Leopold Bloom - ein echter Österreicher

12. Juni 2009, 16:37
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Hat der vielleicht berühmteste Romanheld der Moderne Wurzeln hierzulande? Eine Suche aus Anlass des Bloomsday am 16. Juni

"Wir können das Land nicht ändern, also ändern wir das Thema." (Ulysses, 808)

Rund um den Erdball wird am 16. Juni Bloomsday gefeiert. Seit der "Guinnesis" (Ulysses, 184) dieses Romanwunders und seines weltweiten Siegeszuges steht der Annoncenakquisiteur Leopold Bloom im Zentrum einer feuchtfröhlichen Aufmerksamkeit. Und mit ihm Dublin, dem er dank seines Schöpfers James Joyce wandernd ein Denkmal gesetzt hat. Und nun das: Bloom ein Österreicher? Gar ein echter? Doch wen wundert das in einem Land, dessen Ehrgeiz darin besteht, erfolgreiche Ausländer einzugemeinden und den weniger Seitenblicke-tauglichen Rest mit einem nassen Gschirrhangl davonzujagen? Da nimmt es sich geradezu selbstverständlich aus, auch noch den Protagonisten des größten Romans des 20. Jahrhunderts ungeniert zu austrifizieren.

Dennoch, und auch, wenn das als wenig patriotischer Akt gewertet wird, die Sache verdient untersucht zu werden. Nähern wir uns daher der Verösterreicherung Blooms in zwei vorsichtigen, aber unerbittlichen Schritten. Pirschen wir uns an seine Identität heran.

Schritt 1

Nähern wir uns vielleicht dem Österreichischen als solchem, wie es den Ulysses bevölkert. So etwa bereits auf Seite 47 (ich beziehe mich auf die deutsche Übersetzung der Gesamtausgabe 1975 – nach Notation der Critical Edition: 2, 333), wo zu lesen steht: "Die kaiserlichen Pferde in Mürzsteg, Niederösterreich." Es handelt sich um jene Episode im zweiten Kapitel des Ulysses, in welcher Stephen Daedalus zu seinem Arbeitgeber Direktor Deasy zitiert wird und den Auftrag erhält, einen Artikel gegen England in einer irischen Zeitung unterzubringen.

Konkret geht es darum, dass aufgrund der Maul- und Klauenseuche, die in Irland 1904 wütet, ein britisches Importverbot die irischen Bauern ihrer Existenzgrundlage zu berauben droht, – der Schuldirektor aber darauf verweist, dass in Österreich ein Mittel gegen die Seuche erfolgreich zur Anwendung käme. Der Hintergrund dieser etwas verzerrten Einführung Österreichs in den Ulysses – verzerrt, da Mürzsteg zur Steiermark zählt und nicht zu Niederösterreich – ist, wie so häufig bei Joyce, ein selbstironisierend-autobiografischer: 1912 wandte sich der Subdirektor der Eastern Telegraph Company an Joyce mit der Bitte, einen Artikel über die Maul- und Klauenseuche an den Parlamentsabgeordneten William Field zu übermitteln, in dem er davon berichtete, dass in Österreich die heimtückische Tierkrankheit mit großem Erfolg behandelt würde.

Joyce kam diesem Wunsch nach, ja er verfasste in der Folge selbst auch noch einen Artikel zu diesem Thema. Interessanterweise wird in Prices Schreiben Mürzsteg korrekt der Steiermark zugerechnet. Die wissentliche Dislozierung im Ulysses ist daher eine bewusste Häme, die Joyce dem dümmlichen Schulleiter Mr. Deasy an jenem Morgen des16. Juni 1904 angedeihen lässt.

Mürzsteg indessen, zumal das dort befindliche Jagdschloss, steht von alledem unberührt auch heute noch am Ufer des namensgebenden Bächleins und beherbergt die Trophäen zahlreicher habsburgischer Jagdvergnügen. Ja, Kaiser Franz Joseph war ein fleißiger Waidmann. Dass er selbst nicht Opfer einer aggressiven Attacke wurde – weniger durch einen Hirschen als durch einen Ungarn -, verdankte er wiederum einem Iren: dem in habsburgischen Diensten stehenden Grafen Maximilian O'Donnell, der im Jahr 1853 den jungen Kaiser bei einem Messerattentat rettete, das ein ungarischer Schneidergeselle beim Kärntnertor verübte.

Diese Heldentat brachte dem Grafen nicht nur die Genehmigung zum Bau einer Villa im Garten von Mirabell ein, sondern auch die Erwähnung im Ulysses: "Ein Ire hat ihm das Leben gerettet auf den Wällen von Wien. Vergesst das nicht! Maximilian Karl O'Donnell, Graf von Tirconnel in Irland. Hat jetzt noch seinen Erben rüber geschickt, um den König zum österreichischen Feldmarschall zu machen. Eines Tages wird dort noch Unheil. Wildgänse. Oh, ja, jederzeit. Vergesst das nicht!" (186)

Und damit ist auch schon einer der wichtigsten Begriffe gefallen, die Österreich und den Ulysses verbinden: die Wildgänse, wie die irischen Emigranten genannt wurden, die ab dem 17. Jahrhundert aus ihren Heimatland flohen. Wie etwa Feldmarschall Browne, dessen militärische Bravourstücke von Maria Theresia mit dem von ihr gestifteten und nach ihr benannten Orden ausgezeichnet wurden. Und schließlich wurde ihm auch noch der Orden vom Goldenen Vlies verliehen – der im Ulysses ebenfalls erwähnt wird (740). Dass Browne höchstselbst in den Ulysses fand (458), ist aber wohl weniger seinen militärischen Fähigkeiten zuzuschreiben, als seinem Vornamen: Ulysses.

