Oliver Schopfs iPhone-Skizzenbuch

12. Juni 2009, 18:14
37 Postings

Mit dem Finger auf dem iPhone malen: Das kleine Programm Brushes ermöglicht auch professionelle Zeichnungen, wie die heutige Karikatur auf der Titelseite des Standard.

Wer das Kämmerchen mit handgemaltem Türschild betritt, in dem Standard-Karikaturist Oliver Schopf im farbbekleckerten weißen Arbeitsmantel und mit Pinsel in der Hand an seinen Zeichnungen tüftelt, würde hier keine Hightech-Hochburg vermuten. Ganz falsch: Für den Zeichner und Maler sind Photoshop und Digitalisierungstablett am PC seit Jahren unverzichtbares Werkzeug. Und er gehört zu den wenigen, für die ein Skizzenprogramm die ausschlaggebende Funktion für die Wahl seines bisherigen Handys (ein Sony Ericsson) war.

Jetzt hat Schopf den dünneren Smartphone-Stift gegen ein sinnlicheres Werkzeug getauscht: seine Finger. Brushes, ein fünf Euro teures "kolossales" Programm für das iPhone, "hat mich begeistert", erklärt Schopf. Die Wochenend- Karikatur auf der heutigen Standard-Titelseite wurde damit "gemalt", weltweit wahrscheinlich erst das zweite Cover nach jenem des Magazins The New Yorker, das auf einem iPhone entstand.

 

Es gibt drei Pinselarten, erklärt Schopf, "scharf, mittelscharf und zerfranst. Das ermöglicht, tolle Effekte hervorzuzaubern", eine frei wählbare Strichstärke, die mit dem Fingerdruck etwas variiert, und Farbwahl aus einem Regenbogen-Farbkreis gewählt, "das erinnert mich an Goethes Farbenlehre, alle Farbübergänge sind zu sehen".

Ein weißer Pinsel dient als Radiergummi, Striche können Schritt um Schritt zurückgenommen werden. "Ein wenig ist es wie Malen in Öl, wenn man die Farben Schicht um Schicht aufträgt", erklärt Schopf, "allerdings sind auch andere Techniken möglich." "Gewöhnungsbedürftig" war es, damit zurechtzukommen, dass Details durch Vergrößern und Verkleinern des jeweils sichtbaren Teils des "Skizzenblocks" zu gestalten sind, "das braucht eine Art Koordinatensystem". "Die Haptik des Fingermalens ist viel sinnlicher als ein Stift. Damit ist man dem Medium der Malerei auf diesem Gerät viel näher als mit jeder anderen Technik." Das iPhone diene ihm jetzt so als "Skizzenbuch und Malkasten, den man immer mithat. Ich kann mir vorstellen, damit im Gerichtssaal zu arbeiten", sagt Schopf, der zuletzt den Prozess gegen F. zeichnerisch dokumentierte. "Durch die einfacheren Werkzeuge animiert Brushes zu Abstraktion und zum Experimentieren. Und manches kann man kreativ auf das Zeichenblatt übertragen."

Zeichnungen können als kleine Bilder vom iPhone gemailt werden oder drahtlos auf den PC/Mac übertragen und dort als hochauflösende Datei zum Drucken erstellt werden. Ein Wermutstropfen: "Brushes braucht viel Strom, das muss man sich gut einteilen - sonst gehen einem Papier und Bleistift aus." Ein Problem, das mit dem neuen iPhone 3GS aufgrund eines leistungsfähigeren Akkus kleiner werden sollte. Oder dass durch einen Zusatzakku gelöst werden kann. (Helmut Spudich/ DER STANDARD Printausgabe, 13. Juni 2009)

  • Malen auf dem iPhone mit Brushes: "Die Haptik kommt dem Medium Malen viel näher als bei jeder anderen Technik."
    foto: apple/ illu: oliver schopf

    Malen auf dem iPhone mit Brushes: "Die Haptik kommt dem Medium Malen viel näher als bei jeder anderen Technik."

  • Karikatur von Oliver Schopf
    illu: oliver schopf

    Karikatur von Oliver Schopf

Share if you care.