Aufsichtsräte: Wege aus den alten Freundeszirkeln

12. Juni 2009, 17:00
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Zu wenig international besetzt, keine externe Evaluation, zu geringe Sitzungsfrequenz, kaum Frauen - so die wesentlichsten Kritikpunkte

Aufsichtsgremien in Österreich geben kein diverses Bild ab - sie spiegeln eher die Eigentümerpolitik wider. Eine Runde mit konkreten Vorschlägen, um ein sich selbst perpetuierendes System zu reformieren, aufzubrechen.

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Eine "Elitezirkulation - fast im Schumpeter'schen Sinn", sagt Helmut Kasper, Leiter des Institutes für Change Management und Management Development an der Wirtschaftsuniversität Wien (WU), ohne Eifer und mit viel Humor zur Besetzungspraktik in heimischen Aufsichtsgremien. Er wird jetzt gemeinsam mit Edeltraud Hanappi-Egger, Chefin der Abteilung Gender and Diversity in Organizations an der WU Kompetenzprofile für Aufsichtsratsfunktionen erstellen. Das ist ein Ergebnis der aktuellen Diskussionsrunde im STANDARD- Governance-Circle. Experten diskutieren hier regelmäßig notwendige Verbesserungen zum Thema der Unternehmensführung.

Seilschaften


"Welche diversen Zugänge braucht es?", formuliert Hanappi-Egger das Wunschherangehen an die Zusammensetzung der Aufsichtsgremien, ansonsten werde "weiter in einem Mischmasch aus Seilschaften im Selbstrekrutierungsverfahren more of the same" diskutiert. "Kompetenzenbündel, Perspektivenbündel und eine gute Rollenverteilung", nennt Unternehmensberaterin Marlies Buxbaum in ihrer Rolle als Assessorin die Felder, aus denen heraus ein solches Gremium zusammenzustellen sei. Und: "Die Moderatorenfunktion des Aufsichtsratschefs ist ganz wichtig - sie macht das Gremium erst arbeitsfähig."

Dass allerdings meistens Vertraute, Berechenbare, Nichtgefährliche vom Eigentümer gesucht würden, formulierte Wilhelm Rasinger, umtriebiger Präsident der Anlegerschützer IVA die Kluft zwischen Sein und Soll. Er sitzt auch im heimischen Corporate-Governance-Komitee rund um den Kapitalmarktbeauftragten der Regierung. Dort will er auch anregen, was der Runde ein Anliegen ist: Einen Pool, eine Liste von Frauen, die auch Gender-Diversität in die Gremien bringen können. Allerdings merkt er, selbst Aufsichtsrat an, dass er diesbezüglich die Erste Bank für vorbildlich halte.

Corporate-Governance-Kodex

Dennoch: Der heimische Corporate-Governance-Kodex wurde ja gerade überarbeitet - insofern bliebe diesem Gremium nun Zeit, sich operativ um Diversität zu kümmern.
Dies zu initiieren ist ein weiteres konkretes Ergebnis der Diskussionsrunde. Hanappi-Egger reicht das nicht - sie glaubt, ohne gesetzliche Rahmen nicht an „Selbstregulierung" - weil das Thema von der Betroffenenseite, den Frauen, angegangen werde, nicht von der Verantwortungsseite. Also: Wirtschafts- und Finanzministerium, nicht Frauenministerium - Frauenquoten per Gesetz. Buxbaum sieht das als Beschneidung der Eigentümerfreiheit und setzt auf "Bewusstseinsbildung bei den Kernaktionären".

Der Wunsch nach einem Frauen-Pool in Form einer Auflistung kommt von Winfried Braumann. Er steht an der Spitze des Industrieportfolios der B&C-Holding und will sich aktiv um kulturelle Verbesserungen in den heimischen Gremien kümmern. Für Österreich wünscht er sich so etwas wie das Directors Institute in Großbritannien, eine Vereinigung von Fachleuten, die nicht nur Expertisen abdecken, sondern auch Kompetenzprofile und Ausbildungen im Portfolio haben.

Zu wenig international besetzt

Denn: Der jüngste Befund einer Studie von Heidrick & Struggles, scheint ihm "sehr nahe an der Realität". Dort landen die heimischen Aufsichtsboards an letzter Stelle von 13 untersuchten europäischen Ländern: Zu wenig international besetzt, keine externe Evaluation, zu geringe Sitzungsfrequenz, kaum Frauen - so die wesentlichsten Kritikpunkte.

Zudem beschäftigten sich die heimischen Aufsichtsgremien zu viel mit Kontrolle, zu wenig mit Strategie. Braumann stimmt Letzterem zu und plädiert für einen "viel systematischeren Informationsaustausch vom Vorstand zum Aufsichtsrat".

25.000 Euro pro Jahr

Es bedürfe dazu häufigerer Sitzungen (nicht bloß vier oder fünf im Jahr), kompetenter Ausschüsse und besserer Entlohnung in Form von Tagessätzen. Derzeit liegt die jährliche Remuneration von Aufsichtsräten in Österreich bei rund 25.000 Euro.

Zur Frage des strategischen "Einmischens" des Aufsichtsrates spaltet sich allerdings die Runde: Helmut Kasper etwa berichtet von der Gefahr der Intervention ins Management des Unternehmens, von "Koführung". Es gehe um Fremdsicht im strategischen Diskurs, nicht um Strategieentwicklung. Marlies Buxbaum bemüht das Aktienrecht und seine klare Funktionstrennung.
Hanappi-Egger: "Man müsste sich vom Vorstand schon erhoffen dürfen, dass er genau so ein konstruktiv-kritikfähiges Gremium will, um die Qualität seiner Entscheidungen zu steigern."

Mandatsbeschränkung

Mit detaillierten Änderungswünschen sparte die Runde auch nicht: Rasinger hält etwa eine Mandatsbeschränkung auf fünf für sinnvoll, dies bei erweiterter Sitzungsfrequenz und Intensität. Ebenso motiviert er dazu, eine zeitliche Befristung des Mandats festzuschreiben: "Sie wissen ja, wie das ist, wenn man gemeinsam alt wird ...", sagt er zu unerwünschten Gewöhnungseffekten. (Karin Bauer/DER STANDARD; Printausgabe, 13/14.6.2009)

 

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