Geheul in der Löwelstraße

12. Juni 2009, 18:12
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Jetzt, wo es zu spät ist, kommt "News" mit der Titelgeschichte "Der Rebell. Seine Liebe, sein Leben, sein Netzwerk - Das ist H. P. Martin" ...

Jetzt, wo es zu spät ist, kommt "News" mit der Titelgeschichte Der Rebell. Seine Liebe, sein Leben, sein Netzwerk - Das ist H. P. Martin. Da interessiert natürlich in derselben Reihenfolge zuerst einmal seine Liebe. Alles, was man dazu erfährt, ist lediglich, dass es sich dabei nicht um Hans Dichand handelt, sondern um die Tübingerin Dr. Heike Kummer. Sie arbeitet im mittleren Management in der Daimler-Zentrale in Stuttgart, was gut für Fußballfan HPM ist: Das Stuttgarter Stadion liegt unmittelbar neben dem Arbeitsplatz der Gattin. Das verleiht Energien, wie sie nicht jede Liebe zu spenden vermag.

Was sein Leben betrifft: Martin ist das, was man gemeinhin als "Streber" bezeichnet. Er gibt eine Schülerzeitung namens "Rübe" heraus. Anders als vom FP-Politiker Andreas Mölzer behauptet, ist Martin jedoch kein "Alt-68er", obwohl die Herausgabe einer Schülerzeitung dieses Namens einen FP-Politiker naturgemäß Verdacht schöpfen lässt. Daher zeigte Mölzer in "Zur Zeit" Seiten an Martin auf, die "News" ausblendet - bewusst? Als Marionette im strategischen Konzept des politischen EU-Establishments gegen den befürchteten allzu großen Erfolg der bösen Rechtspopulisten darf er zwar unbeanstandet eine gute Million an Wahlkampfkostenerstattung aus dem letzten EU-Wahlkampf verbraten und als Denunziant im Kleinformat alle und jeden diffamieren, verleumden und verunglimpfen, gleichzeitig aber will er den Wählern weismachen, daß er jener ist, der in Brüssel Österreichs Interessen vertritt. Dabei erweist sich der Hecht im Karpfenteich bei näherer Betrachtung als Qualle im Aquarium des EU-Establishments.

Leider erspart uns Mölzer die nähere Betrachtung, weshalb wir bei der weiteren Verfolgung dieses Lebensweges vom Streber zur Qualle wieder auf "News" angewiesen sind. Martins erste Förderer in Wien sind der spätere RTL-General Gerhard Zeiler und der spätere Stadtschulratspräsident Kurt Scholz, damals Assistenten des Unterrichtsministers Fred Sinowatz, die sich jeglichen Verdachtes gegen den "Rübe"-Herausgeber enthielten. Im Gegenteil, Martin gewinnt mit seiner Schülerzeitung "Rübe" den Staatspreis beim Schülerzeitungswettbewerb, lernt den späteren SP-Geschäftsführer Andreas Rudas, den Verleger Wolfgang Fellner, den späteren Kanzler Werner Faymann und den SP-Politiker Christoph Matznetter kennen.

So traf der kaum der "Rübe" Entwachsene auf lauter Spätere, was in seinem Netzwerk noch Folgen haben sollte. An der Universität belegt er sieben Fächer gleichzeitig, Streber, der er ist. Die erste Staatsprüfung absolviert er "Summa cum laude". Doch Martin hat andere Interessen. Die führen ihn zunächst zu seinem Vorbild, dem Enthüllungsjournalisten Günter Wallraff, in weiterer Konsequenz wird er - der Fluch der Späteren - überraschend unabhängiger Spitzenkandidat der SPÖ für die EU-Wahl, wo er zeigt, was er beim Enthüllungsjournalisten Günter Wallraff gelernt hat: "Es war furchtbar, da wurde überhaupt nicht seriös gearbeitet. Nach vier Tagen in der Löwelstraße habe ich geheult. Geblieben bin ich nur, um Jörg Haider zu verhindern." Weil dieses Argument für sein Bleiben inzwischen ausgefallen ist, hat er nun stattdessen die Löwelstraße zum Heulen gebracht.

Auf das Titelblatt von "News" zu kommen, dazu gehört nicht viel. Es reicht schon, der Mann zu sein, der Strache stoppte & die SPÖ zerstörte. Dort, wo es wirklich wichtig ist vorzukommen, standen Martins Chancen bisher schlecht, wie der Zeitung "Österreich" zu entnehmen war, die zu Fronleichnam zum 1000. Mal ein charakteristisches Lebenszeichen von sich gab. Aus diesem statistischen Anlass bot sie wieder einmal Die Top 100 VIPs in ÖSTERREICH - Wer in den letzten drei Jahren in ÖSTERREICH wirklich wichtig war und noch immer ist. Typisch für den morbiden Geist des Herausgebers: An zweiter Stelle, zwischen dem Kanzler und dem Vizekanzler, fand sich der 2008 tragisch bei einem Verkehrsunfall verunglückte Kärntner Landeshauptmann, denn er dominierte bis zu seinem Tod die Politik-Berichterstattung. Von "Österreich". Das ist just der, um ihn zu verhindern, Rebell Martin so lange in der Löwelstraße geheult hat, bis er dortselbst 2004 zur "unerwünschten Person" erklärt wurde.

Wenn sich die Lugners blitz-scheiden lassen, ein Dorian Steidl bei "Dancing Stars" siegt oder Andrea Kdolsky ihre Wunder-Diät preisgibt, ist das natürlich von überragender Bedeutung für Österreich. Aber dass der Heuler in der Löwelstraße nicht einmal der hundertste der Top 100 VIPs in ÖSTERREICH ist, sollte ihm zu heulen geben. (Günter Traxler, DER STANDARD; Printausgabe, 13./14.6.2009)

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