Der leise Zweifel am großen "Mann des Volkes"

11. Juni 2009, 19:10
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Selbst in Präsident Ahmadi-Nejads Geburtsort zweifeln die Menschen an seiner Wiederwahl

Der iranische Präsident Mahmud Ahmadi-Nejad will sein Amt behalten. Heute, Freitag, ist die Wahl. Doch selbst die Menschen in seinem Geburtsort zweifeln daran, dass er es schafft. Ein Lokalaugenschein.

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Als ob hier eine geheime Atomanlage versteckt wäre, werden die Fremden in Aradan auf Schritt und Tritt von einer Polizeieskorte und einem Aufpasser mit laufendem Tonbandgerät begleitet. Aradan, 120 Kilometer östlich von Teheran, ist nicht irgendein iranisches Dorf: Hier ist vor 52 Jahren Präsident Mahmud Ahmadi-Nejad zur Welt gekommen. Damals hieß die Familie noch Saborjian. Das bescheidene, weitgehend zerfallene Lehmhaus, in der er bis 1963 gelebt hat, wird den Besuchern gerne gezeigt. Es belegt, was seine Anhänger, etwa auf dem Basar von Aradan, immer wieder hervorheben: "Er ist ein Mann des Volkes."

"Seit 60 Jahren betreibt die Familie Viehzucht und Ackerbau", erklärt seine Großcousine Mazoume und schließt Ahamdi-Nejads Wahlbüro in einer Husseiniya, einem kleinen Gebetshaus, auf. "Im Dorf hat sich nichts verändert, seit er Präsident ist, aber für den Iran und die Armen hat er viel getan."

Ahmadi-Nejad will sich mit dem Slogan "Gerechtigkeit" die Wiederwahl sichern. In Aradan haben die Menschen die Losung verinnerlicht. Das neue Spital wäre sowieso fällig gewesen, verteidigen sie den Neubau. Der Chef der Wahlorganisation auf dem Gemeindeamt hat sogar das Porträt des Konservativen von der Wand genommen und in einem Glasschrank verstaut, um nicht den Anschein von Parteilichkeit zu wecken.

In der Hand des Präsidenten

Aradan ist fest in der Hand von Sympathisanten des Präsidenten. Dass sie nicht sicher sind, ob der Sohn ihres Dorfes gewinnt, lässt sich an vielen Mienen ablesen. "Das Land gehört Ahmadi-Nejad. In den Städten gewinnt Mussavi. Die Minderheiten der Sunniten und Kurden werden für Karrubi stimmen", analysiert einer von ihnen. Der frühere Premier Mir-Hossein Mussavi und Ex-Parlamentspräsident Mehdi Karrubi sind Kandidaten der Reformbewegung.

Die Einwohner, die nicht für Ahmadi-Nejad sind, möchten lieber gar nicht reden, solange das Tonband des Aufpassers läuft. In der benachbarten Kreisstadt Garmsar können wir uns wenigstens wieder frei bewegen.

Eine Gruppe Chauffeure ist hier in eine hitzige Diskussion verwickelt. "Ich wähle Ahmadi-Nejad, weil er im Ausland beliebt ist", meint einer. Ein anderer lobt die Reisen des Präsidenten durch alle Provinzen des Landes. Der Ladenbesitzer nebenan erzählt, dass seine Rente von 260 auf 400 Dollar gestiegen ist und dass eine Metro von Teheran nach Garmsar im Bau sei. Rentenerhöhungen und Geldgeschenke sind für Millionen Iraner und Iranerinnen ein Argument, den Präsidenten wieder zu wählen - auch wenn die Inflation die nominale Steigerung aufgefressen hat. Wahlplakate zeigen Ahmadi-Nejad immer wieder als Beschützer von Armen und Alten.

Am zentralen Imam-Khomeini-Platz in Garmsar haben die Reformkandidaten Mussavi und Karrubi ihre Wahlbüros eingerichtet. Bei Mussavi sitzt ein wütender Lehrer. "Ahmadi-Nejad hat uns die versprochenen Wohnungen nicht zugeteilt. Zudem setzt er Militärleute in der Schulverwaltung ein, und im Ausland besucht er Länder, die nicht einmal auf der Landkarte sind", lamentiert er. Befriedigt nimmt er immerhin zu Kenntnis, dass im Wahlkampf offen Kritik geübt werden kann.

Schwung und Kreativität

"Mit dieser Kampagne wurden neue Freiräume geschaffen und rote Linen verschoben. Es wird schwierig werden für das Regime, diese Freiheit wieder einzuschränken", meint die Soziologin Ziba Djaleli-Naini. Am meisten Schwung und Kreativität hat die Kampagne von Mussavi, die vor allem von den Jungen getragen wird. Der Kunststudent Mustafa Hassani gehört zu den Erfindern der grünen Bewegung. "Grün steht für etwas Neues, für Frühling, aber auch für den Islam", sagt er. Grüne Bänder, Kopftücher, T-Shirts oder Taschen - der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. "Jeder, der etwas Grünes trägt, tut seinen Willen kund und ist so ein lebendiges Poster."

Mit einer 18 Kilometer langen Menschenkette von Nord- nach Süd-Teheran haben tausende Grüne ihre Präsenz in einer neuen Form gezeigt und ihr "Bye, bye Ahmadi" gerufen. In die Enge getrieben, hat der Präsident in den Fernsehdebatten mit persönlichen Angriffen gegen Mussavis Frau Zahra Rahnavard und Korruptionsvorwürfen gegen seine Konkurrenten reagiert und damit den Ton schärfer und rauer gemacht.

Je höher die Wahlbeteiligung, desto schlechter die Chancen für Ahmadi-Nejad. Vor vier Jahren haben sich seine Rivalen über massiven Wahlbetrug beklagt. Die Vorwürfe sind nie untersucht worden. Heute verkünden Karrubis Plakate: "Diesmal bleiben wir alle wach." (Astrid Frefel aus Aradan/DER STANDARD, Printausgabe, 12.6.2009)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Ein Anhänger des Präsidenten hält bei einer Wahlveranstaltung das Bild Ahmadi-Nejads hoch.

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