Ein emotional besetzter Freiraum

12. Juni 2009, 19:21
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Der Protest gegen die neue Hausordnung des Museumsquartiers zeigt Wirkung: Die restriktiven Regeln sollen aufgeweicht werden

Parallel dazu entspinnt sich eine Debatte über die Nutzung öffentlicher Räume.

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Ich sehe das positiv." Jens Dangschat freut sich: Auch wenn das Wiener Museumsquartier mittlerweile mit aller Kraft versucht, seine vergangene Woche proklamierte neue Hausordnung weniger restriktiv klingen zu lassen, findet der Stadtsoziologe der TU-Wien die Diskussion darüber und die angekündigten Protestmaßnahmen dagegen spannend: "Wenn tausende Menschen für das Recht, den öffentlichen Raum frei nutzen zu dürfen, auf die Straße gehen wollen, beweist das, wie wichtig solche Bereiche sind. Und wie gut sie funktionieren."

Denn dass das Recht auf "Abhängen" im Museumsquartier ohne Konsumzwang den Wienern ein Anliegen ist, steht außer Frage: Als bekannt wurde, dass in den Höfen des Areals in Hinkunft keine mitgebrachten Getränke mehr konsumiert werden dürften, erhob sich ein Sturm der Entrüstung: Allein auf derStandard.at posteten weit über 900 User binnen Stunden ihren Protest. Eine rasch gegründete Facebook-Gruppe hatte quasi sofort über 15.000 Mitglieder - und über 1500 Personen sagten umgehend zu, an einer für heute, Samstag, geplanten Demonstration gegen die, wie es heißt, "Privatisierung und Kommerzialisierung des öffentlichen Raumes" teilzunehmen.

Und das, obwohl die MQ-Verwaltung ohnehin umgehend zurückruderte: Man habe lediglich fliegenden Getränkehändlern Einhalt gebieten wollen, hieß es. Keineswegs sollte den (meist) jungen Nutzern der Höfe der Konsum von Mitgebrachtem verboten werden. Obwohl: In der Hausordnung steht das exakt so drin.

Die Eskalation schob die MQ-Verwaltung auf eine "Überreaktion des Personals": Vergangenes Wochenende hatten Securities erstmals versucht, die neuen Regeln im Wortsinn umzusetzen. Mehr noch: Für Besucher wie für MQ-Wirte wirkten sie "bewaffnet": Halle-Wirt Bernd Schlacher etwa glaubte, vergangenen Samstag Schlagstöcke gesehen zu haben.

Dass die Sicherheitsleute lediglich Taschenlampen trugen, erklärte dann erst eine neuerliche Aussendung des MQ. Doch Schlachers Eindruck kam nicht von ungefähr: Die 40-Zentimeter-Lampen werden wie Schlagstöcke am Gürtel getragen. Sie sind hart genug, Autoscheiben einzuschlagen - und auch bei Tag bei Sicherheitsdiensten beliebt.

Doch dem Wirt geht es ums Prinzipielle: "Das MQ ist weltweit einzigartig, weil es für alle offen ist. Auch für Menschen, die nicht in die Museen oder in die Lokale gehen. Das muss so bleiben."

Probleme, die fliegende Händler, eine Minderheit von Betrunkenen und einige Müll hinterlassende Besucher verursachten, dürften nicht dazu führen, "dieses Naherholungsgebiet" (Schlacher) zu gefährden: "Diese Offenheit ist eine urbane Qualität Wiens."

Dem pflichtet auch Stadtsoziologe Dangschat bei: Als öffentlich erlebte Räume würden immer intensiver als Lebens- und Selbstdarstellungsraum genutzt. Versuche, hier reglementierend einzugreifen, wären "mitunter notwendig, aber sehr sensible Angelegenheiten": Unangenehme Auswüchse gelte es hintanzuhalten, ohne ein Übermaß an Kontrolle zu etablieren.

Kommerzialisierungsgefahr

Und die Attraktivität solcher Zonen berge immer die Gefahr, dass ihre Verwalter dem Druck, "sie zu kommerzialisieren, nachgeben - schließlich sind auch öffentliche Institutionen angehalten, sorgsam zu wirtschaften". Die Heftigkeit der Reaktionen, meint der Soziologe, sei aber genau deshalb positiv zu werten: "Diese Emotionalität zeigt, wie wichtig solche Räume sind - das hilft, die Balance zu halten." Für Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier ist das partielle Alkoholverbot im MQ ein Beweis dafür, "dass in Wien Kunst tot sein muss". Kultur werde als Höhepunkt des menschlichen Daseins gesehen. "Aus selbst mitgebrachten Flaschen trinkende Jugendliche können diesem ästhetischen Blick nicht genügen."

Gesellschaftliche Gruppen außerhalb des Mainstreams würden zunehmend aus dem öffentlichen Raum verdrängt, sagt Heinzlmaier: "Wenn ein älterer Mensch mit seinem Rollator das Seniorenheim verlässt, ist das ja auch schon ein Ärgernis."

Den Widerstand gegen die neue Hausordnung im MQ begrüßt der Jugendforscher: "Junge Menschen lassen sich heute ohnehin viel zu viel gefallen. Und warum sollen nur Bildungsbürger und Touristen das Areal nutzen?" Statt sie in Jugendzentren zu "pädagogisieren", müsse man Teenagern die autonome Aneignung von öffentlichem Raum ermöglichen. "Sie wollen dabei sein und nicht in irgendeinem Keller besachwaltet werden." (Thomas Rottenberg, Martina Stemmer, DER STANDARD Print-Ausgabe, 13./14.06.2009)

  • Radfahren kann im Museumsquartier nun ebenso geahndet werden wie das Mitbringen von alkoholischen Getränken.
    foto: der standard/christian fischer

    Radfahren kann im Museumsquartier nun ebenso geahndet werden wie das Mitbringen von alkoholischen Getränken.

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