"Kulturpessimismus ist nicht angesagt"

13. Juni 2009, 12:01
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Der Soziologe Dirk Baecker über die Finanzkrise, zerplatzte Illusionen und die neue Rolle der Massenmedien in der Internet-Ära

der Standard: Herr Baecker, Sie gelten als der David Beckham unter Deutschlands Soziologen. Wieso?

Baecker: Keine Ahnung. Ich müsste spekulieren. Als Popstar sehe ich mich jedenfalls nicht.

der Standard: Sie haben in Anlehnung an Walter Benjamin den Sammelband "Kapitalismus als Religion" herausgegeben. Erleben wir angesichts der Krise eine zweite Aufklärung?

Baecker: Nein. Wir stecken nach wie vor in der ersten. Die Finanzkrise ist ein gutes Beispiel für die Schnelligkeit, mit der Medien in der Lage sind, ein erstaunlich differenziertes Bild der Krise zu zeichnen. Es ist keine zweite Aufklärung, sondern das Funktionieren des öffentlichen Diskurses.

der Standard: Man könnte auch sagen, Journalisten haben versäumt, vor Gefahren zu warnen.

Baecker: Das ist richtig. Die Massenmedien sind schnell in der Analyse, um den Preis des schlechten Gedächtnisses für Probleme, die über einen konkreten Moment hinausgehen. Ich bin mir sicher, dass sich in Archiven Artikel finden, in denen auf Risiken hingewiesen wurden. Der Begriff des systemischen Risikos ist ja nicht neu.

der Standard: Kann nicht insofern von einer Aufklärung gesprochen werden, als dass der Kapitalismus nicht mehr als alternativlos und schicksalhaft gilt?

Baecker: Wir sehen doch gerade, dass es keine Alternative zum Kapitalismus gibt. Wir korrigieren einzig unsere Kenntnis des Zusammenspiels von Markt und Staat. Wir sehen, dass der Staat nicht nur Rahmengeber für die Wirtschaft, sondern auch Konsument, Arbeitgeber, Kreditnehmer und Kreditgeber ist, der sowohl für Störungen als auch für Korrekturen mitverantwortlich gemacht werden kann.

der Standard: Peter Sloterdijk hat gerade ein Buch mit dem programmatischen Titel "Du musst dein Leben ändern" geschrieben. Werden wir angesichts der Krise gewissenhafter Müll trennen und nur noch ethische Anlageformen wählen?

Baecker: Ich sehe eher das Zerplatzen gewisser Wachstums-, Fortschritts- und Sicherheitsillusionen. Das wird Auswirkungen auf den Einzelnen haben. Mag sein, dass dies zu einem steigenden Interesse an Alternativen führen wird: Geldanlagen, Berufsausbildungen, Familienplanung. Man wird etwas beunruhigter in die Welt hinausschauen, wird aber feststellen, dass mit Alternativen auch die Entscheidungsfindung komplexer wird. Daher werden sich wieder Selbstverständlichkeitserwartungen herausbilden. Die können anders aussehen als die jetzigen, aber es wird wieder welche geben. Andernfalls lässt sich das Leben nicht aushalten.

der Standard: Sie schreiben in Ihrem Buch, der Kapitalismus habe die Religion ersetzt, obwohl er selbst keine Religion ist. Was heißt das?

Baecker: Benjamin lieferte den vermeintlichen Nachweis, dass der Kapitalismus der Befriedigung derselben Bedürfnisse dient, für welche einst die Religion zuständig war. Der Nachweis, dass der Kapitalismus der Nachfolger des Christentums im Umgang mit dem Schuldbewusstsein des Menschen ist, scheint getan. Doch so einfach ist es nicht. Das wusste auch Benjamin. Natürlich hat der Kapitalismus versucht, durch die Religion eingeübte Verhaltensmuster zu beerben - wie Schuld und Tilgung dieser Schuld -, doch es macht noch immer einen Unterschied, ob man in die Kirche oder in ein Kaufhaus geht. In der Kirche hat man es mit einem Gott zu tun, der letztlich das Unbestimmbare ist, im Kapitalismus mit der Möglichkeit, etwas Bestimmtes auszurechnen, und sei es, dass man ein Risiko kalkuliert.

der Standard: Wirtschaft bedeutet, Wetten auf die Zukunft abzuschließen. Ist ein gezähmter Kapitalismus nicht illusionär?

Baecker: Er ist gezähmt. Die Politik greift in den Kapitalismus ein. Wir sind andauernd dabei, den Kapitalismus für nichtkapitalistische Lebensbereiche zu nutzen und ihm ethisch-moralische Grenzen aufzulegen. Ganz zu schweigen davon, dass der Kapitalismus selbst sozial ist. Human ist der Mechanismus des Kapitals selber, wenn man ihn nicht nur unter dem Gesichtspunkt der Ausbeutung, sondern unter dem Gesichtspunkt des Offenhaltens einer unbestimmten Zukunft betrachtet.

der Standard: Es sind also keine neuen Reglementierungen nötig?

Baecker: Diese Diskussion macht ja nur Sinn, wenn man sicher ist, dass man es mit einer Finanzkrise als Ergebnis eines Marktversagens zu tun hat. Es gibt auch die Gegenthese des Staatsversagens und des geldpolitischen Scheiterns der USA in den letzten Jahren.

der Standard: Sie meinen die Politik Clintons und Bushs, welche die lockere Vergabe von Hypothekenkrediten erst ermöglicht hat?

