"Wir sind so eine Art Gemüsekommune"

21. Juni 2009, 17:35
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Junges Gemüse sucht bio-affinen Pächter: Auf den Ökoparzellen der Stadt Wien kann nach Herzenslust gegärtnert und geerntet werden - Wenn man eines der Felder für ein Jahr ergattert

Zdenek muss sich ärgern, und daran kann auch das schöne Wetter nichts ändern. Schuld daran ist die Topinambur. "Ist ja unglaublich, dass jemand das anbauen darf, das ist ja ein Monstergemüse", regt sich der 59-jährige Wiener auf und zieht an seiner Zigarette.

Der Quell des Ärgers wächst etwa vier Meter Luftlinie von Zdeneks Roten Rüben entfernt und wuchert, dass es eine Freude wäre - würden sich die Wurzeln nicht metertief in die Erde graben und andere Gemüse in einem Verdrängungswettbewerb zur Aufgabe zwingen. "Alle niedermähen und ausreißen müsste man", empört sich Zdenek über die Wucherknolle.

Bio zum Selbermachen

Schauplatz des Monstergemüse-Dramas: Die Ökoparzellen der Stadt Wien in Essling, einen Katzensprung von der Stadtgrenze entfernt. 160 je 80 Quadratmeter große Parzellen können hier von Privatpersonen gemietet und für biologischen Gemüse- und Obstanbau genutzt werden. Die Stadt Wien bepflanzt die quadratischen Flecken Erde mit 15 Sorten biologischen und garantiert gentechnisch unveränderten Gemüses; für 100 Euro pro Saison (von Anfang Mai bis Ende Oktober) kann dann nach Herzenslust gegärtnert und geerntet werden.

Selber anbauen ist erlaubt

Wer mag, darf zu den von der Stadt Wien bereitgestellten Gemüsen natürlich auch weiter anbauen - allerdings nur rein biologisches Saatgut oder Setzlinge, und nicht jede Sorte. Kartoffeln (wegen der Gefahr des sich rasant verbreitenden Kartoffelkäfers) und Mais (wegen der Schwierigkeit, gentechnisch unverändertes Saatgut zu bekommen) etwa müssen draußen bleiben. Manch ein Gemüse hat noch eine Gnadenfrist: "Nächstes Jahr werden die ohnehin verboten", besänftigt Ökoparzellen-Chef Karl Mayer Gärtner Zdenek in der Causa Topinambur. 

Gärtnern mit Leidenschaft und Folientunnel

Abgesehen davon ist Zdenek von den Ökoparzellen schwer begeistert. "Dass es so etwas gibt, das ist grandios". Jeden zweiten Tag radelt er vom 9. Wiener Bezirk bis nach Essling. "15 Kilometer durch die Au, alleine das ist schon toll". Auf seiner Parzelle wachsen Rüben, Bohnen, Salate und Kräuter, insgesamt etwa 25 Sorten sind es - liebevoll gehegt und gepflegt.

"Manche betreiben das Gärtnern hier wirklich mit Herzblut und Leidenschaft", erzählt Karl Mayer. Seit über zehn Jahren ist er schon für die Ökoparzellen zuständig, und er hat schon viel erlebt. Pächter, die kleine Plastik-Folientunnel aufstellen, damit das Gemüse besser gedeiht; aber auch völlig verwilderte Parzellen, deren Pflege den Pächtern zu mühsam geworden ist.

Zwei mal pro Woche Unkraut jäten

Ganz ohne Arbeit geht es nämlich nicht, erzählt Mayer: "Zwei mal die Woche sollte man schon Unkraut jäten, sonst wuchert das zu". Bewässert werden die Felder von der Stadt zwei Mal die Woche, das reiche aus, erzählt Mayer. Gedüngt wird ebenfalls gratis, aber natürlich nur biologisch: Der Inhalt von Klasse-A-Biotonnen (also solchen, die die geringste Schadstoffbelastung und den höchsten Nährwert haben) darf in kompostiertem Zustand auf die Felder. Wiener Müll auf Wiener Feldern also? "Das ist bitte kein Müll, das ist Kompost", korrigiert Mayer prompt. 

Kein Kleinkrieg im Paradies

Anfang Mai werden die Felder übergeben, anmelden kann man sich schon im jeweils vorherigen Herbst. Auf die 160 Flächen kommen "unzählige Anmeldungen", berichtet Mayer. Schnelle Vormerkung ist also unvermeidlich. Viele der Mieter sind "Stammgäste", und Sonderwünsche werden erfüllt, so das möglich ist: Manche wollen ihre Parzelle aus dem Vorjahr wiederhaben, oder zumindest die alten Nachbarn. Man wächst zusammen auf den Ökoparzellen Essling, in einem Schrebergarten wäre es auch nicht anders. Und Kleinkrieg im Paradies, gibt es das auch? Mayer winkt ab, meistens gehe es "harmonisch" zu. "Wir sagen den Leuten am Beginn der Saison schon: Mach bitte nur, was deinen Nachbarn nicht stört. Die meisten halten sich dran".

