Organe sind keine "Einzelgänger"

12. Juni 2009, 12:34
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oder wie die Leber die Lunge krank macht

Salzburg - Organe und Organsysteme beeinflussen einander in Gesundheit und Krankheit ständig. Deshalb steht die diesjährige Tagung der Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie (ÖGP) in Salzburg auch unter dem Generalthema "Die Lunge im Zentrum". Einerseits können Lungenerkrankungen weitere Komplikationen auslösen, andererseits verursachen pathologische Prozesse in anderen Organen wiederum Krankheiten der Lunge.

Ein Beispiel dafür ist das sogenannte hepatopulmonale Syndrom (HPS). "Dieser Begriff wurde erstmals 1977 geprägt. Beim hepatopulmonalen Syndrom handelt es sich um eine von der Leber ausgelöste Störung der Funktion der Lungengefäße", erklärte Robert Rodriguez-Roisin von der Universitätsklinik in Barcelona.

Das HPS ist eine Störung des Gasaustausches in der Lunge, bei der beim Patienten dadurch eine zu geringe Versorgung mit Sauerstoff auftritt. Im Endstadium einer Leberzirrhose - zum Beispiel im Rahmen einer chronischen Virus-Hepatitis oder als Folge von langem Alkoholmissbrauch - entwickelt sich bei fünf bis 29 Prozent der Betroffenen einen solches Syndrom.

Zusammenhänge nur teilweise geklärt

Die Ursachen für die Fehlfunktion der Lunge sind bisher nur zum Teil geklärt. "Hervorstechend in der Entwicklung des hepatopulmonalen Syndroms ist eine starke Erweiterung der Kapillargefäße der Lunge, auch wenn der Patient im Ruhezustand ist. Die Kapillargefäße haben normalerweise einen Durchmesser von weniger als acht Tausendstel Millimeter. Der Durchmesser kann aber im Krankheitsfall auch bis zu 0,1 Millimeter erreichen (das Hundertfache, Anm.) Es kommt auch zu einer Vermehrung der dilatierten Blutgefäße", erklärte der Experte.

Wahrscheinlich steckt hinter dem Erscheinungsbild des Syndroms ein auftretendes Ungleichgewicht zwischen gefäßerweiternden und gefäßverengenden Faktoren in der Lunge. Hormone wie Prostazyklin und in den Gefäßwänden gebildetes Stickstoffmonoxid (NO) dürften dieses Ungleichgewicht auslösen. Durch "Gefäßkurzschlüsse" kann es auch zur Vermischung von sauerstoffarmen venösen Blut und sauerstoffreichen arteriellen Blut kommen, was die Sauerstoffunterversorgung verschärft.

Isolierte Organerkrankungen weniger gefährlich

Das hepatopulmonale Syndrom als Komplikation einer schweren chronischen Lebererkrankung selbst ist - abgesehen von dem Grundleiden - selbst buchstäblich lebensgefährlich. "Die durchschnittliche Lebenserwartung beträgt etwa zwei Jahre. Die Fünf-Jahres-Überlebensrate betrug bei Patienten, die für eine Lebertransplantation nicht geeignet waren, 23 Prozent", stellte Rodriguez-Roisin fest.

Damit wird HPS offenbar gefährlicher als die ihm zugrunde liegende Lebererkrankung. Der spanische Experte: "Patienten mit einer vergleichbaren Lebererkrankung ohne HPS überlebten im Durchschnitt 87 Monate und lebten nach fünf Jahren noch zu 63 Prozent."

Bisher sind alle Versuche, eine wirksame medikamentöse Therapie für das hepatopulmonale Syndrom zu entdecken, nicht besonders erfolgreich gewesen. Gegen die Symptome hilft eine Sauerstofftherapie. Wirklich zum Verschwinden bringen kann man HPS offenbar nur durch eine Lebertransplantation. Der spanische Experte: "In der bisher größte Transplantationsserie bei Patienten mit HPS in einem Krankenhaus konnte durch die Organverpflanzung eine Fünf-Jahres-Überlebensrate von 76 Prozent erreicht werden. Das unterscheidet sich nicht wesentlich von Patienten ohne HPS, die eine Spenderleber erhielten." (APA)

 

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