"Das Leben kann hart sein"

12. Juni 2009, 18:21
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Friedensnobelpreisträger Tutu in Wien geehrt

Wien - "Ich bin im Ruhestand - ich kann sagen, was ich will!" Desmond Tutu weiß, wofür er bekannt ist: sich kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Er zelebriert es. Gern auf saloppe Art. Auftakt zum Pressegespräch, nachdem er die Journalisten 45 Minuten hat warten lassen: "Seien Sie nicht gemein!" Eine Frage akustisch schlecht verstanden? "Ich bin nicht so jung, wie ich aussehe!" (Er ist 78.) Schwulendebatte in der Kirche? "Wir leben in einer Welt, in der es Armut, Unterdrückung, Gewalt gibt - und die Kirche konzentriert sich darauf, wer mit wem schläft?"

Desmond Tutu - Südafrikaner, Alterzbischof von Kapstadt, Friedensnobelpreisträger - ist seit Freitag auch Ehrendoktor der Universität Wien. Dafür ist er angereist. Auch ein Aids-Benefizkonzert besucht er am Samstag, schließlich engagiert er sich im Kampf gegen die Krankheit und hat eine eigene Stiftung.

Nie sei er ein "Anti" gewesen, sagt er über sich selbst, nie prinzipiell gegen etwas. "Nur Anti-Ungerechtigkeit und Anti-Unterdrückung" . Er bevorzugt den pragmatischen Weg. Selbst wenn das zum Beispiel geheißen hätte, Simbabwes Langzeitdiktator Robert Mugabe Straffreiheit zuzusichern, damit er abtritt. In solchen Fällen müsse man abwiegen zwischen dem kleineren Übel: Straffreiheit eben - oder die Bevölkerung weiter leiden zu sehen. Mit der neuen Regierung in Harare sieht er eine Chance. Nur für humanitäre Hilfe müsse die Staatengemeinschaft mehr Geld geben.

Seine Meinung über den umstrittenen neuen Präsidenten Südafrikas, Jacob Zuma: "Abwarten" , ihm Zeit geben. "Zuma weiß, dass die Augen der Welt auf Südafrika gerichtet sind." Was tun im Nahen Osten? Stopp der israelischen Blockade, Stopp der Siedlungen, Stopp der Hamas-Angriffe, nieder mit der Mauer. Ohne eine Lösung im Nahen Osten - kein Ende des Terrorismus. Immer ist er für Kompromisse. Auch wenn es wehtut: "Das wahre Leben kann hart sein." (Julia Raabe/DER STANDARD, Printausgabe, 13.6.2009)

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    Desmond Tutu erhielt den Ehrendoktor der Uni Wien.

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