Gebt den Wählern den Vorzug!

12. Juni 2009, 18:59

Aus dem "Fall Karas" die Konsequenzen ziehen und die Kandidaten-Wahl demokratisieren: Plädoyer für eine bürgernahe Neuregelung des derzeit geltenden Vorzugsstimmensystems - Von Gerd Valchars

Das Wahlergebnis der ÖVP, soweit sind sich Meinungsforschung und die meisten politischen Beobachter einig, hat diese zu einem Gutteil der Auseinandersetzung zwischen ihren beiden Spitzenkandidaten Ernst Strasser und Othmar Karas und dessen Vorzugsstimmenwahlkampf zu verdanken. Was aus der Not eines geschmähten Karas geboren worden war, sollte uns im Nachhinein als wohlüberlegte Wahlkampftaktik verkauft werden. Sei's drum. Die Art und Weise, wie die Parteispitze mit Karas umgegangen war und ein gehöriges Maß an Antipathie nicht weniger potenzieller VP-Wähler gegenüber Strasser, vor allem aber die Möglichkeit, dem eignenen Unmut in der Wahlzelle Ausdruck zu verleihen und die vermeintliche Chance, die Entscheidung der Parteispitze durch Umreihung zu korrigieren, hat die Stimmbürger mobilisiert. - Mit dem Effekt, dass die ÖVP einen Großteil ihrer Wählerschaft aus 2004 halten und sogar ehemalige Nichtwähler/innen (wieder) für sich gewinnen konnte.

Eine solche Entwicklung hätte man vielleicht auch den Grünen gewünscht, doch die haben sich in der Auseinandersetzung um die EU-Kandidatur dagegen entschieden, ihre Wähler/innen bestimmen zu lassen und so einen ähnlichen Effekt möglicherweise verhindert.

Die Ausnahme ...

Die Causa Voggenhuber wird mittlerweile von Glawischnig undCo als "vergossene Milch" abgetan, um die zu jammern es sich nicht lohne. Worüber nachzudenken allerdings durchaus lohnen könnte, ist das österreichische Wahlsystem, und hier im Speziellen das als sehr schwach zu bezeichnende Persönlichkeitselement. 1992 wurde mit dem deklarierten Ziel der Verbesserung des Kontakts zwischen Wählern und Gewählten das heute bei Nationalratswahlen und im Prinzip auch bei Europawahlen gültige System der Vorzugsstimmen eingeführt. Seine Auswirkungen blieben allerdings bescheiden. Die Möglichkeit der Vorzugsstimme wird vergleichsweise selten genutzt, und die Zahl der tatsächlichen Umreihungen durch die Wähler/innen ist verschwindend gering.

Gerade deshalb ist auch die vergangene Europawahl aus 2004 noch so gut in Erinnerung, als der damalige Spitzenkandidat der FPÖ, Hans Kronberger, durch den Listendritten, Andreas Mölzer, vom einzigen von den Freiheitlichen gewonnenen Mandat verdrängt wurde. Von solchen Ausnahmen abgesehen, ist die Auseinandersetzung um Vorzugsstimmen allerdings zum parteiinternen Beauty-Contest verkommen, der wenige bis keine realen Auswirkungen auf das Wahlergebnis hat.

Aber warum eigentlich nicht die Ausnahme der erfolgreichen Beeinflussung der Kandidatenauswahl zur demokratischen Regel machen? Denn offensichtlich und verständlicherweise wollen die Wähler/innen nicht einfach nur eine Partei wählen, sondern auch über das politische Personal effektiv mit entscheiden. Das derzeitige System der lose gebundenen Listenwahl bietet dazu allerdings nur unzureichend Möglichkeit. Also weg mit der hierarchisierten Liste, die den Wähler/innen von der Partei vorgelegt wird, und nur mit größter Anstrengung abgeändert werden kann. Und hin zu einem Verfahren, bei dem die Wähler/innen selbst durch die Vergabe von persönlichen (Vorzugs-)Stimmen die Reihung festlegen und darüber entscheiden, wer konkret den Einzug ins Parlament schafft.

