Wenn die Nacht am tiefsten ...

12. Juni 2009, 17:59
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Zusammen mit David Lynch versucht sich Produzent Brian Burton alias Danger Mouse als Sargnagel der CD-Industrie

Das entsprechende Foto- und Musikprojekt findet nur online statt. Die Musik dazu wird verschenkt.

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Wien - Brian Burton ist mit 31 Jahren ein Weltstar der neuen Art. Bekannt wurde der Mann nicht nur als eine Hälfte des US-Duos Gnarls Barkley. Dieses fuhr mit der retrogardistischen und seither hundertfach gecoverten Soul-Hymne Crazy 2006 einen Welthit ein. Burton produzierte daneben auch Alben mit Britpop-Star Damon Albarn und Gorillaz oder The Good, The Bad And The Queen.

Seinen revolutionärsten Akt setzte er allerdings schon 2004. Als Danger Mouse fügte er illegal das Black Album des US-HipHop-Moguls Jay-Z und das White Album der Beatles zum Grey Album zusammen - und stellte es gratis ins Internet. Der Aufschrei der Industrie war gewaltig: Eine Kompanie Anwälte wurden speziell von Paul McCartney und dem Label EMI in Stellung gebracht. Das Medienecho war hilfreich. Bis heute gilt das Grey Album dank dieses subversiven Marketing-Gags als illegal meistheruntergeladenes Album der Geschichte. Zudem überzeugte es künstlerisch, indem es die Pop-Seligkeit der Beatles mit bösen Ghetto-Raps kollidieren ließ.

Fünf Jahre danach kehrt der inzwischen millionenschwere Burton zu seinen Wurzeln zurück. Er verschenkt seine neue Danger-Mouse-Arbeit Dark Night Of The Soul dank eines Streits mit seinem Label - Burton ist ganz im Sinne kapitalistischer Vereinnahmung beim alten Gegner EMI gelandet - auf diversen Musikpiratenseiten wie The Pirate Bay.

Dass eine sterbende Industrie nach neuen Möglichkeiten sucht, die Kundschaft finanziell anzuzapfen, ist auch im Musikgeschäft nur logisch. Konzerne probieren dies zum einen über den Versuch, sich an den Liveeinnahmen der Künstler gütlich zu tun. Sie werden von CD-Grossisten zu Konzertabzockern. Von Madonna bis zu Leonard Cohen müssen Musiker Umsatzanteile an ihre Plattenfirmen abtreten, was zu erheblichen Verteuerung der Karten führte.

Klug kalkulierende Künstler selbst setzen auf Umwegrentabilität. Sie lassen Modelinien, Duftwässer und Auto- wie iPod-Modelle entwerfen (Madonna, Jennifer Lopez, P. Diddy, U2, die Rolling Stones). Sie machen sich selbst von der Marke zur Aktie und gehen wie David Bowie an die Börse. Dieser versprach vor Jahren Anteilseignern fette Gewinne auf zukünftige Musikprojekte - und flüchtete sich mit mehr als 200 Millionen US-Dollar Ertrag in eine bis heute anhaltende Schreibblockade.

Oder Popkünstler versuchen, der dank Internet-Tauschbörsen mehr oder weniger wertlos gewordenen Musik mit dem Hauch der Exklusivität beizukommen. Radiohead, Nine Inch Nails, Saul Williams, David Byrne und Brian Eno etwa stellten aktuelle Arbeiten von vornherein gratis oder für einen symbolischen Betrag ins Netz. Sie hofften im Anschluss, mit teuren, limitierten und künstlerisch behübschten CD-Buch-Boxen im Online-Eigenvertrieb im kleineren selbstverwalteten Rahmen die früheren Umsätze zumindest annähernd zu erreichen.

Die Zunge zeigen

Wie sich Burton in diesem Zusammenhang positionieren will, wird zwar angesichts von Dark Night Of The Soul nicht ganz klar, immerhin aber legt er eine Arbeit vor, die der Musikindustrie wegen "fortdauernder Schwierigkeiten" mit dieser (so Burton auf der Homepage www.dnots.com) gehörig die Zunge zeigt. Inspiriert von den Schriften des spanischen Mystikers und Inquisitionsopfers Johannes vom Kreuz aus dem 16. Jahrhundert und seinem zentralen Werk Die dunkle Nacht spürten Burton, Sparklehorse und der sich neuerdings als Sprechsänger und Songtexter betätigende David Lynch dem Schmerz, dem Zweifel und dem Seelendunkel nach, an dessen Ende die Erfahrung des Göttlichen stehen soll. Nun ja.

Der für Mystizismus jeglicher Richtung in den letzten Jahren erheblich empfängliche und diesbezüglich auch als Vortragsreisender aktive David Lynch ließ sich von der Musik zudem zu einer Fotoserie inspirieren. Die gegenwärtig in der Michael Kohn Gallery in Los Angeles zur Ausstellung gelangenden Fotos belegen, dass zumindest in diesem Genre Lynch wieder an alte filmische Größe anschließen kann. Dunkle, verstörende Bilder aus dem nächtlichen Los Angeles jenseits der erleuchteten Boulevards zeugen von der nachtschwarzen Seite des notorischen US-Traums. Sie werden in auf 5000 Stück limitierter handsignierter Auflage online vertrieben.

Musikalisch ist das Unternehmen hochkarätig besetzt. Zum bekannt Sixties-barocken, feinziselierten und dennoch wuchtigen Soul-Pop Brian Burtons liefern verdiente Leute die Gesangsspuren. Neben Lynch seien hier die Flaming Lips, Jason Lytle von Grandaddy, Black Francis von den Pixies, Suzanne Vega, Vic Chesnutt und vor allem Iggy Pop erwähnt. Letzterer macht zu dreckigem elektronischem Soul-Punk das, was er am besten kann, den "grumpy old man" des Underground. Ein Album des Jahres. Bei entsprechend vom Künstler geduldeter "krimineller" Energie der Konsumenten ist das Ganze gratis zu genießen.

Dem Fotoband für 50 US-Dollar legt Danger Mouse keck einen CD-Rohling bei - und gleich den Download nahe. "Egal auf welchem Weg." (Christian Schachinger, DER STANDARD/Printausgabe, 13./14.06.2009)

  • Ihr Projekt lässt die CD-Industrie etwas grübeln: David Lynch, Sparklehorse und Brian Burton (v. li.).
    foto: david lynch / michael kohn gallery

    Ihr Projekt lässt die CD-Industrie etwas grübeln: David Lynch, Sparklehorse und Brian Burton (v. li.).

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