Mit O'Donnell und Browne sind gleich zwei irischstämmige Träger des Maria-Theresien-Ordens im Ulysses präsent. Ein dritter hielt sich zeitgleich mit Joyce – aber noch bevor er seine auszeichnungswürdigen Leistungen erbracht hatte – in Triest auf: Gottfried Banfield, damals, wenn wir die ersten paar Seiten des Ulysses, die Joyce in Triest verfasste, auf zum Beispiel 1914 datieren, gerade einmal 24 Jahre alt und damit acht Jahr jünger als sein literarisch ambitionierter Landsmann. 1917 wurde Banfield mit dem Maria-Theresien-Orden ausgezeichnet. Der Vollständigkeit wegen muss man hinzufügen, dass Banfield 1986 als letzter Maria-Theresien-Ritter in Triest verstarb. Und damit auch als letzter Vertreter der Wildgänse "in österreichischen Diensten" .

Schritt 2

Triest war es auch, wo sich Joyce mit dem Nationalitätenproblem der k. u. k. Monarchie auseinanderzusetzen begann. Dieses bildet denn auch den Hintergrund für den zweiten Schritt zur erfolgreichen Austrifizierung des Leopold Bloom. Speziell die Unzufriedenheit der italienischen Minderheit und der Ungarn sind beständiges Thema im Ulysses. So etwa, wenn "Hauptmann Hainau, österreichisches Heer" (877) in Zusammenhang mit einer Vergewaltigung erwähnt wird. Tatsächlich war Julius Jakob, Baron von Haynau bei der Niederschlagung der revolutionären Ausbrüche 1848 und 1849 durch seine besondere Brutalität in Italien wie auch in Ungarn berühmt geworden. "Die Hyäne von Brescia" und der "Blutrichter von Arad", zwei nur bedingt schmeichelhafte Beinamen, skizzieren ein ungefähres Bild seines Wirkens in diesen beiden Teilen der österreichischen Monarchie.

Italiener und Ungarn sind es schließlich auch, die maßgeblich zur Gestaltung jenes Leopold Bloom dienten, der dann an jenem 16. Juni 1904 so unbeholfen und doch weise durch Dublin stolpert. Von Italo Svevo ist bekannt, dass er Bloom einige Charaktereigenschaften lieh, manche Wissenschafter gehen sogar so weit, das Freundespaar Svevo-Joyce im Ulysses als Bloom-Daedalus wiedererkennen zu wollen. Unbestritten ist, dass der Altersunterschied bei beiden Paare in etwa ident ist und problemlos als Vater-Sohn-Beziehung durchgeht.

Eine weitere Person, die wesentliche Eigenschaften an Leopold Bloom abgeben durfte, war Theodoro Mayer, ein Triestiner Zeitungsherausgeber, dessen Vater – wie jener Blooms – aus Ungarn stammte. Dass Bloom mitunter im Ulysses als "Leopoldo" angesprochen und bezeichnet wird, mag daher auch eine phonetische Anspielung auf Theodoro Mayer sein. Und wie Svevo war auch Mayer Jude. Und er war italienischer Nationalist. Hinzu tritt der Umstand, dass Joyce auf die Frage, weshalb Blooms Vater ausgerechnet ungarischer Abstammung sei, klarstellte: "Weil er es war."

Ungarn spielt aber nicht nur im Stammbaum Blooms eine bedeutende Rolle. In den ersten Monaten des Jahres 1904 verfasste Arthur Griffith eine Serie von Artikeln unter dem Titel: "Resurection of Hungary", worin die Unabhängigkeit Ungarns als Modell für jene Irlands diente. Im 12. Kapitel des Ulysses wird Griffith mehrfach erwähnt, das Konzept einer "Auferstehung" Irlands aus dem Geiste ungarischen Nationalismus aber wird Bloom zugeschrieben: "... er ist es gewesen, der alle Pläne nach dem ungarischen Modell entworfen hat." (469)

Die endgültige, definitive und vorbehaltlose Verösterreicherung Blooms findet sich freilich im berühmt-berüchtigten 15. Kapitel des Ulysses, das im Stile von Artauds Theater der Grausamkeit die Schriften von Richard von Krafft-Ebing und Leopold (!) von Sacher-Masoch, aber auch die Theorie des "weiblichen Mannes" (660) von Otto Weininger verarbeitet. Auf Seite 650 schlüpft Bloom in die Rolle Kaiser Leopolds I.: "Sehet, hier steht euer unzweifelhafter Kaiserpräsident (...). Gott schütze Leopold den Ersten!" Als solcher kämpft Bloom gegen die Sarazenen (652), ganz genauso wie sein historisches Vorbild. Pikant freilich ist, dass der habsburgische Kaiser nicht nur die Juden aus Wien vertrieb, sondern auch durch seine zentralistische Machtausübung Aufstände in Ungarn provozierte. Die Rolle, in die Bloom hier schlüpft, ist also durchwegs zwiespältig für den irischen Spross ungarischer Juden. Prompt scheitert der Kaiserpräsident Leopold Bloom im Circen-Kapitel mit seinem Reformprogramm und flieht.

Diese Episode lässt uns nun auch die drängende Frage beantworten, ob Leopold Bloom ein Österreicher war. Die Antwort lautet kaum verwunderlich: Ja. Wenngleich nur in seinen Albträumen. (Meinhard Rauchensteiner, ALBUM – DER STANDARD/Printausgabe, 13./14.06.2009)

Empfehlenswerte deutsche Ausgaben des "Ulysses" sind z. B. die wohlfeile Suhrkamp-Taschenbuchausgabe (16 Euro) bzw. die teurere kommentierte Ausgabe im selben Verlag (50 Euro).

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