Fünf von einer Partei in einem Wahlkreis erworbene Mandate, ermittelt durch die Parteistimmen nach dem Proportionalitätsprinzip (wie bisher), beispielsweise bedeuten den Einzug der fünf stimmenstärksten Kandidaten dieser Partei, ermittelt durch die Vorzugsstimmen. Eine solche Änderung im Wahlsystem würde das Gewicht bei der Kandidatenauswahl deutlich in Richtung Wähler verschieben, ohne dass die Parteien plötzlich ihren Einfluss auf die Rekrutierung gänzlich verlieren würden.

Neben diesem Mehr an Demokratie schafft so ein System aber auch mehr Unabhängigkeit der einzelnen Abgeordneten gegenüber ihrer Partei, es entspricht zugleich der ständig erhobenen, aber ansonsten kaum realisierten Forderung nach mehr Bürgernähe. Und es würde mit Sicherheit den parteiinternen Wettbewerb verschärfen: Kein Kandidat und keine Kandidatin kann sich dann auf einem vorderen Listenplatz "ausruhen" , da schon eine einzige Stimme mehr für den Parteifreund den eigenen Einzug ins Parlament gefährden könnte.

... zur Regel machen

Das macht einen Wahlgang natürlich auch deutlich spannender, weil das Ergebnis weniger vorhersehbar ist als beim derzeitigen Verfahren, und es erhöht damit die Mobilisierungschancen bei der Wählerschaft. Nicht zu vergessen ist aber schlussendlich noch ein weiterer, ganz entscheidender Effekt einer solchen Neuregelung: Jede einzelne Vorzugsstimme zählt und wird auch wirksam. Während bei der derzeitigen Regelung Vorzugsstimmen unter einer zu erreichenden Schwelle ohne Auswirkung bleiben und gleichsam verfallen, trägt hier jede abgegebene Stimme für eine Person zur Reihung der zukünftigen Abgeordneten bei und entscheidet über Erfolg oder Misserfolg.

Dabei braucht weder von der Verhältniswahl noch (bei der Nationalratswahl) von der gestuften Mandatsvergabe auf drei Ebenen abgegangen werden. Und klarerweise ist es weiterhin die Partei, die eine Vorauswahl trifft und nach eigenem Ermessen und parteiinternen Regelungen (je nach Partei mehr oder weniger demokratisch durch die Parteiführung oder die Parteibasis) ihre Kandidaten nominiert. Die Möglichkeit der Reihung wird ihr allerdings genommen und damit die bisher nahezu absolute Sicherheit, darüber zu entscheiden, wer es tatsächlich ins Parlament schafft, und wer nicht. (Gerd Valchars, DER STANDARD-Printausgabe, 13./14.6.2009)

Zur Person

Gerd Valchars ist Politologe am Institut für Staatswissenschaft der Universität Wien.

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Posting 1 bis 25 von 33
1 2
a grünes stricherl
 
00
18.6.2009, 16:50
angenommen .. man gäbe voggenhuber die chance und könnt ihn auch dazu bewegen wieder ganz nach oben gewählt zu werden ...

.. man stelle sich vor wie das die grünen medial beflügeln könnte.

mattk
01
14.6.2009, 08:43
Dafür.

diskdusk
 
00
14.6.2009, 15:36

Auch.

Just N. Opinion
03
13.6.2009, 18:09
Denn offensichtlich und verständlicherweise wollen die Wähler/innen nicht einfach nur eine Partei wählen, sondern auch über das politische Personal effektiv mit entscheiden.

no na net. bei den hanseln die bei allen politischen parteien auf den fuehrungspositionen sitzen kein wunder.

und warum ist das so? weil parteien so aufgebaut sind dass nicht die besten (fachlich wie menschlich) an die spitze kommen sondern die schleimer und kriecher und die uebermaessig selbstbewussten ellbogentypen.

das waehlervotum wuerde die - in allen parteien - genau dorthin katapultieren wo sie hingehoeren, ins abseits. und deshalb wirds das niemals geben.

