"Eine Depression dauert mindestens drei Jahre"

12. Juni 2009, 17:47
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Der Nationalökonom Erich Streissler rechnet erst Ende 2011 wieder mit einem Aufschwung in Österreich

Auch dann werde die Wirtschaft nur langsam wachsen - wegen der Klimapolitik. Eric Frey sprach mit ihm.

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STANDARD: Es gibt erste Anzeichen einer Konjunkturerholung in den USA. Kann man daran glauben?

Streissler: Nein. Die Finanzkrise war ja das Ergebnis einer Verkaufsanstrengung im Finanzbereich. Damit haben wir es auch hier zu tun - um einen politischen Verkauf.

STANDARD: Aber was bringt es, etwas überzuverkaufen, das sich dann als falsch herausstellt?

Streissler: Hier spielt auch politische Hoffnung hinein. Bisher hatten die meisten Wirtschaftseinbrüche die Form eines "V". Da kann man etwas tun, die Verschuldung erhöhen, und ist bald wieder draußen. Aber was ist, wenn es diesmal ein "L" ist oder sogar eine Stufenform, bei dem es nach einer Stabilisierung immer wieder zu Einbrüchen kommt? Ich hatte erwartet, dass der nächste Einbruch kommt, wenn die Verluste bei amerikanischen Häusern und die private Verschuldung durch Kreditkarten offensichtlich werden. Aber vielleicht geht das ins "L" über - das dann noch flacher und länger wird.

STANDARD: Und wie lange dauert es bis zum Aufschwung?

Streissler: Eine Depression dauert mindestens drei Jahre und bringt einen Abfall von zehn Prozent mit sich. Die zehn Prozent haben die USA bereits, wenn man richtig rechnet: In der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung müsste man alles abziehen, was für die Halde produziert wurde. Die Rezession dauert noch an, frühestens in der zweiten Hälfte 2010 wird es wieder bergaufgehen. Und bei uns dauert es bis zum vierten Quartal 2011.

STANDARD: Machen Konjunkturpakete da einen Unterschied?

Streissler: In Österreich nein, denn unser Abschwung findet nur bei den Exporten statt. Das wird völlig missachtet. Blöderes als die EU-Wahlwerbung der SPÖ kann man sich gar nicht vorstellen. Wie wollen Sie Arbeitsplätze erhalten, wenn mehr als die Hälfte des Sozialprodukts ins Ausland geht?

STANDARD: Aber man könnte ja die Binnennachfrage ankurbeln.

Streissler: Kaum, denn das sind ganz andere Güter. Der Export ist deshalb so anfällig, weil es sich meist um Güter handelt, die nicht unbedingt notwendig sind. Auch den Kauf eines Autos kann man hinausschieben. Selbst Red Bull, Österrreichs größter Exporterfolg. wird weniger getrunken.

STANDARD: Und in den USA? Wirken dort Obamas Konjunkturpakete?

Streissler: Das ist wie nach dem Ende des Kommunismus im Osten: Die Ungarn haben sich graduell angepasst, die Polen schlagartig. Das Ergebnis war nach fünf Jahren dasselbe. Die Konjunkturpakete federn den Rückgang bloß ab, aber verzögern dann den Aufschwung. Die Staatsschulden verdrängen die privaten Kreditnehmer vom Markt. Deshalb steigen die langfristigen Dollar-Zinsen schon wieder.

STANDARD: Das abschreckende Beispiel für einen verschleppten Aufschwung ist Japan.

Streissler: Dort hat man vor allem die Restrukturierung der Banken immer weiter herausgezögert.

STANDARD: Ist das nicht auch bei Obamas Bankenrettungsplan der Fall? Das behaupten prominente Ökonomen wie Paul Krugman.

Streissler: Sonst bin ich überhaupt nicht Krugmans Meinung, aber bei den Banken hat er recht. Da wird das Problem nur verschoben. Bedenken wir einmal: Das Median-einkommen in den USA ist seit 25 Jahren real nicht gestiegen. Es gab kein Wirtschaftswachstum, sondern nur eine Umverteilung nach oben - hauptsächlich zum Finanzsektor. Dieser muss jetzt schrumpfen; deshalb ist es so problematisch, wenn es heißt, Großbanken dürfen nicht in Konkurs gehen.

STANDARD: Und was halten Sie von der Zinspolitik der Fed?

Streissler: Die niedrigen Zinsen der Notenbanken nützen nur den Banken, die schlagen sich zu den Verbrauchern gar nicht durch. Und sie bergen auch eine echte Gefahr.

STANDARD: Sie führen zu Inflation?

Streissler: In Europa nicht, denn die EZB ist politisch unabhängig. Aber die Fed ist völlig unter politischer Kontrolle. Die Amerikaner haben nur zwei Möglichkeiten, aus der Verschuldung herauszukommen: durch Inflation oder durch Dollar-Abwertung. Der deutsche Bundesbankpräsident Axel Weber hat gesagt, er rechnet mit einer zweistelligen Inflation in den USA. So viel wird es vielleicht nicht sein, aber acht Prozent sind wahrscheinlich, verbunden mit einer starken Dollar-Abwertung.

STANDARD: Und dann beginnt wieder ein echter Aufschwung?

Streissler: Wahrscheinlich nicht. Zur Finanzkrise kommt der Zwang zu einer neue Klimapolitik dazu, die etwa fünf Prozent der Wirtschaftsleistung kostet. In den nächsten 20 Jahren werden die Industriestaaten im Schnitt nur ein bis eineinviertel Prozent wachsen.

STANDARD: Können wir damit leben?

Streissler: Wir haben keine andere Wahl. Die Jobs, die im Bankensektor verlorengehen, werden in der Umwelttechnik entstehen. Dort braucht man vor allem Techniker. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13./14.6.2009)

Zur Person

Erich Streissler (76) ist 2001 als Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Wien emeritiert. Der katholisch-wirtschaftsliberale Nationalökonom ist verheiratet und hat vier Kinder.

  • Erich Streissler: "Die Amerikaner haben nur zwei Möglichkeiten, aus der Verschuldung herauszukommen: durch Inflation oder durch Dollar-Abwertung."
    foto: standard/cremer

    Erich Streissler: "Die Amerikaner haben nur zwei Möglichkeiten, aus der Verschuldung herauszukommen: durch Inflation oder durch Dollar-Abwertung."

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