Im Bann der Hierarchien

12. Juni 2009, 16:36
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Joseph Roths "Das Spinnennetz", gelesen von Ulrich Matthes

Berlin im Jahr 1919. Der Erste Weltkrieg ist vorüber. Leutnant Theodor Lohse rudert richtungslos durch ein Leben, in dem ihm die Klarheit der geliebten Hierarchien verlorenging. Bis ihm der Eintritt in eine rechtsradikale Geheimorganisation Halt gibt und er als Spion mithilfe von Mord und Verrat Karriere macht- er, der Sohn des Bahnzollrevisors und gewesenen Wachtmeisters Wilhelm Lohse. "Man kann sagen: Er übertraf die Erwartungen, die er niemals auf sich gesetzt hatte."

Joseph Roths erster Roman Das Spinnennetz erschien bereits 1923 als (unvollendet abgebrochener) Fortsetzungsroman in der Wiener Arbeiterzeitung. Unmittelbar vor Adolf Hitlers Münchner Putschversuch zeichnet er das Bild einer von München aus agierenden Geheimorganisation, in deren klebrigem Netz sich der kleinbürgerliche Karrierist in seinem Ehrgeiz verfängt. Es ist nicht zuletzt der Liebe des Schweizer Diogenes-Verlegers Daniel Keel zu Roth zu verdanken, dass der Roman, gemeinsam mit vielen anderen Werken Joseph Roths, nun als ungekürzte Lesung im Hörbuch vorliegt. Und was für eine Lesung! Ulrich Matthes, der eben in Wien als schmächtig-verbitterter Onkel Wanja in der Inszenierung von Jürgen Gosch auf der Bühne begeisterte, liest mit einer kühlen Distanz, die die Kälte der von Joseph Roth geschilderten Gesellschaft zu atmosphärischem Eis gefrieren lässt. Ein Geschenk nicht nur an Joseph Roth, der am 27. Mai vor siebzig Jahren starb, ein Geschenk an die Hörer. (Cornelia Niedermeier, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 13./14.06.2009)

Joseph Roth, "Das Spinnennetz". Ungekürzte Lesung durch Ulrich Matthes. 3 CDs/227 Minuten. € 24,90. Diogenes, Zürich 2009

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