Ex-Premier will in Straßburg ganz nach oben

11. Juni 2009, 20:13
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Jerzy Buzek dürfte neuer Präsident des EU-Parlaments werden

Bessere Chancen für Jerzy Buzek" und "Buzek fast am Ziel" titelten Polens Zeitungen nach den Wahlen zum Europäischen Parlament. Die genaue Auszählung der Stimmen hatte ergeben, dass der ehemalige Ministerpräsident Polens mit knapp 400.000 Stimmen der Überraschungssieger war. Da auch seine Partei, die regierende liberal-konservative Bürgerplattform, hervorragend abschnitt und künftig 25 von insgesamt 50 polnischen Parlamentariern nach Straßburg schicken wird, könnte Buzeks Traum tatsächlich wahr werden, der Traum, als Präsident den Vorsitz im Europäischen Parlament zu führen. Buzek wäre der erste Osteuropäer, der in ein Spitzenamt der EU gewählt würde.

Hinter den Kulissen haben die beiden größten Fraktionen, die konservative Europäische Volkspartei (EVP) und die Sozialisten, bereits vereinbart, sich in der kommenden Legislaturperiode wieder die Parlamentspräsidentschaft zu teilen. Als Nachfolger des jetzigen Präsidenten Hans-Gert Pöttering (CDU) ist neben Buzek zwar auch der Italiener Mario Mauro vom Popolo della Libertà im Gespräch, der vatikantreue Wunschkandidat des italienischen Regierungschefs Silvio Berlusconi. Doch seine Chancen werden derzeit als eher gering eingeschätzt, da die Sozialisten wohl kaum mehrheitlich für einen Kandidaten des rechtslastigen Popolo della Libertà stimmen werden.

Jerzy Buzek hingegen, dem Chemieprofessor aus Oberschlesien, werden sowohl Fleiß als auch Kompetenz bescheinigt. 2004, direkt nach dem Beitritt Polens zur EU, zog er erstmals ins Europäische Parlament ein. Seitdem engagiert er sich im Ausschuss für Industrie, Forschung und Energie. In Polen trat Buzek erstmals 1997 ins Rampenlicht, als der bis dahin unbekannte Professor überraschend zum Premier nominiert wurde. Nur wenige erinnerten sich, dass Buzek in den 80er-Jahren ein aktiver Mitstreiter der Gewerkschafts- und Freiheitsbewegung Solidarnooeæ war. Später gelang es ihm, eine Professur im Ausland zu erhalten. Kaum jemand erwartete, dass er nach Polen zurückkommen würde.

Berühmt wurde Jerzy Buzek aber auch durch seine Tochter, die erfolgreiche Schauspielerin Agata Buzek. Zunächst argwöhnten Polens Medien, dass die Schauspielschülerin nur deshalb Rollen von bekannten Regisseuren angeboten bekam, weil sie die Tochter des polnischen Premiers sei. Inzwischen aber wird der Politiker schon mal gefragt: "Sagen Sie, diese Agata Buzek, diese Charakterdarstellerin - sind Sie eigentlich mit der verwandt?" (Gabriele Lesser/DER STANDARD, Printausgabe, 12.6.2009)

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    foto: epa
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