Wer das Geld hat, kann Musik machen

11. Juni 2009, 19:19
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Die Anklage gegen Mitglieder des ÖSV lautet auch auf Begünstigung des Dopings. Ist darunter auch die Kapitalbeschaffung zu verstehen?

Wien - Die Anklage des Turiner Staatsanwaltes Raffaele Guariniello gegen ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel und weitere neun aktuelle und ehemalige Verbandsmitglieder und -mitarbeiter wegen des Verdachts, Doping begünstigt oder vollzogen zu haben, hat die Diskussion radikalisiert. Der ÖSV spielte durch Presseerklärungen und Stellungnahmen des offenbar mit der Verteidigung des Verbandes in dieser Causa betrauten Anwalts Manfred Ainedter die Angelegenheit herunter. Ainedter wählte die Worte, es handle sich um "rechtsstaatlich bedenkliche" Vorgänge in Italien. Dort werde, so Ainedter weiter, offenbar ein "Schauprozess" vorbereitet, der "politisch motiviert sei", um den "mächtigen ÖSV-Präsidenten" zu beschädigen.

Darüber hinaus könne, so ÖSV-Generalsekretär Klaus Leistner, Schröcksnadel mit der Sache schon deshalb nichts zu tun haben, weil der ÖSV die Quartiere, in denen Carabinieri während der Winterspiele von Turin Doping-Instrumentarien sicherstellten, nicht selbst gemietet habe. Markus Gandler, ÖSV-Direktor für Biathlon und selbst wegen Begünstigung von Doping in Turin angeklagt, räumt mittlerweile allerdings selbst ein, in Turin sei "nicht alles astrein gewesen". Im Turiner Prozess gehe es darum, "Schröcksnadel anzupinkeln". Der die Turiner Ermittlungen führende Staatsanwalt Guariniello bezeichnete das Doping der Österreicher als "gut organisierte Strategie".

Der ÖSV und seine Mitarbeiter haben selbstverständlich jedes Recht, sich zu verteidigen. Für alle Beteiligten gilt die Unschuldsvermutung.

Eine der Kernfragen ist, was Guariniello unter "Begünstigung von Doping" versteht. Für den ÖSV sind nur Schröcksnadel und Leistner zeichnungsberechtigt. Falls Leistner nicht allein den Mietvertrag für die Häuser in Pragelato und San Sicario unterzeichnet hat, sondern auch Schröcksnadel, hatte der Präsident mit der Quartierwahl doch zu tun. Das ÖOC jedenfalls hat die Häuser weder bestellt noch bezahlt. Es hat freilich dem Antrag des ÖSV zugestimmt, außerhalb des Olympischen Dorfes Privatunterkünfte anzumieten. Das nachvollziehbare Motiv des ÖSV: Biathleten und Skilangläufer sollten nahe den Wettkampfstätten und nicht im weit entfernten Olympischen Dorf wohnen.

Markus Gandler wohnte im besagten Haus, in seinem Zimmer wurden, so ist im IOC-Bericht zu lesen, haufenweise Doping-Utensilien sichergestellt. Sollte Schröcksnadel das Quartier besucht haben und im Zimmer von Gandler gewesen sein, könnte ihm etwas aufgefallen sein, was dem IOC-Anti-Doping-Code widerspricht. Das war wohl nicht der Fall, sonst hätte Schröcksnadel sicher Alarm geschlagen.

Die Aufdecker des Watergate-Skandals um Richard Nixon, Bob Woodward und Carl Bernstein, folgten "der Spur des Geldes". Diese Strategie könnte auch ins Zentrum der Doping-Finanzierung führen. Denn eine der zentralen Fragen ist: Wie kann das (erhebliche) Kapital für den Erwerb der (sauteuren) Stoffe und des Know-hows über längere Zeiträume aufgebracht werden?

Vereine und Verbände müssen im Gegensatz zur Wirtschaft keine doppelte Buchhaltung führen und können erhebliche Teile ihrer Ausgaben auch mittels sogenannter Eigenbelege abrechnen.

