"Die Grenze zum Rausch übersehen"

14. Juni 2009, 19:11
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Notenschluss, Partys, Betrunkensein - Psychologe Alfred Uhl und Kinderarzt Herbert Kurz über Kinder und Jugendliche, die alkoholisiert im Spital landen

Psychologe A. Uhl sieht das Alkoholproblem Jugendlicher realistisch, Kinderarzt H. Kurz betreut Betrunkene im Spital.

Standard: Für viele Jugendliche beginnt dieser Tage die große Freiheit. Beginnt die Zeit des Komasaufens?

Uhl: Der Begriff Komasaufen ist eine Erfindung der Medien und entspricht nicht der Realität. Die wenigsten Kinder und Jugendlichen werden in einem komatösen Stadium eingeliefert, die überwiegende Mehrzahl ist ansprechbar und nicht bewusstlos. Jugendliche trinken so wie Erwachsene eher, wenn sie am nächsten Tag nicht aufstehen müssen. Es ist daher anzunehmen, dass ab Ferienbeginn die Zahl der betrunkenen Jugendlichen leicht ansteigen wird.

Standard: Hat die Zahl alkoholisierter Jugendlicher in den letzten Jahren zugenommen?

Uhl: Dafür gibt es keinen klaren Hinweis, einiges spricht aber dafür, dass es tendenziell weniger Fälle gibt. Die Spitalsentlassungsstatistik, die einen deutlichen Anstieg suggeriert, ist aus vielen Gründen irreführend. Ganz generell ist es aber so, dass Jugendliche früher reif werden und all jene Dinge, die zur sogenannten Erwachsenenwelt gehören, früher machen. Deshalb findet heute auch der erste Rausch früher statt.

Standard: Wer betrinkt sich?

Kurz: Das Phänomen betrunkener Jugendlicher zieht sich durch alle gesellschaftlichen Schichten und Ausbildungsstufen.

Uhl: Wir unterscheiden drei Gruppen: Zwei Drittel all jener Jugendlichen, die ins Spital eingeliefert werden, hatten nicht die Absicht, sich stark zu betrinken. Der Rausch ist ihnen einfach passiert. Wir bezeichnen das als "Trinkunfälle". Die zweite Gruppe besteht aus jenen Jugendlichen mit einer Reihe von psychosozialen Problemen etwa in der Schule, mit den Eltern oder durch Gewalt in der Familie; da ist Alkohol weniger die Ursache des Problems, sondern nur ein Symptom. Hier besteht Handlungsbedarf. Solche Jugendliche brauchen Unterstützung, denn sie verwenden Alkohol als eine Art Lösungsmittel für Probleme. Und schließlich gibt es eine sehr kleine Gruppe ohne relevante psychosoziale Probleme, für die exzessives Trinken ein wichtiger Bestandteil ihres sozialen Lebens ist. Das ist eine Art Subkultur.

Standard: Warum betrinken sich Jugendliche?

Uhl: Alkoholkonsum ist in unserer Gesellschaft fix verankert, Teil unserer Gesamtkultur und mit sozialen Anlässen verbunden. Deshalb ist es logisch, dass Jugendliche an der Schwelle zum Erwachsensein auch Alkohol ausprobieren. Wer damit noch keine Erfahrung hat, der wird auch schneller betrunken und kann die Grenze zum Rausch leicht übersehen. Wir sollten uns dabei grundsätzlich mehr Sorgen machen um all jene, die nach sechs Viertel Wein kaum betrunken sind, als um jene, die schon nach einem Viertel einen Rausch haben.

Kurz: Viele, die bei uns ins Spital eingeliefert werden, haben ihre Grenzen ausgelotet, oft wird Alkoholkonsum als eine Art Initiationsritus, als Zeichen des Erwachsenseins gesehen. Die, die dann bei uns aufwachen, sind sehr betroffen über das, was ihnen da passiert ist.

Standard: Womit betrinken sich Jugendliche?

Kurz: Diejenigen, die bei uns im Spital landen, haben meistens harte Getränke, oft Wodka, getrunken.

