Rundschau: Shakespeare auf Abwegen

Josefson, 20. Juni 2009, 13:10
Bild 1 von 9»
coverfoto: heyne

Stephen Baxter: "Die letzte Flut"

Gebundene Ausgabe, 751 Seiten, € 20,60, Heyne 2009.

Stephen Baxter hat eine echte Begabung, den Menschen in die richtige Relation zu kosmischen Dimensionen zu setzen - selbst wenn er die Weiten von Raum und Zeit einmal gegen den vergleichsweise überblickbaren Schauplatz Erde eintauscht und die Handlung in der allernächsten Zukunft beginnen lässt. Denn als unser Planet in ein neues Erdzeitalter - bezeichnenderweise Hydrozän genannt - eintritt, wird es keine irrwitzig-lächerlichen Rettungsprojekte geben, mit denen alles wieder ins rechte Lot gezwungen werden kann (Atombomben wirken nur im TV-Katastrophenzweiteiler als Allheilmittel). Wie Sturmkrähen ziehen die WissenschafterInnen in "Die letzte Flut" ("The Flood") von einem prognostizierten Ereignis zum nächsten und sehen hilflos mit an, wie die Vorhersagen Realität werden: Von der Überschwemmung Londons und New Yorks über einen Mega-Tsunami, der West-Großbritannien überflutet bis zur Ozeanischen Transgression, als sich das Kaspische Meer über Schwarzes und Mittelmeer dem Weltozean anschließt. Und unerbittlich immer weiter: Vier Karten auf den Einbandinnenseiten zeigen die Weltkarte mit einem um sechs, 100, 400 (da ist Europa bereits weitestgehend dahin) und 1.000 Meter erhöhten Meeresspiegel und stimmen damit schon vorab auf das Geschehen im Roman ein.

Baxter bleibt seinem Ruf, ein Vertreter der Hard SF zu sein, treu - auch wenn die wissenschaftlichen Bezüge diesmal nicht in Astro- und Quantenphysik zu finden sind, sondern auf vertrauter erscheinenden Gebieten wie Klimaforschung, Ozeanographie und Geologie. Wenn manche LeserInnen daher schnell wittern, dass Ausmaß und Geschwindigkeit der Weltenflut in kein bekanntes Klimamodell passen, haben sie Recht. Allerdings bezieht sich Baxter auf eine - spekulative, aber real existierende - Hypothese ganz anderer Art. Diese zu verifizieren, bricht die Wissenschafterin Thandie Jones im Roman zum Mittelatlantischen Rücken auf. Während erst Verkehrswege, dann die Infrastruktur und schließlich ganze Nationen zerfallen, wird es aber bald nicht mehr um die Frage gehen: Warum steigt weltweit das Wasser? Sondern nur noch um: Wann hört es endlich auf?

Die Winzigkeit des Menschen zu demonstrieren ist aber keineswegs dasselbe wie ein inhumaner Grundton, im Gegenteil: Schon für die Einführung der ProtagonistInnen hatte Baxter eine geniale Idee: USAF-Hubschrauberpilotin Lily Brooke, NASA-Klimaforscher Gary Boyle und der britische Offizier Piers Michaelmas verbrachten mehrere Jahre zusammen in Geiselhaft in einem durch Bürgerkriege libanonisierten Spanien. Von Splittergruppe zu Splittergruppe wurden sie weitergereicht und durch die erlittenen Traumata zusammengeschweißt, sodass sie sich nach ihrer Befreiung schwören in Kontakt zu bleiben. Man schreibt inzwischen das Jahr 2016 - und als die frisch Befreiten nach London kommen, stellen sie fest, dass sie in der Gefangenschaft einiges verpasst haben. Aufgestapelte Sandsäcke und Wasserschäden an den Gebäuden gehören in der Metropole  bereits zum Alltag, ohne dass deswegen jemand groß besorgt wäre - erste milde Vorzeichen der Dinge, die da kommen werden.

Durch die enge Verbindung zwischen den Hauptpersonen kann Baxter die räumlichen und zeitlichen Distanzen ("Die letzte Flut" reicht als Chronik bis ins Jahr 2052), die sich aus der globalen Katastrophe ergeben, überbrücken. Mit der Unterstützung des Milliardärs Nathan Lammockson vom Infrastruktur-Unternehmen AxysCorp bereisen Lily, Gary, Piers und Thandie unter immer schwierigeren Umständen die versinkende Welt. Das Mädchen Grace wiederum, als Baby einer weiteren Geisel geboren, wird für die ProtagonistInnen, die allesamt nur geringe persönliche Bindungen haben, nicht nur zu einem familiären Ersatz. Die Fürsorge für Grace wird auch zum Symbol für die Verantwortung gegenüber der Menschheit an sich; zugleich illustriert Graces Entwicklung eine wachsende Entfremdung zwischen deren - möglicherweise letzten - Generationen.

Es gibt so Bücher, auf die freut man sich Monate lang im Voraus - und wenn sie dann da sind, erfüllen sie die Erwartungen voll und ganz. Umso besser, dass noch diesen Sommer die Fortsetzung "Ark", zunächst in der englischen Fassung, erscheinen wird. Beeindruckend!

weiter ›

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 34
1 2

das war jetzt die n+1. rundschau. kommt hier auch mal was ueber lem?

