Ausländische Namen müssen bewilligt werden
Wien -
„Ich heiße Bilge, genauso wie mein Großvater“, erzählt eine
16-Jährige Schülerin aus Wien. Erstaunte Blicke ist sie gewöhnt. Warum
man ihr einen Männernamen gegeben hätte. Armes Kind, geschädigt fürs
Leben. „Keine Sorge“, beruhigt Bilge: Im Türkischen seien manche
Vornamen eben für alle da.
Während es bei deutschsprachigen Namen oberstes Prinzip ist, erst
gar keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, legt sich das
Türkische nicht so fest: Wer E-Mails von Deniz oder Mutlu im Postfach
hat, kann sich nie ganz sicher sein, ob Mann oder Frau einem/r
schreiben.
Mehr Babys
2,6 Kinder bringt eine durchschnittliche Austrotürkin auf die Welt –
also deutlich mehr Nachwuchs als die Mehrheitsösterreicherin, die im
Schnitt 1,29 Kinder gebärt. Diese Zahlen stützen sich jedoch auf die
Staatsbürgerschaft – beschreiben also vor allem die erste Generation.
Und wie MigrationsforscherInnen wissen, passen sich Frauen der zweiten
und dritten Zuwanderergeneration zunehmend dem Gebärverhalten der
Österreicherinnen an.
Dennoch werden bei den Standesämtern jede Menge Kinder mit
türkischen Vornamen registriert. Und nicht jeder Name ist erlaubt. Wer
ausgefallene Wünsche hat, muss vorher um Genehmigung ansuchen - das
gilt nicht nur für TürkInnen, sondern für alle Herkunftsgruppen.
Das Amt entscheidet
Laut Gesetz dürfen nur Vornamen vergeben werden, die im jeweiligen
Sprachraum „gängig“ sind. Jahrzehntelang war die Wiener Turkologin
Gisela Procházka-Eisl erste Adresse für alle untypischen türkischen,
kurdischen oder persischen Vornamen. Sie schlug in Namens-Wörterbüchern
oder im Internet nach. Je nachdem, wie sie entschied, segneten die
Standesämter den Namen ab oder verweigerten ihn. Der
Ermessungsspielraum der BeamtInnen ist ziemlich groß. Procházka-Eisl
wollte es den Eltern aber nicht unnötig schwer machen: „Ich gehe davon
aus, dass man dem eigenen Kind einen schönen Namen geben will.“Nicht
alle sehen es so locker wie die Turkologin - immer wieder hört
man, dass Namen abgelehnt werden, die im Herkunftsland durchaus
verbreitet sind. Das Argument "Oma hieß doch auch so" gilt da nicht
immer.
Koran befragen
Doch auch Procházka-Eisl musste schon ablehnend einschreiten.
Einmal kam sie in Verlegenheit, „ein Kind davor zu bewahren, dass es
Kurdistan heißt.“ Der Vater schwenkte schließlich um – auf einen auch
schönen, aber unpolitischen Namen.
Vor einigen Jahren sei es in konservativ-muslimischen Kreisen Mode
gewesen, bei der Namenssuche den Koran zu befragen, erzählt
Prochazka-Eisl. So kam es vor, dass der blinde Finger auf eine
Koran-Stelle tippte, „wo eine arabische Präposition steht“. Da war die
Turkologin-Eisl dann doch skeptisch. Ein Bub namens „Jenseits“? Wohl
eher nicht.
Zeki wurde umbenannt
Männer namens Mert hätten es wohl in Frankreich nicht ganz leicht.
Aber nicht immer ist es so eindeutig. Etwa dann, wenn den Eltern nicht
bewusst ist, dass ein Bub namens Zeki im Deutschen nicht wie im
Türkischen „Seki“, sondern „Zecki“ gerufen wird. Da kann er noch so
heftig darauf bestehen, dass das doch „der Scharfsinnige“ bedeute –
spätestens bei der ersten FSME-Schutzimpfung würde es trotzdem übel
aufstoßen.
"Neutrale" Namen
Selina, Melisa bei Mädchen, Deniz bei Buben – sie merke „schon, dass
gewisse Namen jetzt häufiger vorkommen“, sagt Prochazka-Eisl – und zwar
jene Namen, welchen man die türkische Herkunft nicht auf den ersten
Blick ansehe. „Ob das ein Trend ist, weiß ich aber nicht.“ In einem
Internetforum für werdende Eltern stößt die Frage einer Userin, die
wegen der Herkunft des Kindsvaters für ihren Sohn einen „türkischen,
aber nicht so eindeutig türkischen Namen“ sucht, jedenfalls auf reges
Interesse: Mehrere UserInnen geben an, bereits in derselben Lage
gewesen zu sein. Was so schlecht an „eindeutig“ türkischen Namen sei,
fragt im Forum zwar niemand. Dass es kein deutscher Name wie David oder
Kevin sei, scheint dagegen mehrere zu stören.
Erster Buchstabe, letzte Rose
Dabei finden sich in den türkischen Vornamensregistern jede Menge
bezaubernde Vornamen: Songül – „letzte Rose“ – nennen Eltern etwa ihre
jüngste Tochter, wenn sie sicher sind, dass keine jüngere mehr
nachkommt. Wer will, dass die Tochter in der Schule das Alphatierchen
sein wird, nennt sie „Elif“ – der erste Buchstabe im Alfabet.
Verzweiflung
Dass manche Namen in einem Land bezaubernd, aber im nächsten doof
wirken können, zeigte der Fall einer 20-jährigen Angestellten, die sich
verzweifelt an Prochazka-Eisl wandte: Ob man nicht bitte einer
Namensänderung zustimmen könnte, es sei schön langsam nicht mehr
erträglich. Geboren war sie zu einer Zeit, da ihre Eltern genauso wenig
wie die WienerInnen ahnten, welche Bedeutung das Wort im Wiener
Stadtbild einmal erlangen würde. Die junge Frau hieß Döner. (Maria
Sterkl, derStandard.at, 12.6.2009)