Baecker: Genau, gepaart mit der Zinspolitik von Alan Greenspan. Man könnte sagen: Wallstreet-Banken haben nur eine Gelegenheit in unverantwortlichem Ausmaß ausgenützt, die ihnen von der Politik eingeräumt wurde.

der Standard: Kommen wir zu einem anderen Themenbereich: Sie sagen, dass der Computer eine ähnliche Bedeutung für die Gesellschaft haben wird wie die Einführung des Buchdrucks. Inwiefern?

Baecker: Noch wissen wir nicht, wie der Computer die Gesellschaft verändert. Die Frage ist, ob wir einen kulturellen Modus finden, der uns erlaubt, mit dieser enormen Verfügbarkeit von Daten und der für Menschen nicht mehr nachvollziehbaren Verknüpfung umzugehen.

der Standard: Es kommt also darauf an, noch entscheiden zu können, was wichtig ist und was nicht?

Baecker: Ja. Mit dem Computer nehmen Komplexität und Unsicherheit zu. Man ist permanent mit sich widersprechenden Aussagen konfrontiert. Die Herausforderung ist, sich in einem beschleunigten Fluss des Geschehens so zu bewegen, dass man mitspielen kann und gleichzeitig in der Lage ist, die Effekte, die man auslöst, zu beobachten und zu korrigieren.

der Standard: Ein wertkonservativer Mensch könnte sagen, dem Relativismus sei so Tür und Tor geöffnet. Langfristige Erklärungsmodelle sind so nicht mehr möglich.

Baecker: Langfristige Erklärungsmodelle werden tatsächlich uninteressant. Aber es wird nicht Langfristigkeit durch Kurzfristigkeit ersetzt, sondern Langfristigkeit durch Geschicklichkeit.

der Standard: Wenn Massenmedien nichts mehr erklären können, worin besteht dann ihre Aufgabe?

Baecker: Die Massenmedien haben ja schon in der Moderne einen Weg gefunden, mit der Dynamisierung der Verhältnisse fertig zu werden, indem sie sich nur mehr auf das Berichten einzelner Ereignisse konzentrierten - immer in Hinblick darauf, an welches Ereignis das aktuelle Ereignis anknüpft und welches Ereignis als Reaktion zu erwarten ist. Dieses Modell muss nur noch variiert werden. Es wird neue Formen der Berichterstattung geben. Das wird auch Veränderungen für alte Medien wie das Buch bedeuten, weil sie sich immer im Kontext anderer Medien neu bestimmen. Vielleicht lesen wir also irgendwann wieder Gedichte auf den Aufmacherseiten der Tageszeitungen. Kulturpessimismus ist jedenfalls nicht angesagt.

der Standard: Aber in der Moderne haben Medien den Menschen die Arbeit der Selektion abgenommen. Mit dem Computer wird der Einzelne selbst zur Presseagentur.

Baecker: Ja, aber diese Individuen werden sich wieder Redaktionen suchen, die eine Vorauswahl treffen. Mich verblüfft, dass Künstler ihre Inhalte seltener auf eigene Webseiten stellen, sondern auf Facebook. Facebook bietet einen Rahmen der Selbstdarstellung, der nicht nur Vernetzung, sondern auch eine Idee davon liefert, wie Selbstdarstellung auszusehen hat.

der Standard: Der Begriff der Öffentlichkeit wird durch den Computer nicht infrage gestellt?

Baecker: Die Idee von Öffentlichkeit war immer schon eine Selbstüberschätzung der Massenmedien im Hinblick auf die Effekte, die sie für eine Gesellschaft haben. Diese Überschätzung gibt es seit dem Ende des 18. Jahrhunderts und wurde durch die Philosophie von Jürgen Habermas noch verstärkt. Der Grad der Medialisierung und Fragmentarisierung der Öffentlichkeit wird zunehmen. Das ändert nichts daran, dass die Funktion dessen, was wir Öffentlichkeit nennen, nämlich die Selbstversorgung des Individuums mit Nachrichten darüber, was los ist in der Welt, weiterhin erforderlich bleibt. (Martin Gantner/DER STANDARD, Printausgabe, 13./14 6. 2009)

Dirk Baecker, Jg. 1955, lehrte in Stanford, Bielefeld und der London School of Economics. Seit 2006 ist er Professor für Kulturtheorie und Kulturanalyse an der Zeppelin University in Friedrichshafen.

Martin Gantner, Jg. 1981, hat Publizistik und Politikwissenschaften studiert. Er lebt als freier Journalist in Wien und schreibt u. a. für den "Falter" und die Online-Seiten der "Zeit".

  • "Es wird neue Formen der Berichterstattung geben. Und vielleicht lesen
wir irgendwann wieder Gedichte auf den Aufmacherseiten der
Tageszeitungen": Soziologe Dirk Baecker
    foto: zeppelin university

    "Es wird neue Formen der Berichterstattung geben. Und vielleicht lesen wir irgendwann wieder Gedichte auf den Aufmacherseiten der Tageszeitungen": Soziologe Dirk Baecker

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