Im Vereinsgesetz ist festgehalten, dass Reisen (zu Trainings- und Wettkampfstätten) "zumindest aus den Aufzeichnungen des Sportvereines ersichtlich sein" müssten. Grundsätzlich gelte zwar das "Belegprinzip", doch genüge in manchen Fällen, "dass die Ausgaben bloß glaubhaft gemacht werden". Und zwar dann, wenn "für Aufwendungen vom Empfänger aufgrund allgemeiner Verkehrsübung keine oder meist nur mangelhafte Belege erteilt werden". Glauben müssen diesem Prozedere der Kassier und der Rechnungsprüfer des Vereines und Verbandes.

Um Klarheit über die tatsächliche Eigenbelegslage zu gewinnen, verschickt der Standard an alle Mitgliedsverbände der Bundes-Sportorganisation (BSO) sowie an große Vereine einen Fragenkatalog (siehe unten).

Theoretische Chance

Damit soll keinesfalls auch nur angedeutet werden, dass die Befragten jemals mit Doping etwas zu tun hatten. Auch beim Handling mit Eigenbelegen gilt selbstverständlich die Unbedenklichkeitsvermutung: mit den Fragen soll nicht etwa angedeutet werden, dass die Abrechnung mit Eigenbelegen in irgendeiner missbräuchlichen Absicht erfolgt(e). Doch diese - in den meisten europäischen Staaten übrigens ebenso übliche - Buchhaltung von Sportvereinen bietet (zumindest theoretisch) eine Chance für das systematische Freispielen von Finanzmitteln. Natürlich kann das Kapital für Epo und andere chemische Helferleins auch auf anderem Weg aufgestellt werden.

Aber die einschlägigen Vorschriften per Gesetz zu ändern, könnte einen Schlag gegen die Unfairness bedeuten. (Johann Skocek, DER STANDARD, Printausgabe, Freitag, 12. Juni 2009)

Fragen an Verbände und Vereine

Auf der Suche nach den Abrechnungsarten im österreichischen Sport

Diese acht Fragen zum Thema "Sauberer Sport" ergingen an alle Mitgliedsverbände der Bundes-Sportorganisation (BS0) sowie an bekannte Vereine aus verschiedenen Sportarten (u. a. Leichtathletik, Radfahren, Fußball). Es wurde ersucht, binnen zehn Tagen zu antworten.

  • Haben Sie mit den öffentlichen Förderstellen aus Stadt, Land und Bund die Einnahmen und Ausgaben jährlich mittels Fremdbelegen abgerechnet?
  • Oder wird eine andere Art der Abrechnung gepflogen, und wenn ja, welche?
  • Wie werden Ihre sonstigen Einnahmen, Sponsoren-Zahlungen, Spenden, Lizenzgebühren aus TV- und ähnlichen Medien-Kooperationen, Ticketeinnahmen, Mitgliedsbeiträge und Sonstiges verbucht?

Dazu einige detaillierte Fragen:

  • Wie erfolgt die Prüfung Ihrer Kassa? Durch interne oder externe Kassaprüfer?
  • Sind zur Abrechnung von Ausgaben Eigenbelege zulässig? Hier sind Eigenbelege nach dem Vereinsrecht gemeint (Rz 774 Vereinsrecht), die zur Verrechnung von Reisen und ähnlichen Ausgaben verwendet werden können, falls keine Fremdbelege für die Abrechnung der Betriebsausgaben erlangbar sind.
  • Falls keine Eigenbelege bei Ihren Abrechnungen akzeptiert werden: Werden sämtliche anerkannten Ausgaben durch Fremdbelege wie Lieferantenrechnungen, Spesenrechnungen, Hotelrechnungen etc. abgerechnet?
  • Ist in Ihrer Organisation eine Mischlösung vorgesehen? Beispielsweise öffentliche Gelder mit Fremdbelegen abzurechnen und Sponsorengelder, Ticketeinnahmen und Ähnliches (siehe oben) auch oder ausschließlich durch Eigenbelege zu verrechnen?
  • Für welche Jahre ist ihre Abrechnung abgeschlossen?
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Schröcksnadel sieht dem Prozess gelassen entgegen.

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