Queen of Sheba
 
00
13.6.2009, 13:34
Solche reihungen hätten in der ÖVP schon einmal Winzerköniginnen und Starärzte ins Parlament gebracht.

Peinlich dann die serienweisen Zurücklegungen.

Greiffenegg
05
13.6.2009, 13:50
Haben Sie etwa vor "dem Volk" als Souverän einer Demokratie Angst?

Was wäre an einer "ÖVP-Winzerkönigin" im Parlament schlechter als an einem Pharmaunternehmer am Ministersessel (Martin Bartenstein/ÖVP) - wie wir das ja vom bestehenden Wahlsystem her ja schon kennen?

Strom
00
14.6.2009, 13:54

Das bleibt für mich fraglich. Hitler wurde doch auch mehrheitlich gewählt, oder?

a grünes stricherl
 
00
18.6.2009, 16:49
eigentlich nicht

florus flagrantius
00
14.6.2009, 19:17
hitler wurde eben ersmalig

nicht von einer mehrheit gewählt. hitler hatte eine minderheiten partei, - und wurde erst durch das unvermögen der anderen, eine regierung zu bilden, durch den bundespräsidenten zum regierungschef einer koalition gemacht. und das war der anfang vom ende.

Queen of Sheba
 
01
13.6.2009, 13:57
Ein Parlament von Medienmarionetten ?

Übrigens fiel Ernst Strasser damals von der Liste.

il padrino
01
13.6.2009, 20:00

eine Korrektur der Irrtümer die von den Wählern begangen wurden ? ??? ? Wie im Iran

Greiffenegg
11
13.6.2009, 15:15
aha... und der Herr Faymann kennt den Herrn Dichand nicht, hat ihn noch nie gesehen, weiß nicht einmal, dass es ihn gibt...

il padrino
01
13.6.2009, 20:01

und alle haben sie geweint wie unfair das war mit dem Herrn Martin ... die Krone ist halt eine Schlampe, pech kein Mitleid. Hääten Sie sich die Hände nicht dreckig gemacht, jämmerlich

Greiffenegg
05
13.6.2009, 12:55
Komulieren und Panaschieren, eine weitere, sinnvolle Alternative

Ich lebe seit kurzem in Deutschland und durfte hier als EU-Bürger vergangenen Sonntag auch an den hiesigen (BW) Kommunalwahlen teilnehmen. In beinahe allen dt. Bundesländern kann man auf kommunaler Ebene bei Wahlen komulieren (mehrere Stimmen können für einen Kandidaten abgeben werden) und panaschieren (Stimmen können auf Kandidaten verschiedener Listen verteilt werden). D.h. wenn z.B. 16 Mandate zu vergeben sind, hat der Wähler auch 16 Stimmen. Er bekommt pro Partei einen Stimmzettel mit jeweils 16 Kandidaten und kann dann selbst entscheiden, ob er z.B. Kandidat 1 von Partei A alle 16 Stimmen gibt oder ob er z.B. seine 16 Stimmen auf 9 Kandiaten von 4 verschiedenen Pareien aufteilt. Mir persönlich hat diese Wahlerfahrung sehr gut gefallen.

Gianna Nannini
 
05
13.6.2009, 11:29
Guter Vorschlag !

