Nicht das Werk des Vaters!

12. Juni 2009, 18:20
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Ursula Priess hat mit "Sturz durch alle Spiegel" eine "Bestandesaufnahme" über ihren Vater Max Frisch geschrieben

Wenige Wochen nach der Geburt seiner ersten Tochter, im Juli 1943, schrieb Max Frisch einem Jugendfreund, er hoffe, die "liebe Gegenwart" der Neugeborenen werde ihn "von einer unfruchtbaren Egozentrik" befreien und ihn "offener (...) für das Leben der anderen Menschen" machen.

Die Befreiung von der Egozentrik gelang nicht: Als 1954 mit Stiller der Durchbruch als Romanautor gelang, verließ Frisch seine Frau Gertrud von Meyenburg und seine drei Kinder Ursula, Peter und Charlotte, verkaufte wenige Monate nach der Trennung sein Architekturbüro und führte fortan ein Leben als freier Schriftsteller.

Frisch war sich bewusst, dass er sich durch die Trennung gegenüber seinen Kindern schuldig gemacht hatte. In der autobiografischen Erzählung Montauk (1975), in der Frisch herausfinden wollte, was er "schreibend unter Kunstzwang" über sein Leben als Mann erfährt, heißt es: "Ich leugne nicht meine Schuld; sie ist mit langen Briefen, die der erwachsenen Tochter meine damalige Scheidung erklären, nicht zu tilgen. Sie wird gebraucht, unsere Schuld, sie rechtfertigt viel im Leben anderer."

Frischs Schuld ist auch ein halbes Jahrhundert nach der Scheidung und im zweiten Jahrzehnt nach seinem Tod noch immer nicht getilgt. Sie wird gebraucht zur Rechtfertigung eines Buches mit dem Titel Sturz durch alle Spiegel, in dem Frischs älteste Tochter Ursula Priess-Frisch die problematische Beziehung zu ihrem Vater zum Thema macht.

Jahrzehnte nach der Trennung der Eltern kam die Tochter nicht darüber hinweg, dass sie zu dem gehörte, was den Vater - so ihre Sicht der Dinge - "mit Angst besetzte, Angst vor Verstrickung, vor Fesseln, vor Impotenz auch; ich gehörte zu dem, was er zurücklassen musste, um zu überleben".

Belastet war die Beziehung zum Vater aber auch dadurch, dass Max Frisch - so die Auffassung von Ursula Priess - in ihr ein Studienobjekt für seine literarische Produktion sah und dass sie keinen Einfluss darauf hatte, wie er sie sah und was er aus ihr in seinen Büchern machte. "Die Ohnmacht, dann die Angst vor dieser Ohnmacht - denn wo du verhandelt wirst, hast du keinen Zutritt, und das Bild, das von dir entworfen oder eben festgeschrieben wird - du kannst es nicht mitbestimmen."

Scheidungsschuld

Hat Frisch seine Tochter in seinen Büchern tatsächlich "verhandelt" und ein Bild von ihr "festgeschrieben" ? In der Erzählung Montauk, dem einzigen Werk neben dem ersten Tagebuch, in dem sie erwähnt wird, heißt es über sie, dass ihr die Scheidungsschuld des Vaters zur Rechtfertigung ihres Handelns dient und dass es für sie ein Problem ist, durch den Vater zu einer Art öffentlicher Person geworden zu sein.

Erstaunlicherweise entwirft Ursula Priess in Sturz durch alle Spiegel keine Gegenbilder, vielmehr - und das ist geradezu paradox - fixiert sie des Vaters Bild der Tochter und macht sich mit ihrem Buch endgültig zu einer Person des öffentlichen Interesses.

Frischs Tochter schließt ihre "Bestandesaufnahme" mit dem Satz, mit dem Frischs zweite Ehefrau Marianne Frisch-Oellers in Montauk zitiert wird und der - so Ursula Priess - "weiterhin" gelten soll: "Ich habe nicht mit dir gelebt als literarisches Material" . Mit Sturz durch alle Spiegel hat dieser Satz aber an Gültigkeit verloren. Denn in ihrem Buch nutzt Ursula Priess den Vater als literarisches Material; auch sie schreibt unter "Kunstzwang" , wobei zu bemerken ist, dass der Zwang über den Vater zu schreiben groß, der Erkenntnisgewinn für Außenstehende gering und die Kunst der Autorin aufs Imitieren und Zitieren beschränkt ist: Der Titel ihres Buches ist ein Zitat aus Mein Name sei Gantenbein, den Stil und die Struktur ihrer "Bestandesaufnahme" hat sie aus den Werken des Vaters, vor allem den beiden Tagebüchern und Montauk, übernommen.

Fragt man bei Ursula Priess nach, warum sie das Buch geschrieben hat und was sie sich von der Publikation verspricht, schickt sie per Mail Antworten, die hier leider nicht zitiert werden dürfen, denn die Autorin hat sie (obwohl inzwischen Interviews im Tagesanzeiger und im Spiegel erschienen) einige Tage nach dem Versand - ohne einen Grund zu nennen - zurückgezogen.

Sturz durch alle Spiegel ist ein Buch über den berühmten Vater, und es scheint, als habe es Ursula Priess nur aus einem Grund geschrieben: Sie möchte mit ihm die narzisstischen Kränkungen verwinden, die sie durch ihren Vater erfahren hat. Ob das von öffentlichem Interesse und publikationswürdig ist, sei dahingestellt. (Andreas Tobler, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 13./14.06.2009)

Ursula Priess, "Sturz durch alle Spiegel. Eine Bestandesaufnahme." € 19,50 / 176 Seiten. Ammann, Zürich 2009

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