"Bei Ebbe sieht man, wer nackt badet"

12. Juni 2009, 16:21
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Personalberater Sören Buschmann im STANDARD-Interview über Sicherheitsdenken und fatale Fehler

Verantwortung jetzt in die Headquarters ziehen, Leute in Zukunftsprojekten ohne unmittelbaren Return jetzt "kappen" – für Personalberater Sören Buschmann ein fataler Mix, wie er im Gespräch mit Karin Bauer erklärt.

STANDARD: Seit ein paar Wochen sieht es so aus, als würden fast alle Unternehmen dasselbe machen – egal, ob es ihnen schlechtgeht oder sie "nur" in großer Unsicherheit sind, nämlich: Kosten schrubben ...

Buschmann: Die meisten Unternehmen sind orientierungslos – die Management-by-objectives-Systeme funktionieren nicht mehr. Zieldefinitionen sind kaum möglich, mit der Budgetplanung geht es ebenso – weder in Höhe noch in Tendenz. Die fatale Reaktion darauf ist: sicherheitshalber einen Schritt zurückzugehen.

STANDARD: Fatal inwiefern?

Buschmann: Wenn Sie in der Nacht in der Nähe großer Bürogebäude sind, dann sehen Sie jetzt: Jedes Sitzungszimmer ist bis weit nach Mitternacht hell erleuchtet. Verantwortung wird aus den Units, aus den Regionen in das Headquarter gezogen. Man kehrt in den "inner circle" zurück. Die Folge ist, dass die Units völlig unbeweglich werden, Mitarbeiter total verunsichert sind, Lähmung eintritt. Genau das Gegenteil wäre gut: Verantwortung jetzt verstärkt in die Regionen, in die Units zu geben – für „empowerment" der Mitarbeiter sorgen. Das erhöht auch sofort das „commitment".

STANDARD: Auch wenn die Verbleibenden ständig sehen, dass die Kollegen täglich weniger werden?

Buschmann: Das kommt natürlich belastend dazu. In vielen Unternehmen herrscht derzeit nun einmal Ebbe – und da sieht man, wer nackt badet.

STANDARD: Heißt?

Buschmann: Heißt, dass jetzt tendenziell die "Underperformer" gekappt werden. Jene, die keine unmittelbare Performance bringen. Das bedeutet aber auch, dass langfristige Zukunftsprojekte gekappt werden, solche, die keinen unmittelbaren „return" bringen. Das nimmt Unternehmen die Zukunftsfähigkeit und führt sehr oft dazu, dass sehr gute Leute sehr verunsichert sind und gehen, wenn sie können.

STANDARD: Zurück zu den Problemen mit dem Festlegen von Zielen, den Budgets. Was wäre denn richtig?

Buschmann: Planung aufgrund relativer Ziele (Branchen und Indexbenchmarks). Beyond Budgeting – Instrumente gibt es. "Krise als Chance" kann man schon kaum mehr hören. Aber: Sich jetzt neu zu definieren ist eine Chance. (DER STANDARD; Printausgabe, 13./14.6.2009)

Zur Person:
Sören Buschmann ist Managing Partner bei Strametz & Partner.

  • Sicherheits-halber einen Schritt zurückzu-gehen, wenn die bekannte Ziel- und Budgetplanung nicht mehr geht - für Sören Buschmann eine "fatale Reaktion".
    foto: standard

    Sicherheits-halber einen Schritt zurückzu-gehen, wenn die bekannte Ziel- und Budgetplanung nicht mehr geht - für Sören Buschmann eine "fatale Reaktion".

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