Wenn man die Vorzugsstimmen mehr gewichtet und daher die Person des Gewählten mehr zählt, wird womöglich auch die politische Diskussionskultur in Öst. aufgewertet. Ich habe als Wähler dann mehr mit "meiner/m Abgeordneten" zu tun. Das Konzept des bürgerlichen Individuums und der immer wieder beschworenen persönlichen Verantwortung kommt mehr zum Tragen.

feuselino
03
13.6.2009, 11:19

Sehr guter Vorschlag als Zwischenschritt zu einem echten Persönlichkeitswahlrecht wie in den USA!

der postbote
00
17.6.2009, 14:30
also ein wahlrecht à la usa möchte ich auch nicht haben

PegasusNbW
26
13.6.2009, 11:14
guter vorschlag

aber mE könnte man gleich eine weitere verbesserung einführen: die nicht- und weißwähler sollten auch berücksichtigt werden: die nicht- und weißwähler werden bei der auszählung als eigene liste betrachtet. die mandate, die dieser liste zufallen würden, werden einfach nicht besetzt.

da dann teilweise weitaus weniger posten zu besetzen wären, gäbe es für die parteien einen tatsächlichen anreiz, etwas gegen die politikverdrossenheit zu unternehmen.

der postbote
00
17.6.2009, 14:33
damit messen sie den nicht- bzw. weißwählern eine bedeutung bei, die sie nicht haben

wer nicht mal den weg in die wahlzelle findet, klinkt sich selbst aus dem wahlprozess aus. ist traurig, aber nicht zu ändern.

die weiß- bzw. ungültigwähler sind aus einer vielzahl an zu vermutenden gründen zwar schon so weit, dass sie die wahlzelle finden, aber offenbar nicht in der lage ein simples kreuz zu machen. die schließen sich ebenfalls selbst aus.

phishhead
00
14.6.2009, 15:57

tolle "idee"...

man verteilt die macht auf weniger schultern
man kastriert den parlamentarismus
man motiviert die idioten, die glauben, demokratie dürfe kein geld kosten, dazu, nicht zu wählen
man macht es damit NICHT atraktiver, sich abseits der eigenen wähler um wahlbeteiligung und politikerimage zu bemühen
man macht stattdessen die verbreitete strategie, wählern, die man sicher nciht bekommt, auch die anderen parteien madig zu machen, in der hoffnung, dass sie dann gar nciht wählen, noch viel attraktiver

diese "idee" ist ein reiner populistenvorschlag, den in wahrheit kein politiker gut findet.

bratak
03
13.6.2009, 10:55
usa

find das lustig, alle schimpfen über das amerikanische system, aber deren ermittlung der kandidaten ist dafür eine der urdemokratischsten entscheidungen die es gibt. ich wage es stark zu bezweifeln, dass gusenbauer und auch feymann eine riesige zustimmung hätten und auch die grüne eva hätte es wohl absolut nicht leicht

1010001010001010010
00
13.6.2009, 10:40

das persönlichkeitswahlrecht ist doch teil des problems. lieber wäre mir ein themenwahlrecht. statt aus 20 kandidaten auszuwählen, wäre mir eine reihung von themen viel lieber. jede partei stellt 20 themen zur wahl und daraus reihe ich die 5 besten.
ist mir dann doch egal, wer sie umsetzt. vielleicht sind dann wieder einmal sachthemen gegenstand der wahlkämpfe.

Reaction Path
01
13.6.2009, 12:51

die Idee klingt ja schön, aber was machen die dann mit ihren Themen? Denken Sie, dass dann weniger Wahlversprechen gebrochen würden? Bei einer Person hätte man zumindest die Möglichkeit diese zur Verantwortung zuziehen, nämlich sie nicht wieder zu wählen.

1010001010001010010
00
14.6.2009, 13:29

ich weiss schon, dass diese idee nicht unmittelbar etwas bringen würde, aber zumindest könnte man den parteien sagen, was die leute interessiert. mir ists vollkommen egal, welche gesichter die leute haben, ich will politik und keine berlusconi-show.

her wig
01
13.6.2009, 08:02

Ah geh na! Wie soll man denn dann Posten an die Besten vergeben können? ;-)

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