Die große Schule des Lebens

12. Juni 2009, 16:38
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Im neuen Roman des Neuseeländers Lloyd Jones wird die Literatur zur Hoffnung einer vom Krieg gebeutelten Insel im Südpazifik

Der Südpazifik kennt viele Gefahren. Zyklone, Monsterwellen, tiefe Gräben, gefräßige Fische. Die größte Gefahr, die von diesem unbekannten Kosmos ausgeht, ist aber die Paradieskrankheit. Sie befällt vor allem den sehnsüchtigen Schriftsteller, betört ihm die Sinne, verwirrt seinen Verstand.

Viele, auch ernstzunehmende Geister, sind ihr seit der Entdeckung des "edlen Wilden" erlegen. Wer sich in diese magische Exotik wagt, sollte also gut gewappnet sein. Wie der hierzulande bis dato gänzlich unbekannte Neuseeländer Lloyd Jones. Sein Buch Mister Pip, das nun in deutscher Übersetzung vorliegt, hat zwar all die Ingredienzien, aus denen sich eine dieser gymnasialen Gutmenschen-geschichten im Angesicht der Sonne brauen ließe, aber der 53-jährige Jones vermengt sie unprätentiös, clever und verspielt zu einer leichtfüßigen, aber thematisch herausfordernden Fabel.

Die Handlung ist recht simpel. Wir befinden uns auf Bougainville, einer abgelegenen Insel Papua-Neuguineas, auf der Anfang der Neunziger ein grausamer Bürgerkrieg tobt. In einem zwischen den Fronten gelegenen Dorf bleibt als Weißer nur der exzentrische Mr. Watts zurück. Er übernimmt in der Not die Stellung des Dorflehrers und erteilt den Kindern Unterricht in der großen Schule des Lebens. "Wer bin ich? Wie finde ich meinen Platz in dieser Welt?" sind die Fragen, um die es in Mister Pip letzten Endes geht. In einer Zeit der globalen Verunsicherung und der multikulturellen Identitätskrisen verraten sie, warum das Buch trotz seiner scheinbar primär postkolonialen Thematik solch einen Erfolg hat.

In England wurde Mister Pip bereits mehr als 250.000-mal verkauft. Es wurde in mehr als 30 Sprachen übersetzt, gewann den Commonwealth Writers' Prize 2007 und landete im selben Jahr auf der Shortlist des wichtigsten englischen Literaturpreises, des Man Booker. Die Literatur erscheint in Mister Pip als Wegweiser in einer chaotischen und sich in Auflösung befindenden Welt, ein Wegweiser allerdings, der sich im Auge seines Betrachters wandelt, der auch Kreuzungen und Sackgassen bereithält, der einen aber, weiß man ihn zu deuten, "nach Hause bringen kann" . Als Werkzeug der Erkenntnis dient dem Lehrer Mr. Watts der Charles-Dickens-Klassiker Große Erwartungen, aus dem er den Dorfkindern vorliest.

Identitätskonflikte

Die Geschichte des Waisenjungen Philip Pirrip aka Pip im viktorianischen England fasziniert vor allem die 13-jährige Matilda. Sie ist die Ich-Erzählerin des Buches, die ihre Geschichte wie Pip in Große Erwartungen rückblickend berichtet. Inspiriert durch Pips Abenteuer und Mr. Watts' säkulare und frei fliegende Gedanken gerät das pubertierende Mädchen in einen Gewissens- und Identitätskonflikt mit ihrer der Tradition und Religion verhafteten Mutter, die Jones nur scheinbar als Antipode zu der weißen Welt des Mr. Watts aufbaut. In all ihren Gegensätzlichkeiten verbindet die beiden doch ein gemeinsamer moralischer Code, ein Beispiel dafür, wie unvorhersehbar Jones seine vor Überraschungen berstende Handlung und die Komposition seiner komplexen Charaktere ausgeklügelt hat. Pip wird für Matilda schließlich immer mehr zum Freund und letzten Endes sogar zum real bestimmenden Faktor für die Wirklichkeit, die sich in ihrer blutrünstigen Abscheulichkeit zusehends in das Leben von Bougainville drängt.

Jones, dessen einfache, häufig lyrische Sprache eine zusätzliche Magie schafft, hatte Mister Pip in der Entstehungsphase den Arbeitstitel Die Neuentdeckung des Südpazifiks gegeben. Das ist ihm auf hohem Niveau gelungen - mit einer literarischen Feldforschung darüber, wie Geschichten und Mythen die Basis unserer Gemeinschaften schaffen. Das Buch ist bereits der siebente Roman des ausgebildeten Journalisten. Man kann nur hoffen, dass seine anderen Bücher nicht so gut sind. Denn sonst hätte die Welt etwas verpasst. (Ingo Petz, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 13./14.06.2009)

Lloyd Jones, "Mister Pip" . Aus dem Englischen von Grete Oswald. € 9,20 / 320 Seiten. Rowohlt Taschenbuch, Reinbek 2009

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