Uhl: Wer an Alkohol nicht gewöhnt ist, dem schmeckt vieles nicht. Bier ist zu bitter, Wein zu sauer, und Schnäpse brennen in der Kehle. Deshalb sind süße alkoholische Getränke oder hochprozentiger Alkohl, gemixt mit Fruchtsäften, sehr beliebt.

Standard: Was passiert mit Jugendlichen, die ins Spital eingeliefert werden?

Kurz: Sie werden behandelt. Wir messen den Alkoholspiegel, überprüfen, ob auch andere Substanzen im Spiel sind, und überwachen bei Bewusstlosigkeit auch die Atmung und die Herzfunktion via Monitor. Zusätzlich geben wir Infusionen, um den Kreislauf zu unterstützen und den Alkohol schneller aus dem Körper rauszubekommen. Viele, die eingeliefert werden, sind stark unterkühlt - auch im Sommer, auch darum kümmern wir uns. Die wenigsten müssen auf die Intensivstation.

Standard: Ist es denn eigentlich notwendig, dass alkoholisierte Jugendliche in Spital kommen?

Kurz: Unbedingt. Jeder betrunkene Jugendliche, der bewusstlos ist, ist ein Behandlungsfall, darüber gibt es keine Diskussion. Gefährlich sind nämlich die Komplikationen wie das Einatmen von Erbrochenem oder die Unterkühlung. Kombinierte Vergiftungen können lebensbedrohlich sein. Deshalb appelliere ich an die Jugendlichen, aufeinander aufzupassen und im Ernstfall, also bei Bewusstlosigkeit, die Rettung zu holen.

Standard: Spielt nicht die Angst vor den Kosten eine Rolle?

Kurz: Wir haben immer wieder die Diskussion mit Rettungsdiensten und der Sozialversicherung, die wollen, dass Eltern für die Kosten der Behandlung ihrer Kinder aufkommen, weil die Jugendlichen die Situation ja selbst verschuldet haben. Ich denke, die Diskussion läuft falsch. Bewusstlose müssen eingeliefert werden, es gibt auch viele andere Situationen, in denen Unfälle selbst verschuldet sind.

Uhl: Die Frage der Kostenrück- erstattung ist in jedem Bundesland anders geregelt. In Wien werden den Eltern sowohl der Aufenthalt als auch die teure Rettung in Rechnung gestellt, in Oberösterreich nur die Rettung.

Standard: Wie teuer kommt dann so ein Rausch?

Uhl: In Wien durchwegs auf deutlich mehr als 1000 Euro, das hängt aber vom Spital ab. Seit einigen Monaten gibt es aber ein Urteil des Obersten Gerichtshofes, dem zufolge bei Alkoholvergiftungen Krankentransport und Behandlung von den Krankenkassen zu übernehmen sind. Damit sollte die Diskussion bald vorbei sein.

Standard: Wie sollen Eltern reagieren, wenn sie ihre Sprösslinge im Spital abholen?

Uhl: Es gibt kein Patentrezept, denn schlussendlich kommt es auf das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern an. Extreme sind hier ungünstig, vollkommene Panik genauso wie Gleichgültigkeit. Bei "Trinkunfällen" ist ein Gespräch darüber, wie so was zukünftig vermieden werden kann, sehr zweckmäßig.

Kurz: Wir erleben da ein sehr breites Spektrum. Auch für die meisten Eltern ist die Situation ja vollkommen neu. Sie haben Ängste, verstehen nicht, wie es dazu kommen konnte. Wir klären da natürlich dann auch die besorgten Eltern auf, rücken die Dinge ins rechte Licht, erinnern bei übertriebener Panik Eltern auch einmal daran, dass auch sie wie die allermeisten Österreicher schon einmal einen Rausch hatten. Wir gehen jedenfalls ohne erhobenen Zeigefinger in solche Gespräche hinein. Psychosozial auffällige Jugendliche vermitteln wir an unsere Psychologinnen, die ihrerseits langfristige Betreuung organisieren.

Uhl: Diese Gruppe ist stärker gefährdet, und es gibt für sie leider wenige Therapieangebote.

