Das Dilemma mit Paracetamol

14. Juni 2009, 19:00
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Kinder fiebern lassen? - In neuen Studien wird der Zusammenhang zwischen Paracetamol und erhöhtem Asthma-Risiko diskutiert

Paracetamol ist einer der weltweit am häufigsten eingesetzten Medikamentenwirkstoffe. Es kommt vor allem bei Fieber und Schmerzen zum Einsatz. Vor zehn Jahren wurde allerdings eine aufsehenerregende Hypothese formuliert: Wissenschafter fragten, ob die Anwendung von Paracetamol möglicherweise für das Ansteigen von Asthma bei Kindern verantwortlich sein könnte. Der Hintergrund: In den USA wurde in den 80er-Jahren statt Aspirin oft Paracetamol verschrieben. Die Zahl der Asthma-Erkrankungen von Kindern hatte zugenommen. Der Einsatz von Paracetamol statt Aspirin, so die Vermutung, könnte zu einer verstärkten allergischen Immunantwort geführt und dabei die Anfälligkeit für Asthma und andere allergische Störungen erhöht haben.
Beliebtes Medikament

In der Folge wurden epidemiologische Studien durchgeführt, um den Zusammenhang zwischen Asthma und Paracetamol-Exposition im Mutterleib, in der Kindheit und im Erwachsenenalter zu untersuchen. Diese Arbeiten führten zur Annahme, dass der Einsatz von Paracetamol ein bedeutender Risikofaktor für die Entstehung von Asthma darstellen könnte.

Fieber bei den Kleinsten, Asthma im Vorschulalter

Den jüngsten Nachweis für diese Hypothese liefert eine internationale, epidemiologische Studie, die unlängst in der medizinischen Fachzeitschrift The Lancet veröffentlicht wurde. An dieser von der International Study of Asthma and Allergies in Childhood (ISAAC) durchgeführten Untersuchung nahmen mehr als 200.000 Kinder zwischen sechs und 17 Jahren an 73 medizinischen Zentren in 31 Ländern teil. Integrativer Bestandteil dabei war ein Fragebogen für Erziehungsberechtigte, der unter anderem Fragen zu aktuellen Asthma-Symptomen, Heuschnupfen, Ekzemen und anderen Risikofaktoren wie den Einsatz von Paracetamol bei Fieber während des ersten Lebensjahrs und die Häufigkeit der Paracetamol-Verabreichung in den letzten zwölf Monaten abfragte.

Die Studie kam zu dem Ergebnis, dass zwischen der Verabreichung von Paracetamol bei Fieber im ersten Lebensjahr und Asthma-Symptomen bei den sechs- und siebenjährigen Kindern ein Zusammenhang besteht. Nach Paracetamol-Einnahme erhöhte sich das Asthma-Risiko um zirka 46 Prozent.

Die Dosis macht das Gift

Auch ein dosisabhängiger Zusammenhang zwischen Asthma-Symptomen bei den sechs- bis siebenjährigen Kindern und der Anwendung von Paracetamol in den vorangegangenen zwölf Monaten wurde beobachtet. Zwischen der Einnahme von Paracetamol und dem Risiko schwerer Asthma-Symptome registrierte man ähnliche Zusammenhänge. Der Anteil der Asthmaanfälle, die der Einnahme von Paracetamol zugeschrieben werden konnten, wurde mit 22 bis 38 Prozent berechnet.

Die Verabreichung von Paracetamol sowohl im ersten Lebensjahr als auch bei sechs- bis siebenjährigen Kindern war auch mit einem erhöhten Risiko für Rhinitis und Ekzemen verbunden. Dies deutet darauf hin, dass die potenzielle Wirkung von Paracetamol nicht auf die Atemwege beschränkt ist und Auswirkungen auf eine Reihe anderer Organsysteme haben kann.

Kausalität unbekannt

Welche Mechanismen für den Zusammenhang zwischen Asthma sowie anderen Allergien und der Paracetamol-Einnahme verantwortlich sein könnten, war nicht Gegenstand der Betrachtung. Deshalb betonen die Autoren, dass aus dieser Art von retrospektiven Studien keine tatsächliche Kausalität ermittelt werden kann. Es könnten nämlich auch andere Faktoren dafür verantwortlich sein. So ist beispielsweise bekannt, dass Virusinfektionen der Atemwege in der Kindheit, wie etwa mit dem respiratorischen Synzytialvirus (RSV), mit einem erhöhten Asthma-Risiko in der späteren Kindheit verbunden sind.

Fiebern lassen

Die Studie stellt aber noch ein weiteres Faktum in Diskussion: Inwieweit muss Fieber bei Kindern überhaupt behandelt werden? Fiona Russell und ihre Kollegen kamen im Bulletin der Weltgesundheitsorganisation zur Ansicht, dass die vorhandenen wissenschaftlichen Ergebnisse darauf hindeuten, dass es sich bei Fieber um eine universelle, archaische und üblicherweise günstige Reaktion des Körpers auf eine Infektion handelt und die Unterdrückung in den meisten Fällen wenige bis gar keine nachweislichen Vorteile bringt - im Gegenteil. Die Unterdrückung von Fieber kann mitunter nachteilige Effekte haben. Ihr Schluss: Die weit verbreitete Anwendung von fiebersenkenden Medikamenten sollte nicht gefördert werden und nur bei sehr hohem Fieber oder starken Schmerzen erfolgen.

Folgestudien notwendig

Einig sind sich die Wissenschafter, dass randomisierten Kontrollstudien über die langfristigen Auswirkungen der wiederholten Anwendung von Paracetamol bei Kindern notwendig sind. Erst dann wird es möglich sein, evidenzbasierte Richtlinien für die empfohlene Anwendung dieses Wirkstoffes bei Kindern zu formulieren.

Da derartige Forschungsergebnisse noch ausstehen, bleibt Paracetamol also der bevorzugte Wirkstoff zur Behandlung von Schmerzen und Fieber im Kindesalter. Dies bezieht sich allerdings auf die Anwendung gemäß der Richtlinien der WHO. Sie besagt, dass Paracetamol Kindern nur bei hohem Fieber (38,5 Celsius oder höher) verabreicht werden soll.

Denn Aspirin ist bei kleinen Kindern nicht empfohlen. Es besteht ein geringes Risiko am Reye-Syndrom, einer seltenen, aber ernsthaften Komplikation mit Schädigung von Gehirn und Leber zu erkranken. Paracetamol bleibt deshalb auch das Mittel der Wahl zur Behandlung von Schmerzen oder Fieber bei Kindern oder Erwachsenen mit Asthma, da Aspirin oder andere nichtsteroidale Entzündungshemmer bei empfindlichen Menschen Asthma-Anfälle auslösen können. (Richard Beasley*, DER STANDARD Printausgabe, 15.06.2009)

*Facharzt für Atemwegserkrankungen am Wellington Hospital in Neuseeland und Berater der globalen Asthma-Initiative der WHO.

  • Paracetamol senkt Fieber. Wissenschafter erforschen langfristige Neben- wirkungen.
    foto: michelle tribe

    Paracetamol senkt Fieber. Wissenschafter erforschen langfristige Neben- wirkungen.

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