Der nimmergrüne Dichtungssinn

12. Juni 2009, 18:08
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Ferdinand Schmatz erhält am Samstag den Ernst-Jandl-Preis

Neuberg/Mürz - Als Empfänger des 2001 ins Leben gerufenen Ernst-Jandl-Preises lassen sich nur solche Autoren denken, die das heikelste, zugleich kostbarste Erbe der österreichischen Dichtungstradition unbeirrt verwalten: Poeten wie der in Korneuburg geborene Ferdinand Schmatz (56), die, wenn sie schreiben, die Bedingungen ihres Tuns eifrig mitbedenken. Die den Grundlagen ihrer dichterischen Arbeit kein betriebsblindes Vertrauen schenken. Die die Sprache, die sie vorfinden, nicht einfach wie ein Werkzeug gebrauchen, mit dessen Hilfe sie etwas auszudrücken versuchen, sondern sie zum Gegenstand ihres Interesses erheben.

Dichter wie Schmatz sind nicht einfach "Sänger" , die sich nach einem kühlen Wiesengrund verzehren - wiewohl gerade Schmatz herrlich suggestive Naturgedichte geschrieben hat (etwa in dschungel allfach, 1996). Poeten in der Tradition der notorisch berühmten Wiener Gruppe (Artmann, Achleitner, Bayer, Rühm, Wiener) heften sich Geheimnissen auf die Spur, von denen sich die Ausdruckskünstler auf den aktuellen Bestenlisten kaum etwas träumen lassen.

Verstehen von Verstehen

Ihr Interesse ist mit dem Begriff "Sprachzweifel" höchst unzureichend beschrieben - Schmatz, der gelernte Germanist, schöbe ihn womöglich kopfschüttelnd beiseite. Schmatz glaubt, dass poetische Erzeugnisse nur dann unanfechtbar seien, wenn sie auf der Höhe der durch angestrengtes Nachdenken produzierten Einsichten hergestellt worden sind. Schmatz nennt dieses Paradoxon das "Verstehen von Verstehen" : Nur wer sich selbst beim Dichten beobachtet, wer nachvollzieht, welche Mechanismen beim Zusammenstellen der Buchstaben, Silben, Wörter und Bedeutungsträger wirksam werden, kann darauf hoffen, nicht etwa bloß Klischees abzubilden. Die abstrakte Begrifflichkeit steht mit den sinnlichen Elementen der Sprache in einer ebenso mysteriösen wie spannungsvollen Wechselbeziehung. Und Schmatz, der Oswald Wieners kybernetischer Philosophie viel verdankt und sich an Reinhard Priessnitz abgearbeitet hat, geht als souveräner Praktiker gerne aufs Ganze.

Die Heilige Schrift

Er misst seine schier unbegrenzten Sprach-Mittel dann am Schöpfungsbestand der Heiligen Schrift (das große babel,n, 2000). Er schreibt, wie zuletzt, einen Roman (Durchleuchtung, 2007, alle verlegt bei Haymon), in dem "Helden" als lebensweltliche Figuren kenntlich gemacht werden: als Opfer und Objekte der Medizin, als Protagonisten ihrer eigenen Erinnerungen, als Helden eines deutlich als "wienerisch" gekennzeichneten Milieus.

Die Genüsse, die Schmatz' Literatur verbürgt, sind aufregend und sublim. Sie beruhen auf Theorien und Traditionen, die seit der Frühromantik wirksam werden und in der Sprachskepsis beheimatet sind. Sie sind freilich ebenso von mitreißender Kraft - und schmiegen sich daher bestens an den Dichtungsbestand des großen Ernst Jandl, in dessen Namen sie heute in Neuberg an der Mürz (Steiermark) ausgezeichnet werden. Oder, wie es in einem Schmatz-Gedicht jüngeren Datums irritierend verheißungsvoll tönt: "verloren der vogel die feder / schwebt leicht im dunst so da hin / verfängt sich im gras geschwinde / im ziel gibt ab sinn nimmergrün". (Ronald Pohl, DER STANDARD/Printausgabe, 13./14.06.2009)

 

Hinweis:

Von gleicherweise nimmergrüner Kraft das übrige Tagungsprogramm in Neuberg: Im Innenhof des Kreuzganges im Stift Neuberg lesen heute die Autorinnen und Autoren: Urs Allemann, Nico Bleutge, Marion Poschmann, Monika Rinck und Ernest Wichner (10 Uhr, Moderation: Paul Jandl).

Um 14.30 Uhr folgen Michael Donhauser, Sonja Harter, Steffen Popp, Lutz Seiler, Liesl Ujvary und Jan Wagner (Moderation: Ernest Wichner). Stanzen und Gstanzln von Jandl werden im Wartesaal des Bahnhofs zum Besten gegeben ("die goas" , 17.30 Uhr), ehe Schmatz im Refektorium des Stifts den Preis überreicht bekommt (Laudatio: Paul Jandl).

Morgen, Sonntag, finden im Gemeindefestsaal, im Gasthof Holzer und in der Greißlerei beim Münster die "muerzer gespräche zur dichtung" statt. Für das Konzept zeichnen Thomas Eder, Michael Hammerschmid und Helmut Neundlinger verantwortlich (14 bis 16 Uhr).

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