Ein neues Haus für alte Träume

11. Juni 2009, 18:51
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Brüssel hat seinem berühmten Sohn René Magritte 42 Jahre nach seinem Tod ein Museum geschenkt: eine touristische Marke für die Stadt und ein weiterer Baustein im Komplex der Königlichen Museen

Sein Wandgemälde für das Brüsseler Kongressgebäude (1961), eines seiner Himmelsbilder im charakteristisch lichten Blau, hat René Magritte gar nicht selbst gemalt. Das erledigten Anstreicher für ihn. Aus zwei Gründen verwundert das nicht: zum einen, weil Paul Delvaux zeitgleich eine zweite Wand gestaltete und Magritte und Delvaux sich spinnefeind waren. Zum anderen hat ihn Malerei nie sonderlich interessiert. "De Chirico", sagte Magritte, "hat als erster Maler daran gedacht, mit der Malerei etwas anderes als Malerei zum Ausdruck zu bringen." Es war das Neukombinieren von Motiven, das Erfinden neuer Mysterien, die Poesie und Idee von Bildern, die den Mann mit der Melone zeitlebens faszinierte. Psychologische Deutungen verbat er sich allerdings.

Das Wandgemälde ist derzeit nicht zu besichtigen: Rundum am Brüsseler Berg der Künste wird renoviert, so auch das Kongressgebäude, das sich in ein schlichtes weißes Gebäudenetz hüllt. Einen Steinwurf entfernt, am Place Royale, sind diese Hüllen bereits gefallen: Das Magritte-Museum, ein neuer Baustein im Komplex der Königlichen Museen der schönen Künste, öffnete vergangene Woche seine Pforten. Zur Zeit der Habsburger war hier im Palais Altenloh die königliche Lotteriestelle untergebracht, zuletzt die Kunst des 19. Jahrhunderts, die nun rund 200 Arbeiten des wohl bekanntesten belgischen Surrealisten (1898- 1967) weichen mussten.

Auf einem Drittel der 2400 Quadratmeter präsentiert man, dicht und in dämmriges Dunkel getaucht, 75 Gemälde Magrittes, der in kubistischer und futuristischer Manier zu malen begann, später dann aber jegliche Form des Ungegenständlichen als sinnlos ablehnte; dazu gesellen sich Gouachen, Zeichnungen, Beispiele seiner Werbegrafik, Autografen, Fotos, Filmmaterial und die acht entworfenen, aber erst nach seinem Tod gegossenen Skulpturen Magrittes.

Wie in Höhlen taucht man Geschoß für Geschoß ein. Eine Dunkelheit, die schläfrig macht, aber die Intimität der Werke bewahrt. Auf die weltweit umfangreichste Magritte-Sammlung ist Brüssel stolz. Trotz der Vermächtnisse von Magrittes Witwe und Muse Georgette und seiner Freunde und surrealistischen Mitstreiter Irène Hamoir und Louis Scutenaire ist die Dichte der Hauptwerke nicht so groß, wie es einem Magritte-Museum eigentlich zustünde. Von den Wortkompositionen, deren berühmteste, Der Verrat der Bilder (1929) -, besser bekannt als Ceci n'est pas une pipe - im Los Angeles County Museum hängt, könnte es ein wenig mehr sein. Magritte: "Ein Bild ist nicht zu verwechseln mit einer Sache, die man berühren kann. Können Sie meine Pfeife stopfen? Natürlich nicht! Sie ist nur eine Darstellung. Hätte ich auf mein Bild geschrieben, dies ist eine Pfeife, so hätte ich gelogen."

Sicher gibt es Bilder, die man sich gewünscht hätte, gesteht Sammlungsdirektorin Virginie Devillez. Dazu zählen etwa Jeune fille mangeant un oiseau (1927), heute in Düsseldorf. Oder ein anderes Gemälde aus diesem für Magrittes Werk wichtigen Jahrzehnt, L'assassin menacé, das im New Yorker Moma befindliche Gegenstück zum wohl teuersten Brüsseler Sammlungsankauf, dem Joueur secret (beide 1927). Das für Magritte ungewöhnlich große Format macht es so exzeptionell: 1,3 Millionen Dollar ließ man sich den Ankauf 1995 bei einer Auktion in New York kosten. Beide Gemälde hofft Devillez einmal als Leihgaben zeigen zu können. Die Aufgabe ihres Hauses sieht Devillez auch in der wissenschaftlichen Forschung, zum Beispiel zu jenen burlesken Filmen Magrittes, die unvollendet blieben. Die Magritte-Forschung stehe weit zurück hinter dem weltweiten Bekanntheitsgrad seiner millionenfach reproduzierten und plakativ nutzbaren Bilder.

Magrittes Bilder sind zwar über die ganze Welt verstreut, er selbst blieb seiner Heimat treu. Nur kurz zog es ihn nach Paris, zu den französischen Surrealisten um André Breton. Aber er brach mit Breton und kehrte zurück nach Brüssel. Die Abrechnung servierte ihm dieser in Form bitterer Beleidigungen mehr als zehn Jahre später. Magritte antwortete wutschnaubend mit seiner obszönen "Période vache".

24 Jahre verbrachte er mit seiner Frau Georgette und einem kleinen Hund in der Wohnung im Brüsseler Vorort Jette. Ein kleines Museum in dem Haus erlaubt Blicke in das winzige Esszimmer, wo er seine bekanntesten Werke schuf. Es ergänzt den touristischen Tanz, den Brüssel um seinen berühmten Sohn veranstaltet. Hier in Jette findet sich unter allerlei Erinnerungen ein besonders nettes Stück: Ein Teppich, den sich der dem Unbewussten des Traumes verpflichtete Surrealist vors Bett legte. Darauf ein Text von Paul Nougé: "Wenn deine Gedanken hier den Rand des Traums streifen, erinnere dich!" (Anne Katrin Feßler aus Brüssel / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.6.2009)

 

  • "Die Rückkehr" (1940): Das Motiv war einst das Markenzeichen der staatlichen belgischen Fluglinie Sabena.
    foto: musée magritte

    "Die Rückkehr" (1940): Das Motiv war einst das Markenzeichen der staatlichen belgischen Fluglinie Sabena.

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