Danke für "Die Strasse"

Seit langen ein Buch, dass ich an einem (Sonn)Tag durchgelesen habe. Sehr bewegende Geschichte...

Neil Gaiman..

hat einige sehr originelle Halb Sci Fi-halb Märchen-Geschichten geschrieben."The Graveyard Book" und "Coraline"(ursprünglich ein Comic) aber auch, für Längerleser, die grossartigen Bücher "American Gods" und "Neverwhere".

"Coraline" war nicht ursprunglich ein Comic. Die Comic-Version basiert auf dem Roman.

nicht zu vergessen "anansi boys"...

Und vor Allem nicht zu vergessen: "The Sandman"

Baxter's Zeitverschwörung hatte im ersten Band vielversprechend angefangen, und wurde dann im Laufe der weiteren 4 Bände fad und enttäuschend...sein bestes Buch immer noch: Zeitschiffe, wo er H.G.Wells wirklich sehr nahe kommt.
Mal sehen ob "die letzte Flut" (warum muss ich jetzt an "der Schwarm" denken...) uns wieder zu Freunden macht ;-)

Ich fand eigentlich Zeit/Raum und Transzentenz ganz gut geschrieben.

zeit/raum/ursprung sind tatsächlich feine bücher, aber halt schon recht nerdig. zeitschiffe ist echt ziemlich groß, am besten fand ich allerdings evolution.

baxter hat halt einen etwas engen horizont bei seinen charakteren... die ähneln sich alle irgendwie. vor allem bei der zeitverschwörung hat er es vier romane lang geschafft, alle weiblichen figuren nach dem selben muster zu stricken.

Shakespeare und Sci-Fi? Was für ein Zufall, gerade habe ich Ilium von Dan Simmons in der Hand ...

ich auch

nicht schlecht, aber hyperion hat mich schneller gefesselt.

Warum die Rama-Bücher (oder zumindest das erste) als Meisterwerk(e) gelten, muss mir auch mal wer erklären. Ich schätze Clarke sehr, aber Rama ist langweilig.

hat neil gaiman jemals etwas schlechtes geschrieben?

Etwas schlechtes? Nicht wirklich (und ich hab eigentlich alles im Original). Einige Sachen sind etwas schwächer, aber immer noch gut. Im allgemeinen gilt: Je kürzer, desto besser. Bei "American Gods" hat er sich z.B. fast ein bischen überhoben.

american gods war imho großartig!
allein der dialog:
"Hey Raven! Say Nevermore."
"Fuck you!"

ich hab tränen gelacht

Zustimmung. Es hat tolle Momente. Hab auch nie behauptet, es wäre schlecht, ganz im Gegenteil. Aber es hat doch hin und wieder einige Längen.

american gods war eigentlich immer ineressant und die einzigen längen waren entweder erklärend oder rückblickend - aber langeweile kam nie auf!
(also jetzt verglichen mit karl may, j.r. tolkien oder wolfgang hohlbein wo es ECHTE längen gibt ;) )

Diese Rama Bücher hab ich doch schon vor ~10 Jahren auf Englisch gelesen? Kommen die etwa erst jetzt auf Deutsch?

Ich möchte dem ehrenwerten Kompilator dieser Rezensionen

nicht zu nahe treten, aber die diesmonatige Rundschau ist: Langweilig.
Bei kaum einem der vorgestellten Bücher stellt sich der Wunsch (bei mir) ein es zu kaufen und zu lesen. Vor allem das letzte, aber auch das erste. Katastrophenszenarien sind ja ziemlich abgeschmackt und das Hydrozän hat immerhin schon begonnen, langsam und unmerklich...
Was den Moore betrifft so hatte ich gehofft ihn hier niemals anzutreffen, er schreibt weder SF noch Fantasy und ist auch sonst nicht ernst zu nehmen.
Eine Empfehlung möchte ich machen für die Freunde der orientalischen Fantasy: Aman Akbars Harem, von Elizabeth Scarborough.
Dann noch "The Thrall and the Dragon's Heart" von Elizabeth H. Boyer, als Skandinavische Fantasy im Elfenreich.

McCarthy´s Die Straße kann ich jedem ans Herz legen. Alleine der Sprache wegen.

Wenn ich das Wort 'Elfen' nur höre, ziehts mir alles zusammen. Der Fantasy-Boom der letzten Jahre geht wirklich zu weit - es ist ein Genuss, hier was über SciFi zu lesen.

stimmt!

jedesmal wenn man in Österreich in eine Buchhandlung geht und dann nach langem suchen die (lächerlich kleine) SF&F Abteilung findet muss man die SF Werke zwischen Elfen und Drachen heraussuchen!

Ich finde die S/SF Abteilung bei Thalia eigentlich ganz beachtlich, wenn man es mit anderen Geschäften vergleicht.

Die Preis sind aber teilweise schon recht frech.

selbst schuld

wenn sie sich "die straße" von mc carthy entgehen lassen, sind sie wirklich selbst schuld.

definitiv die beste endzeit geschichte, die jemals erzählt wurde.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 34
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.