Standard: Gibt es Richtlinien zur Nachbetreuung betrunkener Jugendlicher?

Uhl: Nein. Manche Spitäler schicken leicht betrunkene Jugendliche sofort nach Hause, wenn die Eltern kommen, um sie abzuholen, andere behandeln über Nacht, und manche schicken sie in der Früh ohne jedes Aufklärungsgespräch wieder nach Hause, andere involvieren Psychologen und Sozialarbeiter.

Kurz: Uns am Donauspital ist es wichtig zu vermitteln, dass Alkoholintoxikation eine Lebensgefährdung bedeutet - dessen sollten sich Jugendliche schon sehr deutlich bewusst werden. Kategorische Strafen wie Ausgehverbot, das die Eltern dann verhängen, sind für diese Erkenntnis wahrscheinlich nicht förderlich. Das Ereignis sollte eher ein Anlass sein, um miteinander zu reden.

Standard: Gibt es einen idealen Umgang mit Alkohol?

Uhl: Alkohol schadet der Gesundheit, deshalb kann man den exzessiven Konsum, auch wo er kulturell verankert ist, nicht positiv werten. Inwieweit aber ein gelegentlicher, feuchtfröhlicher Abend ein Teil von Lebensqualität sein kann ist letztendlich eine ethisch-moralische Frage, die jeder für sich selbst treffen muss. Ich habe den Eindruck, dass in den letzten Jahren das Wissen über die mit Alkohl verbundenen Gefahren sehr gestiegen ist.

Standard: Könnte man diesen Trend noch unterstützen?

Uhl: Es gibt Veranstaltungen, die mit All-inclusive-Angeboten zu exzessivem Alkoholkonsum geradezu animieren - etwa "Zahl zwei, trink drei Bier" oder Tequila-Partys, bei denen man zu fixen Eintrittspreisen unbegrenzt konsumieren kann. Das finde ich problematisch. Man müsste hier zusammen mit Gastronomen Möglichkeiten finden, das zu verhindern. Rauschexzesse sind ja auch nicht im Sinne der meisten Wirte. Gegen schwarze Schafe in der Gastronomie sollte man aber gemeinsam vorgehen.  (Karin Pollack, DER STANDARD Printausgabe, 15.06.2009)

 

  • Alfred Uhl(55) ist Psychologe und seit 1977 am Ludwig Boltzmann Institut für Suchtforschung beschäftigt. Seit zehn Jahren leitet er die Alkoholkoordinations- und Informationsstelle am Anton Proksch-Institut in Kalksburg. Seine Spezialgebiete: Epidemiologie, Prävention, Alkohol- und Drogenpolitiik. Uhl ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt in Wien.
    foto: standard/andy urban

    Alfred Uhl(55) ist Psychologe und seit 1977 am Ludwig Boltzmann Institut für Suchtforschung beschäftigt. Seit zehn Jahren leitet er die Alkoholkoordinations- und Informationsstelle am Anton Proksch-Institut in Kalksburg. Seine Spezialgebiete: Epidemiologie, Prävention, Alkohol- und Drogenpolitiik. Uhl ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt in Wien.

  • Herbert Kurz (49) ist Facharzt für Kinder- und Jugendheilkunde und seit 1997 im Donauspital tätig, seit einem Jahr leitet er interimistisch die Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde. Neben Allgemeinpädiatrie sind seine Schwerpunkte Neonatologie und pädiatrische Pulmonologie. Kurz hat drei erwachsene Söhne und lebt in Wien.
    foto: standard/heribert corn

    Herbert Kurz (49) ist Facharzt für Kinder- und Jugendheilkunde und seit 1997 im Donauspital tätig, seit einem Jahr leitet er interimistisch die Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde. Neben Allgemeinpädiatrie sind seine Schwerpunkte Neonatologie und pädiatrische Pulmonologie. Kurz hat drei erwachsene Söhne und lebt in Wien.

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    In den seltensten Fällen werden Kinder oder Jugendliche komatös in Spitäler eingeliefert.

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