Kleine Fische und große Zeitsprünge

12. Juni 2009, 22:20
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Be merciful unto me - sei barmherzig mit mir: Henry Purcell hat dieses Werk 1683 geschrieben und es gibt Anlass, sich neuerlich mit dem Barockkomponisten zu befassen.

Es war falsch zu schreiben, dass Purcell am Hof von George II. (1683-1760) gearbeitet habe. Wir haben dies getan und in der Vorwoche korrigiert - fehlerhaft. Denn folgte man dieser Richtigstellung, war der englische König George II. schon 199 Jahre tot, als Purcell 1959 zur Welt kam. Tatsächlich wurde er 1659 geboren und starb 1695. George wurde erst 32 Jahre danach zum König gekrönt, deshalb geht es sich nicht aus.

Im RONDO zur Umwelt-Schwerpunktausgabe haben wir vor einer Woche eine neue Strategie ausprobiert, solche Fehler zu vermeiden. Im Artikel "Kleiner fischen" schrieben wir, Wissenschafter hätten errechnet, dass "die kleinen Boote (...) fünfmal weniger Sprit verbrauchen". Ernsthaft nachrechnen lässt sich diese Angabe nicht, weil man nicht weiß, wie diese Kalkulation zu verstehen ist, es könnte ein Fünftel oder auch ein Sechstel gemeint gewesen sein. Die Idee, die Angaben so vage zu halten, dass es schon stimmen wird, erfüllte sich nicht. Dem Artikel war eine Grafik beigestellt, und dieser war zu entnehmen: Die großen Fangflotten verbrauchen 37 Millionen Tonnen Sprit, die kleinen Fischer 5 Millionen Tonnen - grob gesagt ist von einem guten Siebentel die Rede.

Anfang der Woche war die EU-Wahl das bestimmende Thema, und wir schrieben über die Wahlparty der Grünen: "Irgendwo im Nirgendwo der transdanubischen Peripherie Wiens", gemeint ist Floridsdorf, habe diese stattgefunden. Diese Lokalisierung wurde von manchen als abwertend empfunden. Tatsächlich leben östlich der Donau 290.000 Wiener, die Größe der Bezirke Floridsdorf und Donaustadt (146 Quadratkilometer) entspricht mehr als einem Drittel der Fläche Wiens - von Stadtrand kann man da nicht mehr sprechen. Und Wein aus Stammersdorf kennt man auch in den USA

Unsere Aufmerksamkeit galt noch einer weiteren schönen Stadt, Venedig - die Biennale beschäftigte uns. Auf der Titelseite wiesen wir auf unsere Berichte hin, und dieser Hinweis war mit "Biennale-Finale" überschrieben. Das kann irritieren, aber keine Angst, es ist noch nicht zu Ende, es hat vielmehr gerade eben erst angefangen, die Ausstellungen sind noch bis 22. November zu sehen.

Wenn Preise auch meist erst am Ende einer Veranstaltung vergeben werden, beim Filmfestival in Cannes und bei Dancing Stars beispielsweise, in Venedig ist das anders. Die Goldenen Löwen für die Besten gibt es zur Eröffnung, damit weiß das kunstinteressierte Publikum in den nächsten Monaten Bescheid, und somit handelt es sich bei der Preisverleihung eben nicht um das Finale, sondern um die Ouvertüre zu einem Kunstgenuss.

Um den vielleicht anstehenden Venedigbesuch rund werden zu lassen, noch ein abschließender Hinweis. Wenn man vom Ausstellungsgelände zurück zum Markusplatz geht, schlendert man die Riva degli Schiavoni entlang - entgegen unserer Darstellung hat diese Uferstraße nichts mit Sklaven zu tun, Schiavoni bezieht sich auf die Slawen, die der Serenissima als Seefahrer gute Dienste leisteten. (Otto Ranftl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.6.2009)

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