"Jetzt fliegen die Karotten raus"

Konflikte sind also selten, dabei ist das Soziotop Ökoparzelle durchaus bunt gemischt. "Vom Pensionistenpaar über die Studentengruppe bis zur türkischen Großfamilie sind wirklich alle dabei", erzählt Mayer. Dementsprechend unterschiedlich sind auch die gemüsigen Bedürfnisse der Freizeitgärtner. Während der eine sich auf die ursprünglich angepflanzen Sorten beschränkt, pflanzt der andere eine Kohlplantage, deren Ertrag eine Großfamilie ernähren könnte. "Es gibt welche, die wissen genau was sie wollen", plaudert Mayer aus dem Nähkästchen. "Da heißt es gleich am ersten Tag nach der Übergabe: Jetzt fliegen die Karotten raus, wir wollen Buschbohnen!"

Knallig grüner Kopfsalat

Selia, 26, hat es der Salat angetan. Lollo Rosso, Lollo Bionda, Kopfsalat, Vogerlsalat. Liebevoll schaut sie auf ein leuchtgrünes Prachtexemplar von Kopfsalat und seufzt zufrieden. "So sieht der Salat, den man in Wien zu kaufen kriegt, nie aus - und schmecken tut der hier auch um Welten besser". Selia ist nur Mit-Gärtnerin, eigentlich hat der Freund eines Freundes sich die Parzelle gemietet. Aber wer Zeit hat, komme eben her um zu gärtnern und zu ernten, erzählt die Studentin. "Wir sind so eine Art Gemüsekommune". Bio-Gemüse ist für sie "eh schon lang ein Muss", erzählt Selia. Und das selbst gepflanzte sei, im Vergleich zum Angebot auf Märkten, "supergünstig."

Österreich als "Bio-Weltmacht"

Für die Stadt Wien sind die Ökoparzellen nur ein winzig kleiner Teil des biologischen Landbaus. 16 Prozent der Wiener Äcker werden biologisch bewirtschaftet, etwa 860 Hektar sind das auf den drei Stadtgütern Lobau, Essling und Magdalenenhof. Nur ein Teil landet als Bioware in österreichischen Supermärkten, viel wird exportiert, nach Deutschland oder Großbritannien etwa.

Es kann aber auch passieren, dass österreichischer Mais oder Kartoffeln den Weg bis in die USA finden, wenn dort nach absolut gentechnikfreiem Gemüse verlangt werde. "Die Amis bringen das nämlich gar nicht mehr zusammen", so Mayer. Österreich sei "eine Biomacht" geworden - "Da ist klar: Bei unseren Bioprodukten gibt es absolut keinen Genmurks", zeigt sich der Leiter des Esslinger Stadtgutes stolz.

Rechts nach den Buschbohnenstauden

Die große Biomacht Österreich ist an diesem Nachmittag nicht Thema am Ökoparzellen-Acker. Nachdem das leidige Topinambur-Thema geklärt ist, widmet sich Zdenek wieder der Gartenarbeit. Und baut sich seine eigene kleine Biomacht: Auf Parzelle 36, Reihe drei, gleich rechts nach den Buschbohnenstauden. (Anita Zielina, derStandard.at, 12.6.2009)

  • Jedem seine Parzelle: Gießkanne als Grundstücksbegrenzung.
    foto: derstandard.at/zielina

    Jedem seine Parzelle: Gießkanne als Grundstücksbegrenzung.

  • Zwei mal pro Woche wird das Gemüse bewässert.
    foto: derstandard.at/zielina

    Zwei mal pro Woche wird das Gemüse bewässert.

  • Buschbohnen: Noch nicht wirklich buschig, aber es ist ja erst Mitte Juni.
    foto: derstandard.at/zielina

    Buschbohnen: Noch nicht wirklich buschig, aber es ist ja erst Mitte Juni.

  • Bio-Melanzani fühlen sich im Folientunnel sichtlich wohl.
    foto: derstandard.at/zielina

    Bio-Melanzani fühlen sich im Folientunnel sichtlich wohl.

  • Karl Mayer und sein Reich: Das Bio-Gut Essling.
    foto: derstandard.at/zielina

    Karl Mayer und sein Reich: Das Bio-Gut Essling.

  • Bereits im Juni ist der erste Salat erntereif.
    foto: derstandard.at/zielina

    Bereits im Juni ist der erste Salat erntereif.

  • Hobby-Gärtner Zdenek: Lieber Rote Rüben als Topinambur.
    foto: derstandard.at/zielina

    Hobby-Gärtner Zdenek: Lieber Rote Rüben als Topinambur.

  • Grüner Salat wie aus dem Bilderbuch.
    foto: derstandard.at/zielina

    Grüner Salat wie aus dem Bilderbuch.

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