"Russlands Soft Power ist schwach"

12. Juni 2009, 20:49
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Experten: Moskau hat trotz aggressiver Großmachtpolitik keines seiner Ziele erreicht

Helsinki - "Ros-si-ja! Ros-si-ja!" , grölen die Fußballfans, die sich zu Hunderten gleich hinter dem Denkmal Zar Alexanders II. auf dem Senatsplatz eingefunden haben. Ein paar Wodkas später, vor dem Olympiastadion von Helsinki, prügeln sie sich dann mit finnischen Schlachtenbummlern, noch bevor das WM-Qualifikationsmatch zwischen Russland und Finnland überhaupt angepfiffen ist. Von üblen Ausschreitungen berichten die finnischen Blätter tags darauf, fast ein wenig verschämt, denn Konflikte mit Russen vermeiden die Finnen seit Jahrzehnten so geschickt wie kaum jemand sonst.

Einen besseren Einstieg ins Thema hätte das Seminar, das am Donnerstag nur einen Steinwurf vom Senatsplatz im Zentrum Helsinkis entfernt stattfand, nicht haben können. "Russia: Lost or Found?" Dazu kamen Professoren, Politiker und Journalisten unter der pragmatischen Anleitung des finnischen Instituts für Internationale Angelegenheiten zu sprechen.

Russland habe von jeher mit aller Gewalt versucht, seine Grenzen zu stabilisieren, sagte Robert Legvold von der Columbia University. Die autokratischen Tendenzen des Landes seien aus der permanenten Militarisierung und seiner ökonomischen Rückständigkeit zu erklären. Dazu sei Russland immer ein multinationales Imperium und nie eine Nation gewesen. Auf diesem Befund gedeiht für Legvold jene Unsicherheit, die Russland für seine Nachbarn gefährlich werden lässt: "Das russische Selbstbewusstsein gründet auf Unsicherheit, das macht es so schwierig, mit Moskau umzugehen."

Arkady Moshes, gebürtiger Russe und für das finnische Institut für Internationale Angelegenheiten tätig, hielt fest, dass Russland mit seinen Großmachtambitionen in den vergangenen fünf Jahren keines seiner Ziele in seinen Nachbarländern erreicht habe. Obwohl Moskau in dieser Zeit große ökonomische Ressourcen gehabt habe und auf einen "weichen Westen" getroffen sei, habe es in der Ukraine oder in Weißrussland (s. Seite 4) wenig zu sagen. In Kiew sei Russland kein Königsmacher mehr, und in Minsk habe Präsident Lukaschenko Moskau alles verweigert, was es haben wollte.

Trotz aller Machtdemonstrationen sei Russland heute in der Defensive, glaubt Moshes, "und zwar vor allem weil seine Soft Power schwach ist. Die Sowjetunion hatte eine Ideologie, Russland hat nichts Ähnliches. Dazu stellt sich Moskau außerhalb des Systems, statt es von innen zu beeinflussen."

Anders gesagt: Wer beim Fußball gewinnen will, muss mitspielen. Das Match gegen Finnland ging übrigens 0:3 aus - für Russland. (pra/DER STANDARD, Printausgabe, 13.6.2009)

 

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