Wenn der Magistrat bei den Vornamen der Kinder mitredet

13. Juni 2009, 12:43
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Ausländische Namen müssen bewilligt werden

Wien -

„Ich heiße Bilge, genauso wie mein Großvater“, erzählt eine 16-Jährige Schülerin aus Wien. Erstaunte Blicke ist sie gewöhnt. Warum man ihr einen Männernamen gegeben hätte. Armes Kind, geschädigt fürs Leben. „Keine Sorge“, beruhigt Bilge: Im Türkischen seien manche Vornamen eben für alle da.

Während es bei deutschsprachigen Namen oberstes Prinzip ist, erst gar keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, legt sich das Türkische nicht so fest: Wer E-Mails von Deniz oder Mutlu im Postfach hat, kann sich nie ganz sicher sein, ob Mann oder Frau einem/r schreiben.

Mehr Babys

2,6 Kinder bringt eine durchschnittliche Austrotürkin auf die Welt – also deutlich mehr Nachwuchs als die Mehrheitsösterreicherin, die im Schnitt 1,29 Kinder gebärt. Diese Zahlen stützen sich jedoch auf die Staatsbürgerschaft – beschreiben also vor allem die erste Generation. Und wie MigrationsforscherInnen wissen, passen sich Frauen der zweiten und dritten Zuwanderergeneration zunehmend dem Gebärverhalten der Österreicherinnen an.

Dennoch werden bei den Standesämtern jede Menge Kinder mit türkischen Vornamen registriert. Und nicht jeder Name ist erlaubt. Wer ausgefallene Wünsche hat, muss vorher um Genehmigung ansuchen - das gilt nicht nur für TürkInnen, sondern für alle Herkunftsgruppen.

Das Amt entscheidet

Laut Gesetz dürfen nur Vornamen vergeben werden, die im jeweiligen Sprachraum „gängig“ sind. Jahrzehntelang war die Wiener Turkologin Gisela Procházka-Eisl erste Adresse für alle untypischen türkischen, kurdischen oder persischen Vornamen. Sie schlug in Namens-Wörterbüchern oder im Internet nach. Je nachdem, wie sie entschied, segneten die Standesämter den Namen ab oder verweigerten ihn. Der Ermessungsspielraum der BeamtInnen ist ziemlich groß. Procházka-Eisl wollte es den Eltern aber nicht unnötig schwer machen: „Ich gehe davon aus, dass man dem eigenen Kind einen schönen Namen geben will.“Nicht alle sehen es so locker wie die Turkologin - immer wieder hört man, dass Namen abgelehnt werden, die im Herkunftsland durchaus verbreitet sind. Das Argument "Oma hieß doch auch so" gilt da nicht immer.

Koran befragen

Doch auch Procházka-Eisl musste schon ablehnend einschreiten. Einmal kam sie in Verlegenheit, „ein Kind davor zu bewahren, dass es Kurdistan heißt.“ Der Vater schwenkte schließlich um – auf einen auch schönen, aber unpolitischen Namen. Vor einigen Jahren sei es in konservativ-muslimischen Kreisen Mode gewesen, bei der Namenssuche den Koran zu befragen, erzählt Prochazka-Eisl. So kam es vor, dass der blinde Finger auf eine Koran-Stelle tippte, „wo eine arabische Präposition steht“. Da war die Turkologin-Eisl dann doch skeptisch. Ein Bub namens „Jenseits“? Wohl eher nicht. 

Zeki wurde umbenannt

Männer namens Mert hätten es wohl in Frankreich nicht ganz leicht. Aber nicht immer ist es so eindeutig. Etwa dann, wenn den Eltern nicht bewusst ist, dass ein Bub namens Zeki im Deutschen nicht wie im Türkischen „Seki“, sondern „Zecki“ gerufen wird. Da kann er noch so heftig darauf bestehen, dass das doch „der Scharfsinnige“ bedeute – spätestens bei der ersten FSME-Schutzimpfung würde es trotzdem übel aufstoßen. 

"Neutrale" Namen

Selina, Melisa bei Mädchen, Deniz bei Buben – sie merke „schon, dass gewisse Namen jetzt häufiger vorkommen“, sagt Prochazka-Eisl – und zwar jene Namen, welchen man die türkische Herkunft nicht auf den ersten Blick ansehe. „Ob das ein Trend ist, weiß ich aber nicht.“ In einem Internetforum für werdende Eltern stößt die Frage einer Userin, die wegen der Herkunft des Kindsvaters für ihren Sohn einen „türkischen, aber nicht so eindeutig türkischen Namen“ sucht, jedenfalls auf reges Interesse: Mehrere UserInnen geben an, bereits in derselben Lage gewesen zu sein. Was so schlecht an „eindeutig“ türkischen Namen sei, fragt im Forum zwar niemand. Dass es kein deutscher Name wie David oder Kevin sei, scheint dagegen mehrere zu stören. 

Erster Buchstabe, letzte Rose

Dabei finden sich in den türkischen Vornamensregistern jede Menge bezaubernde Vornamen: Songül – „letzte Rose“ – nennen Eltern etwa ihre jüngste Tochter, wenn sie sicher sind, dass keine jüngere mehr nachkommt. Wer will, dass die Tochter in der Schule das Alphatierchen sein wird, nennt sie „Elif“ – der erste Buchstabe im Alfabet. 

Verzweiflung

Dass manche Namen in einem Land bezaubernd, aber im nächsten doof wirken können, zeigte der Fall einer 20-jährigen Angestellten, die sich verzweifelt an Prochazka-Eisl wandte: Ob man nicht bitte einer Namensänderung zustimmen könnte, es sei schön langsam nicht mehr erträglich. Geboren war sie zu einer Zeit, da ihre Eltern genauso wenig wie die WienerInnen ahnten, welche Bedeutung das Wort im Wiener Stadtbild einmal erlangen würde. Die junge Frau hieß Döner. (Maria Sterkl, derStandard.at, 12.6.2009)

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    "Ich gehe davon aus, dass man dem eigenen Kind einen schönen Namen geben will."

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