Entspannung überfällig

11. Juni 2009, 20:05
3 Postings

Noch heute wissen viele Italiener nichts über die Gräueltaten der Kolonialtruppen in Libyen - Von Gerhard Mumelter

Bizarr, aber wahr: Der 1979 gedrehte Film Der Löwe der Wüste, in dem Anthony Quinn den libyschen Freiheitshelden Omar Mukhtar verkörpert, ist in Italien seit 30 Jahren verboten. Die offizielle Begründung: Es handle sich um eine "Schmähung der italienischen Streitkräfte". Noch heute wissen viele Italiener nichts über die Gräueltaten der italienischen Kolonialtruppen in Libyen. Nach 75 Jahren beginnt nun mit dem ersten Besuch des libyschen Staatschefs Muammar Gaddafi in Rom ein neues Kapitel in der wechselvollen Geschichte beider Länder.

Italien lässt sich die Wiedergutmachung faschistischen Unrechts einiges kosten. Fünf Milliarden Dollar will das Land in den kommenden Jahren in Libyen investieren. Dass Gaddafi, der nach seiner Machtergreifung 1970 die Ausweisung von 20.000 Italienern verfügt hatte, in Rom pompös wie ein Star empfangen wurde, sorgte für etliches Unbehagen. Doch der Besuch markiert auch den positiven Schlusspunkt eines langen Annäherungsprozesses des libyschen Diktators an Europa. Der unberechenbare Staatschef, dessen Land terroristische Vereinigungen unterstützt und noch 1986 Raketen auf Lampedusa abgefeuert hatte, bekennt sich heute zum Kampf gegen den Terrorismus und will zur Beendigung der Piraterie im Roten Meer beitragen.

Die überfällige Normalisierung der Beziehungen zwischen Rom und Tripolis leistet so auch einen wichtigen Beitrag zum Abbau der Spannungen im Mittelmeerraum. Italiens Fernsehzuschauer konnten am Donnerstag dagegen erstmals Anthony Quinn als Wüstenlöwen sehen. (DER STANDARD, Printausgabe, 12.6.2009)

Share if you care.