Schauprozess

11. Juni 2009, 19:07
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Glaubt Schröcksnadel wirklich, Italien verfolge ihn böswillig und unter Umgehung rechtsstaatlicher Normen?

Peter Schröcksnadels Anwalt Manfred Ainedter richtete der Turiner Staatsanwaltschaft aus, sie führe einen Schauprozess gegen seinen Mandanten und weitere neun Mitglieder des Österreichischen Skiverbandes.

Schauprozess ist ein Vokabel und ein Instrument der Diktatur. Schauprozesse dienten beispielsweise in Stalins Terrorregime dazu, Dissidenten öffentlich zu diskreditieren und der von vorneherein feststehenden Verurteilung - und in der Regel der physischen Vernichtung - zuzuführen. Viele der Angeklagten kamen freilich Stalins Henker durch Selbstmord zuvor.

Niemand und schon gar nicht Schröcksnadel/Ainedter oder die Pressestelle des ÖSV ("Also ein Schau- bzw. Scheinprozess?") will Italiens Justiz mit den Knochenmühlen Stalins vergleichen. Doch plagt einen die Vorstellung, wie Österreichs Medien und (Sport-)Institutionen mit italienischen Sportfunktionären und Anwälten umgesprungen wären, hätten die eine Anklage der Republik Österreich gegen einen verdächtigen Italiener als Schauprozess (und Österreich damit indirekt als Bananenrepublik mit politisch gelenktem Justizsystem) bezeichnet.

Ein Schauprozess sucht im Unterschied zu einem rechtsstaatlichen Verfahren eben nicht Schuld von Unschuld zu trennen. Werden Schröcksnadel und Co freigesprochen, steht ihre Unschuld nicht fest, da der Prozess eine Farce war? Glaubt Schröcksnadel wirklich, Italien verfolge ihn böswillig und unter Umgehung rechtsstaatlicher Normen? Sind Sportfunktionäre tragbar, deren Anwälte Nachbarländer derart kommentieren? (Johann Skocek, DER STANDARD, Printausgabe, Freitag, 12. Juni 2009)

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