"Haben einen hervorragenden Kader"

15. Juni 2009, 02:12
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Rapids Sportlicher Leiter Alfred Hörtnagl sieht bezüglich Verstärkungen kaum Handlungsbedarf, verteidigt die Betreuerteam-Rochade und spricht sich für die Ligareform aus

Wien - Rapids Sportlicher Leiter, Alfred Hörtnagl, zeigt nach der Personalrochade (Ablöse von Co-Trainer Zoran Barisic und Tormanntrainer Peter Zajicek) Verständnis für die emotionalen Reaktionen der Spieler und spricht die Beweggründe von Coach Peter Pacult an. Im Gespräch mit Thomas Hirner nimmt er Stellung zu den Transferaktivitäten und zur Defensive der Grün-Weißen. Auch die Vereinsstruktur, Neuling Jovanovic, die Europa-League, der Weg Rapids, Österreichs treffsichere Offensivkräfte, die Ligareform, Vorzeigeland Dänemark und die Entwicklung im heimischen Fußball sind Themen im derStandard.at-Interview.

derStandard.at: Co-Trainer Zoran Barisic und Tormanntrainer Peter Zajicek wurden dieser Tage überraschend abgelöst. Welche Funktion werden die beiden in Zukunft bei Rapid haben?

Alfred Hörtnagl: Sie werden in Zukunft im Ausbildungs- und Entwicklungsbereich, der einen hohen Stellenwert bei uns hat, für Rapid arbeiten. Und da versuchen wir jetzt die zwei zu integrieren. Wir wollen sie auf jeden Fall nicht verlieren, weil sie viel Knowhow, Qualität und guten Charakter haben. Sie haben einen guten Job gemacht, letztendlich hat aber der Trainer das Recht und die Verantwortung, ein Team zusammenzustellen und es war auch sein Wunsch mit einem neuen Trainerteam in die neue Saison zu gehen.

derStandard.at: In den Medien kursierten Meldungen wie "Meuterei bei Rapid". Was sind die Gründe dafür, dass sich viele Spieler gegen diesen Schritt aussprechen?

Hörtnagl: Das zeigt, dass die beiden ein hohes Ansehen genossen haben und dass sie eine wichtige Funktion in dem ganzen Getriebe innehatten. Wenn die Spieler jetzt emotional reagieren, so ist das einfach ein Beweis dafür, dass sie sehr gut in das System hineingepasst haben.

derStandard.at: Es ist bekannt, dass Peter Pacult immer wieder einmal laut wurde. Welche Rolle spielte hierbei Zoran Barisic? War er vielleicht ein Schlichter in heiklen Situationen?

Hörtnagl: Ich möchte dazu eigentlich nichts mehr sagen, alles Weitere, was das Thema betrifft, bitte mit Peter Pacult besprechen.

derStandard.at: Man hat in manchen Liga-Spielen gesehen, dass Rapid ein Problem in der Defensive hat. Rapid hat sich nun mit Milan Jovanovic verstärkt. Was darf man sich künftig von dem Montenegriner erwarten?

Hörtnagl: Wir haben Jovanovic hereingeholt, haben ihn hier vor Ort gesehen. Er hat trotz Trainingsrückstands einen guten Eindruck hinterlassen, aus ärztlicher Sicht hat es grünes Licht gegeben und er ist jetzt schon dabei, den Rückstand Schritt für Schritt aufzuholen. Er hat auch schon im Nationalteam elf Spiele bestritten und wir haben einen Großteil dieser Spiele analysiert und gesehen, dass er Potential hat. Er ist ein großer Spieler und variabel einsetzbar.

derStandard.at: Wird es noch weitere Verstärkungen geben?

Hörtnagl: Wir sind gerade dabei, den Defensivbereich zu analysieren und schauen, ob wir das vom Gesamten her noch strategisch verpacken können. Überlegungen im offensiven Bereich gibt es dann, wenn etwas passieren würde mit den Stürmern und da ist im Moment nichts Konkretes auf dem Tisch. Aber wenn es zu keinem Wechsel mehr kommt, also keiner mehr weggeht, dann bleibt nur mehr die Frage, ob wir noch einen zusätzlichen Mann für die Defensive holen, oder nicht.

derStandard.at: Es kursiert ein Gerücht, dass man an einem gewissen Emre interessiert sei. Was ist da dran?

Hörtnagl: Das ist nur ein Name, der in die Welt gesetzt worden ist.

derStandard.at: Wie sieht die Zukunft von Mario Tokic bei Rapid aus?

Hörtnagl: Mario ist nach wie vor noch in der Reha. Unter Umständen wird er sogar operiert werden.

derStandard.at: Tokic ist mit 33 auch nicht mehr der Jüngste. Manch böse Austria-Zungen behaupten, den Tokic sind wir gerade noch rechtzeitig losgeworden.

