"Drag Me to Hell": Karrieredruck mit ganz höllischen Folgen

12. Juni 2009, 17:51
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Eine Achterbahnfahrt von einem Horrorfilm und zugleich auch ein hintergründiger Kommentar zur Wirtschaftskrise: Splatter-Meister Sam Raimis jüngster Streich "Drag Me to Hell"

Wien - Seinen Ruf, Zerrbilder realer Schrecken zu transportieren, hat der US-Horrorfilm in den letzten Jahren stark eingebüßt. Fehlende Originalität wurde entweder mit einer Überdosis an sadistischen Gewalt- und Folterdarstellungen im Stile der Hostel- und Saw-Reihe kaschiert, oder man konnte Meterware erleben, lieblose Revisionen von 70er-Schockern, in denen aktuelle Hollywoodjunggesichter oder (momentan sehr beliebt) 3-D-Technik die Anbindung an jugendliche Zielgruppen sichern sollten.

Doch immer dann, wenn alle Hoffnung verflogen scheint, kommt ein Film wie Drag Me to Hell daher - eine Achterbahnfahrt von einem Horrorfilm, der sich der Stärken des Genres besinnt, sie gekonnt beschleunigt und dabei auch noch humorvoll auf die Fallhöhen der Gegenwart verweist. Schon der Ausgangspunkt ist von besonderem Raffinement, weil sich eine profane Arbeitswelt an einer Erscheinung reibt, die wie aus ei-ner dämonischen Fantasiewelt erscheint:

Mrs. Ganush (Lorna Raver), eine alte Frau mit trübem Auge und respektgebietenden Fingernägeln, bittet Christine (Alison Lohman), die Mitarbeiterin einer Bankfiliale, um den Aufschub ihrer Hypothekenzahlung. Gewissen und Ambition geraten hier in einen Konflikt, doch Christine bleibt hart: Sie will beim Chef Eindruck machen, liebäugelt mit einer Beförderung - der Augenblick ihres Verderbens.

Um die Drastik des weiteren Geschehens zu verdeutlichen, muss man spätestens an dieser Stelle den Namen des Regisseurs einwerfen: Sam Raimi, durch seine The Evil Dead-Serie der 1980er-Jahre stilbildender Splatter-Zeremonienmeister einer ganzen Generation, später auch verantwortlich für die popkulturelle Erdung von SpiderMan, liefert hier seinen seit langem persönlichsten Film. Zurückhaltung war seine Sache nie: Dennoch legen die Bilder in Drag Me to Hell nicht alles schonungslos offen, sondern befördern pointiert gesetzte Ekel- und Schockmomente.

Böse Einbildungskraft

Dass sich Raimi dabei ganz ungeniert des Stereotyps der bösen Zigeunerin bedient, die ihre Kontrahentin mit schwarzer Magie verhext, passt ins Konzept. Die fantastische Seite der Figur - samt herrlich widerlichen Körperdefekten alter Damen - macht sich hier so ostentativ bemerkbar, dass ohnehin nie ganz klar ist, wie viel davon Christines Einbildung entstammt.

Die strebsame Bankbeamtin ereilt ein Fluch, und der Teufel kommt höchstpersönlich herauf, um sein Pfand abzuholen. Vieles davon, was er in Christines Leben durcheinanderbringt, übersetzt der Film - ohne großes Spezialeffekte-Brimborium, dafür mit schadenfroher Freude am Detail. Selbst Kinder und kleine Kätzchen sind hier nicht sicher. Raimi hält die Leine äußerst kurz, von Poltergeist-ähnlichen Rüttelszenarien geht er nahtlos zu surrealen Traumvisionen über, die sich dann infamerweise in der Gegenwart bewahrheiten. Mithilfe eines mächtigen Sounddesigns, das einen wie eine riesige Pranke packt und beutelt, stellt der Film sicher, dass nicht zu viele Atempausen bleiben.

Raimi vergisst aber auch auf die moralische Grundierung seiner Geschichte nicht (das Drehbuch stammt von seinem Bruder Ivan und ihm): Fehlende Empathie, Karrieredruck, Minderwertigkeitskomplexe auf der einen Seite, auf der anderen Mrs.Ganush, die grauenerregende Verkörperung all derer, die übergangen werden. Drag Me to Hell ist auf der Höhe der Zeit. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD/Printausgabe, 13./14.06.2009)

  • Wer hoch hinauswill, der fällt manchmal umso tiefer: Alison Lohman
gerät als Bankangestellte in "Drag Me to Hell" in so manche Kalamität.
    foto: uip

    Wer hoch hinauswill, der fällt manchmal umso tiefer: Alison Lohman gerät als Bankangestellte in "Drag Me to Hell" in so manche Kalamität.

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