang 1950) lehrt seit 1990 an der Universität Wien, Lehrstuhl Finanzdienstleistungen, ist wissenschaftlicher Beirat der Fachakademie für Finanzdienstleister (FAF), korrespondierendes Mitglied der österreichischen Akademie der Wissenschaften und selbst Vermögensberater.

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