Hörtnagl: Da muss man schon sehr vorsichtig sein, weil Weltklassespieler spielen auf Topniveau bis 37, 38, siehe Milan. Und Tokic war 31, als wir ihn geholt haben. Natürlich ist das alles abhängig von Fitness und Gesundheit, aber 31 Jahre ist jetzt kein besonderes Alter, ich selbst habe bis 38 in der Bundesliga gespielt.

derStandard.at: Wie sieht es bezüglich Jimmy Hoffer und seiner Zukunft aus?

Hörtnagl: Es gibt kein konkretes Angebot, es gibt nur lose Kontakte.

derStandard.at: Und Jelavic? Es gab Interesse von Seiten der Austria und von Sturm.

Hörtnagl: Wir versuchen Jelavic zu halten, weil er vom Charakter, seinem Auftreten und auch von seinen Leistungen gut zu uns passt. Allerdings ist dies nicht so einfach, weil da auch unter anderem die Ausländerregelung mitspielt.

derStandard.at: In dem Fall wäre dann auch eine Ablösesumme zu zahlen.

Hörtnagl: Ja, aber diesbezüglich haben wir schon vorgefühlt und es sieht danach aus, als könnten wir eine gute und moderate Lösung finden.

derStandard.at: Rapid hat diese Saison einen Punkt mehr gemacht, als letzte Saison, als man Meister wurde. National ist man knapp an der Titelverteidigung gescheitert, hat aber doch das anvisierte Ziel von Platz zwei erreicht. Was erwarten Sie sich international in der Europa-League?

Hörtnagl: Wir haben neben den nationalen natürlich auch internationale Ziele und ich erwarte mir schon ein erfolgreiches Auftreten in der Europa-League, das ist eine tolle Chance und wir sind am Anfang auch gesetzt und haben die Möglichkeit die erste Runde zu überstehen und das Ziel ist sicher, dass wir in die Gruppenphase kommen. Das ist sicher schwierig, weil in der letzten Runde wirklich Topgegner zu erwarten sind. Aber mit zwei guten Tagen kann die letzte Hürde überwunden und der Eintritt in die Gruppenphase geschafft werden.

derStandard.at: Ist man mit dem bestehenden Spielermaterial auch dementsprechend gerüstet?

Hörtnagl: Natürlich, wir haben einen hervorragenden Kader, der eingespielt ist. Automatismen sind zu erkennen. Der Kern der Mannschaft besteht schon seit längerem. Daher wird uns für die kommende Saison wieder eine sehr gute Mannschaft zur Verfügung stehen und das sowohl quantitativ, als auch qualitativ.

derStandard.at: Die Innenverteidiger Eder und Patocka strahlen in der heimischen Liga nicht immer jene Ball-Sicherheit aus, die wohl notwendig wäre, um international reüssieren zu können.

Hörtnagl: Vor einem Jahr sind wir mit den beiden Meister geworden, da haben sie hervorragend gespielt. Und diese Saison war ja auch nicht alles schlecht, was die beiden gezeigt haben und wir mussten zwei Ausfälle verkraften. Außerdem haben wir die zweitwenigsten Tore bekommen und die meisten geschossen. So gesehen sollte man die Analyse auch von mehreren Seiten betrachten.

derStandard.at: Mit RB Salzburg hat Österreichs Liga einen scheinbar übermächtigen Gegner. Nimmt man die Sympathiewerte und die Zuschauerbegeisterung her, dann verwundert es aber doch ein wenig, warum Rapid wirtschaftlich im Vergleich zur Austria eine nicht noch größere Rolle spielt. Schließlich ist die mit deutlich weniger Zuschauerschaft und Fangemeinden gesegnete Austria mit einem vergleichbaren Budget ausgestattet. Sollte Rapid nicht vielleicht einen anderen Weg einschlagen?

Hörtnagl: Rapid darf nicht verkauft werden. Und solange Herr Edlinger Präsident ist, wird das auch nicht geschehen, wird es keinen Paradigmenwechsel geben. Ich würde das auch gar nicht für gut halten, wenn Rapid an einen Mäzen verkauft wird, wo Kultur, Farbe und Tradition, eigentlich alles ausgetauscht werden würde. Das wäre wohl das Schlechteste für Rapid.

derStandard.at: Sie haben in einem Interview gesagt, "das Fan-Potenzial ist gigantisch, was im Hanappi-Stadion jetzt schon abgeht, ist internationale Klasse". Wo muss man die Hebel ansetzen, um auch sportlich gesehen, internationale Klasse zu erreichen?

