Schulkinder, die nicht Deutsch können

12. Juni 2009, 20:30
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Migranten müssen ihre Kultur nicht aufgeben, aber ihre archaischen Sitten - Und das beginnt mit Deutschlernen - Sonst können wir euch (und uns) nicht vor den Rechtsextremen schützen

Die wichtigste Meldung der letzten Zeit war ein story im Kurier, wonach in einer niederösterreichischen Gemeinde ein Dutzend in Österreich geborener türkischer Kinder, die im Herbst in die erste Klasse kommen sollen, kaum ein Wort Deutsch können.

Hier erübrigt sich jegliche Diskussion über die extreme Rechte, über Strache, über Fremdenfeindlichkeit, Islamophobie, über Hetze und all das. Strache ist hetzerisch und verwendet extrem rechte Versatzstücke.

Aber deswegen gibt es trotzdem ein massives Integrationsproblem. Viele Türkenkinder können nach aller Erfahrung nicht Deutsch, weil ihre Eltern mit ihnen nicht auf Deutsch reden und weil sie nicht in den Kindergarten geschickt wurden. Die Mama kann wahrscheinlich auch gar nicht Deutsch, weil sie zu Hause sitzt (sitzen muss) und/oder weil ihr der Mann das Deutschlernen oder jeden weiteren Kontakt außerhalb der engsten Parallelgesellschaft verboten hat.

Die Zukunft dieser kleinen Türken sieht äußerst düster aus. Sie werden zwar in eine Förderklasse gesteckt, aber sie haben bereits einen fast unaufholbaren Rückstand. Die Mädchen werden mit hoher Wahrscheinlichkeit jung aus der Schule genommen und verheiratet, z. B. an einen Cousin aus dem hintersten Anatolien. Die Burschen werden nicht in die Türkei "zurückgehen" , sondern hier bleiben, obwohl sie weder eine Ausbildung noch einen richtigen Job kriegen. Sie werden bis zum Rand mit Aggression und Testosteron gefüllt irgendwo herumlungern und kleinere, vielleicht auch größere Straftaten begehen. Sie werden so Strache zu vielen, vielen neuen Stimmen verhelfen. Sie werden selbst rechtsextrem oder zumindest sehr nationa-listisch werden, weil das Bewusstsein, "Türkisch-Mann" zu sein, ihr einzige Möglichkeit ist, ein Selbstwertgefühl zu entwickeln.

Die Verantwortung dafür trägt zunächst einmal die türkische Gesellschaft selbst. Nicht (nur) der Islam - sondern die traditionelle türkische Gesellschaft, die autoritär, patriarchalisch und nationalistisch ist - und versucht, diese Strukturen in Europa aufrechtzuerhalten. Die Imame, aber vielmehr noch die Vertreter der Regierung (die die Religion fest im Griff haben), haben aus Nationalismus zu wenig gegen diese Zustände getan, gerade auch im Ausland. "Assimilation ist ein Verbrechen" , sagte Premier Erdogan in Köln vor tausenden Türken. Eher ist eine solche Aussage ein Verbrechen.

Den zweiten, fast größeren Teil der Verantwortung trägt die österreichische Gesellschaft, die Politik, die bis jetzt weggesehen hat. Die SPÖ beginnt das Problem langsam zu begreifen, die ÖVP glaubt, es geht sie nichts an. Aber es ist höchste Eisenbahn. Der verpflichtende Kindergarten ist ein Anfang. Aber die Traditionalisten (nicht nur türkischer Herkunft) müssen mit fester Haltung (und mit entsprechend Geld) konfrontiert werden: Wir können euch nicht erlauben, ein Subproletariat zu werden. Ihr müsst nicht eure Kultur, aber eure archaischen Sitten aufgeben. Und das beginnt mit Deutschlernen. Sonst können wir euch (und uns) nicht vor den Rechtsextremen schützen. (Hans Rauscher, DER STANDARD, Printausgabe, 13./14.6.2009)

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