Ära des Internetionalismus

11. Juni 2009, 21:37
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Regierungen haben ihre liebe Not mit der scheinbar chaotisch wuchernden Netzkultur - Von Helmut Spudich

Der Zugang zum Internet ist ein Menschenrecht, auf diesen Nenner brachte es das französische Verfassungsgericht. Als oberster französischer Online-Gendarm wollte Nikolas Sarkozy mit illegalen Downloadern kurzen Prozess machen: drei Verstöße, und der Anschluss sollte abgedreht werden, und zwar durch eine einfache behördliche Maßnahme, der Entscheidung von Gerichten entzogen.

Regierungen in aller Welt haben ihre liebe Not mit der scheinbar chaotisch wuchernden Netzkultur. In Frankreich hoffte die Musik- und Filmindustrie auf eine radikale Handhabe, um tatsächliche oder vermeintliche Urheberrechtsverstöße ohne lästige Gerichtsverfahren ahnden zu können. In Deutschland sind ähnliche Maßnahmen im Kampf gegen Kinderpornografie in Diskussion. In China sucht ein autoritäres kommunistisches Regime, die inzwischen größte Internetnation der Welt im Griff zu behalten.

Willkommen in der Ära des Internetionalismus, dem perfekten Abbild einer unvollkommenen globalisierten Welt. Diese ist zwar nationalen Gesetzen verpflichtet, aber Grenzen verwischen, und es dauert, bis durch Usus, Präzedenzfälle und Gesetze die Regeln klarer gefasst werden. Dazu kommt, dass das Internet eine klassische disruptive Technologie für viele Bereiche ist, allen voran Medien und Unterhaltung - die Welt wird nie wieder dieselbe sein wie davor, daran würden auch scharfe Gesetze nichts ändern. Dieses globale Biotop lässt sich nur behutsam lenken, oder es wird zerstört. Zum Nachteil derer, die dieses versuchen. (DER STANDARD, Printausgabe, 12.6.2009)

 

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