Hörtnagl: Bei Rapid ist ein Weg erkennbar. Die Philosophie von Ausbildung und Entwicklung ist schon ersichtlich und wird auch gelebt. Und wir versuchen die Qualität zu verstärken, da gibt es sicher noch Potential. Wir wollen weiterhin sehr gut ausgebildete, junge Spieler in die Kampfmannschaft der Profis integrieren. Dass es auch in Zukunft weiterhin Transfers geben wird, das ist ganz normal. Das Ziel ist ein optimaler Mix aus Erfahrung, Jugend, Qualität und Charakter. Die Kampfmannschaft soll von innen heraus einem positiven Konkurrenzkampf ausgesetzt werden und die Problematik der Kaderzusammenstellung mit dem Wunsch nach möglichst vielen Neuverpflichtungen muss von der wirtschaftlichen Seite her stabilisiert werden. Dieser Weg kann erfolgreich sein und ist es auch.

derStandard.at: Wie beurteilen Sie die Stärke der heimischen Liga? Mit 588 Toren (Schnitt 3,27 pro Spiel) wurde der Zehnerliga-Rekord aus der Saison 1980/81 um 79 Tore übertroffen. Ein gutes Zeichen für die Liga? Oder ein Armutszeugnis für die Defensivreihen?

Hörtnagl: (lacht) In Österreich gibt es eine Tendenz, vieles schlecht zu reden. Es hat sehr viele attraktive Spiele gegeben. Hier im Hanappi gegen Salzburg, das Derby, oder gegen Sturm. Das waren Topspiele auf einem hohen Niveau. Da sieht man schon eine Qualität. Der Weg der letzten fünf Jahre ist klar erkennbar. Ausbildung und Entwicklung sind stark fortgeschritten, es werden vermehrt junge Spieler eingebaut und eingesetzt und durch den Österreichertopf wurde die Ausländerzahl begrenzt. Das ist eine gute Entwicklung in Richtung Wettbewerbsfähigkeit und die gehört auch noch verstärkt. Und wenn viele Tore fallen, dann sehe ich das durchaus positiv. Wir haben in Österreich tolle Offensivkräfte, ob Hoffer, Maierhofer, Janko oder Okotie, das sind Topscorer und die haben auch die Fähigkeit, international zu reüssieren.

derStandard.at: Viele Experten bemängeln, dass durch die Eliminierung der Regionalliga die Kluft zwischen Erster Liga und Landesliga sehr groß wird. Der Aufstieg wird aus sportlichen und finanziellen Gründen für viele nahezu unmöglich. Ist das ein Rückschritt für Österreichs Fußball?

Hörtnagl: Für eine gesamtheitliche Lösung muss man auch immer einen gesamtheitlichen Blick haben und wenn wir uns in Österreich wirklich dazu bekennen, Ausbildung und Entwicklung als Gesamtphilosophie des heimischen Fußballs ganz oben hinzustellen und nachweislich im Ausbildungsbereich gut gearbeitet wird und es auch immer besser wird, dann kann es nur wichtig sein, die besten Spieler für die erste und zweite Liga auszubilden, das war der Hintergedanke. Ich sage gar nicht, dass die Regionalliga total schlecht ist, aber der Grundgedanke ist, dass die Jungen auf schnellstem Wege in den Erwachsenen- bzw. Profifußball eingebaut und integriert werden müssen. Man muss ja auch Benchmarking betreiben und sich fragen, warum macht das z. b. Dänemark, - für mich ein Vorzeigeland, wo die Amateurmannschaften der obersten Liga in die zweithöchste Leistungsstufe integriert sind - wo die Spieler nach guter Ausbildung sofort eingebaut werden. Ein 18-Jühriger soll nicht in der dritthöchsten Leistungsstufe spielen, er soll unter professionellen Bedingungen so schnell wie möglich herangeführt werden. Das war in Österreich immer ein Problem. Es gibt immer Ausnahmen, aber ein Spieler muss mit 22 längst in der Bundesliga sein und soll nicht als ewiges Talent irgendwo herumkrebsen.
Da haben wir Aufholbedarf.
Und was die Regionalligen anbelangt: die Regionalliga Ost ist sehr gut, aber in der Mitte und im Westen gibt es viele, die sagen, da bleiben wir lieber unter uns, da haben wir die Derbys und es kostet uns weniger Budget. Und wer sagt, dass das Niveau fällt? Das ist doch Nonsens. Ich sage, dass das Niveau durchaus in den Landesligen sehr hoch sein kann. (Thomas Hirner, derStandard.at, 15. Juni 2009)

Zur Person:

Der Tiroler Alfred Hörtnagl (42) kickte 27-mal im Nationalteam, er erzielte beim sensationellen 3:2 in Spanien (Vorbereitung für die WM in Italien 1990) ein Tor. Er feierte gleich fünf Meistertitel, drei Cupsiege, hatte 33 Europacupeinsätze und wirkte 411 mal in der Bundesliga mit. Seit 2006 ist er Sportlicher Leiter bei Rapid.

  • Alfred Hörtnagl: "Es bleibt nur mehr die Frage, ob wir noch einen zusätzlichen Mann für die Defensive holen, oder nicht."
    foto: derstandard.at/hirner

    Alfred Hörtnagl: "Es bleibt nur mehr die Frage, ob wir noch einen zusätzlichen Mann für die Defensive holen, oder nicht."

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