Brüllt leiser Genossen!

12. Juni 2009, 11:14
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Johan Simons missversteht in "Instinct" Billy Wilder und seine eigenen Mittel

Wien - Ein dunkler Film in düsteren Zeiten: Billy Wilders Klassiker Double Indemnity (Frau ohne Gewissen) ist ein Film Noir auch in der direktesten Bedeutung des Wortes: Ein Großteil der Handlung wurde in die Nacht verlegt, die Ausleuchtung auf ein Minimum reduziert, die Gesichter waren teilweise nur schemenhaft erkennbar. Die Finsternis schien nahezu mit Händen greifbar.

Gedreht 1944 nach einer Novelle von James M. Cain, reflektiert Double Indemnity, ohne im geringsten von den zeitgleich verübten Gräueltaten des Nationalsozialismus zu sprechen, das unmerkliche Entgleiten aller moralischen Maßstäbe in den Mitgliedern einer Gesellschaft.

Schuldig im Sinn einer nicht nur christlichen Ethik werden alle. Nur einer aber fühlt sich gezwungen, zu gestehen. Der Versicherungsvertreter Walter Neff, der den Reizen der schönen Phyllis verfällt, ihr zu einer Unfall-Versicherung für den Tod ihres Mannes verhilft und für sie den fast perfekten Mord begeht.

Sexuelle und finanzielle Lüsternheit treibt, und darin liegt die verstörende Energie des Films, als längst selbstverständlich gewordene Motivation jeden Handelnden.

Die Gier nach Geld und Sex, die rücksichtslose Bereicherung auf Kosten anderer wären, wie seit Beginn des Theaters, auch heute ein Thema.

Mit Spannung zu erwarten war daher bei der Bearbeitung durch den Niederländer Johan Simons, der ab Herbst 2010 die Intendanz der Münchner Kammerspiele übernehmen wird, weniger der Plot als die Wahl der theatralen Mittel. Anders formuliert, die Frage: Wie nähert sich die Bühne heute einem solchen Stoff? Billy Wilder hatte 1944 in der Ausleuchtung und der Sparsamkeit der von Raymond Chandler adaptierten Dialoge die Möglichkeiten des jungen Mediums Film als Aussage über seine Zeit ideal genutzt.

Johan Simons Instinct dagegen setzt auf das Repertoire der Theater-Mottenkiste: Kostüme wie die Unterbrechung der Handlung durch Songs entstammen den Dreißigern des letzten Jahrhunderts, wurden von Bert Brecht weiland souveräner zur epischen Kenntlichmachung des Bühnengeschehens eingesetzt und wohl schon von Wilder als überholt gemieden.

Auch die Segnungen der Moderne erwiesen sich nicht als solche: Die portablen Mikros, die dem Ensemble des NT-Gent theoretisch das Flüstern ermöglicht hätten, ignorierte dieses kühn, was das permanente Schreien technisch in der kleinen Halle G zum Gebrüll überhöhte. Drei Stunden dauert der Abend - nur die Hälfte benötigt Double Indemnity. (Cornelia Niedermeier / DER STANDARD, 12.6.2008)

 

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    foto: phile deprez
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